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Rezension
Der zweite Blick

Am 15.Juni 1961 stellte der damalige Staatsratsvorsitzende der DDR in einer Pressekonferenz noch fest: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ Zwei Monate später sperrte nächtens ein Großaufgebot an Militär die Grenze zwischen Ost- und Westberlin. Der Bau der Berliner Mauer nahm seinen Anfang.
Bis zu ihrem Fall 1989 entstanden in Westberlin rund um das Bauwerk und den Reaktionen der Menschen dazu unzählige Fotografien. Manche zählen heute zu Klassikern der Fotogeschichte: die an der Mauer herumturnenden Kinder; die drei auf einem Verteilerkasten stehenden Männer – zwei Momente von Henri Cartier-Bresson festgehalten; Günter Zints Aufnahme von Eltern, die ihre Babies über die Absperrung halten, damit die Großeltern im Osten sie sehen können oder das Foto des an der Mauer sich hochziehenden Kennedy-Beraters Lucius D.Clay.
Eigene im Westen errichtete Aussichtplattformen gaben Blicke über die Mauer nach Ostberlin und den dazwischen liegenden „Todesstreifen“ frei.
Wenige Bilder gab es jedoch lange zum entgegengesetzten Blick: die Sicht aus DDR-Perspektive auf ihr eigenes Bauwerk.
Bis 1995 die Journalistin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer in einem Militärarchiv in Potsdam einen Karton öffneten. Der Inhalt: ein Wust an Kleinbildnegativen mit Aufnahmen der Mauer von 1965/1966 aus dem ehemaligen Bestand der DDR-Grenzgruppen. Reihte man die Fotos aneinander, ergaben sich Panoramen der ersten Version der Absperrung.
Es dauerte weitere eineinhalb Jahrzehnte bis diese Bilder einer Öffentlichkeit zugänglich wurden. 2011 wurde von Gröschner und Messmer die vielbeachtete Ausstellung Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer inklusive umfangreicher Buchdokumentation gezeigt. Praktisch lückenlos und menschenleer konnte nun die innerstädtische Barriere von der Ostberliner Seite aus erstmals gesehen werden.
Nach dem Fund weiteren Materials entschlossen sich die beiden Autoren, wie sie es selbst formulieren, ihre ursprüngliche Veröffentlichung „neu zu kontextualisieren und zu strukturieren.“ Als Ergebnis liegt seit heuer (2016) ein Monumentalwerk zur Berliner Mauer vor: Inventarisierung der Macht. Auf über 1.300 Seiten und mehr als 1.600 Abbildungen wird nicht nur erstmalig der gesamte Verlauf der Mauer rund um Westberlin als Panorama erfasst. Die nun zweibändige Ausgabe erweitert den Blick auf viele Details, die noch schärfer neben der Monstrosität des „antifaschistischen Schutzwalls“ auch die „Buchhaltung“ aller Abläufe und Ereignisse im Zusammenhang mit der Mauer durch die Grenzbewacher enthüllt.
Penibel sammelte die Bürokratie der DDR jede noch so nebensächliche Information in Wort und Bild. Fluchttunnel wurden dokumentiert, Positionen von Leitern wurden festgehalten; Skizzen über erfolgreiche und  gescheiterte Fluchtwege angelegt. Neben Unterlagen zu Festnahmen („Eine ihm bekannte Person drang in die Wohnung ein. Es kam zu einer tätlichen Auseinandersetzung, wobei er dem Mann ein Fass Tinte auf die Kleidung schüttete. Er ging dann ins Grenzgebiet, weil er hoffte, bei den Posten Hilfe zu bekommen.“) fanden sich Beurteilungen der eigenen Grenzorgane („Besonders hervorzuheben ist sein klassenmäßiges Auftreten bei gegnerischen Provokationen an der Staatsgrenze“ oder „Er sieht nur die uniformierten Kräfte Westberlins als Feind, nicht aber 13-jährige Mädchen.“). Lob und Tadel gab es nicht nur für die Zweibeiner, selbst die Wachhunde hatten ihren eigenen Akt („Cirra v. großen Zug, 23.10.1959, grau-braun, Grützbeutel am Hals, Schutzhund“).

Die Qualität von Inventarisierung der Macht – Die Berliner Mauer aus anderer Sicht besticht in vielfältiger Weise. Die präzise Aneinanderreihung von Archivbildmaterial schafft einen typologischen Zugang zu den Instrumenten einer Diktatur in bester Tradition der Becher-Schule. Es demonstriert eine kleingeistige Welt, die Angst und Drohung als Hauptdarsteller brauchte, um die eigene Existenz aufrecht erhalten zu können. Vieles wirkt beinahe dreißig Jahre nach dem Ende der DDR lächerlich und unvorstellbar.

2016 zerschneiden in Belfast nach wie vor die ab 1969 nach und nach aufgestellten Walls of Shame protestantische und katholische Nachbarschaften. In den USA propagiert ein radikaler Präsidentschaftskandidat, die ohnehin schon teilweise bestehende Tortilla-Mauer zwischen Mexiko und den USA lückenlos zu vervollständigen. Israel versah bei der ab 2002 errichteten, durchgehenden Absperrung zum Westjordanland einzelne Abschnitte mit einer bis zu acht Meter hohen Mauer. Spanien hat seinen Zaun zu Afrika rund um die Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko verstärkt und erhöht. Knapp zehn Jahre nach dem Schengen-Abkommen beginnen die EU-Mitgliedsstaaten sich wieder von einander wortwörtlich abzugrenzen. Mauern, Zäune, Grenzanlagen. Jedes beschränkte Denken lässt die Welt wieder enger werden.

Annett Gröschner, Arwed Messmer
Inventarisierung der Macht
Die Berliner Mauer aus anderer Sicht
Hatje Cantz 2016
1.328 Seiten, 1.627 Abb.
21,60 x 30,20 cm
gebunden, 2 Bände, Papp-Banderole
ISBN 978-3-7757-4095-1
€ 98,00

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Do. 03/11/2016

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