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Zita Oberwalder, Sarajevo 2013
©: Zita Oberwalder

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Rezension
Der Ort, seine Zeit und die Bilderzählung

“Here lies One Whose Name was writ in Water”. Eine Zeile aus der Bildliste zu Zita Oberwalders Ausstellung Transition. Lied eines Straßenhundes erweist sich als Epitaph auf dem Grabstein des englischen Dichters John Keats in Rom.
Gegenüber der quadratischen Schwarzweißfotografie zweier Stelen und weiterem Text, den die Fotografin dem Bild beistellt (Cimitero acattolico Rom, 2013 … John Keats gestorben 23. Februar 1821 in Rom), ist die hier eingangs angestellte Darstellung allerdings schon Interpretation, die, nach Vergleich mit weiteren Fotografien der Ausstellung, offensichtlich so nicht intendiert sein kann. Das Bild zeigt einen Ort mit Baumbestand, im Zentrum die zwei Stelen. Der Textverweis zwar deutet auf den römischen Friedhof hin, Name und Datum auf Keats. Bleibt es bei diesen wenigen Details, eröffnet sich allerdings ein weiter Vorstellungsraum, in dem sich die Fotografie vom konkreten Ort löst und einen Übergang (Transition) in eine imaginierte Erzählung der (Bild-)Autorin bildet.

Zita Oberwalder ist keine Reisefotografin im herkömmlichen Sinn, vielmehr eine Reisende, die mittels Kamera und analoger Fotografie, Bildtitel, Texten und Textfragmenten poetisierte Zusammenhänge schafft, die über die jeweiligen Bildinhalte und den Blick durch die Kamera hinausreichen. Die Fotografien selbst erweisen sich stets als Teil einer über sie hinausreichenden Erzählung.
Wenn schon in früheren Arbeiten und Ausstellungen immer wieder Textverweise auf Ovids Metamorphosen„Omnia mutantur, nihil interit.“ (Alles wandelt sich, nichts geht unter.) – Auslöser dafür waren und sind, das Bild als Teil einer weiter reichenden Komposition, Konstruktion zu verstehen, so erschließt sich gegenüber einer Ansicht von New York (Transition, New York, 2011) auch in der rezenten Ausstellung ein durchgehaltenes Arbeitsprinzip, demnach Übergänge vorrangiges Thema sind. Wieder im quadratischen Format und in abfallender Diagonale führt die aus der Vogelperspektive aufgenommene, angeschnittene Fassade einer neugotischen Kathedrale über die Dachlandschaft von Wolkenkratzern mit Wasserspeichern und Klimaanlagen.

Zum Unterschied von dokumentarischer gegenüber künstlerischer respektive Autoren-Fotografie schreibt Hans Belting, dass die „symbolischen Bilder der Imagination von weit her“ kommen, „wenn sie in dieses technische Medium einwandern“ (1). In dieser Weise gelesen, kommen auch Zita Oberwalders Fotografien in mehrfachem Sinn von „weit her“: aus der Erfahrung der von ihr besuchten Orte, aus dem – auch zur Disposition gestellten – Weiterdenken der vorgefundenen Situationen, die als übertragene Erzählungen um das eine Bild erscheinen. Zeit – ein maßgeblicher Faktor des technischen Verfahrens Fotografie – wird, wenngleich präzise vermerkt wie am Beispiel 23. Februar 2007 Prag; Botanická Zahrada Forschungsgarten der Universität Prag, relativiert, anachronistisch gewissermaßen schon aufgrund der strikt analogen Bilder in Schwarzweiß und ihrer Bearbeitung während der Entwicklung. Im Zentrum des Bildes vom botanischen Garten aber befindet sich vor einem Glashaus eine Person in langem dunklen Mantel, aufgrund der Grauabstufungen nur mehr als dunklere Silhouette im helleren Umfeld zu erkennen. Ein zunächst unscheinbarer, dann aber doch Blickfänger inmitten der Komposition, den Roland Barthes wohl als punctum identifiziert hätte, der das studium der Bildfläche „durchbricht“ – „das Element selbst schießt wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor, um mich zu durchbohren“ (2). Mit dieser Figur und dem leichten Grauschleier, der über der Bildfläche zu liegen scheint, entsteht der Eindruck, das Bild stammte aus früherer Zeit. Über das beigefügte Zitat zu römischen, antiken Grenzsteinen wird einmal mehr das Thema des Übergangs evoziert, aus der Zeit der Aufnahme in die Geschichte und weg von Prag an einen Ort, den es nicht mehr gibt, den es so, wie man ihn auf dem Bild wahrzunehmen vermeint, nur für den Bruchteil einer Sekunde gegeben haben kann.

Transition. Lied eines Straßenhundes, Fotografien von Zita Oberwalder, ist bis zum 16. Mai 2014 in der Fotogalerie des Grazer Rathauses (Landhausgasse 2, 1. Stk.) zu sehen.

Ein Werkstattgespräch mit Zita Oberwalder findet am 14. Mai, um 19 Uhr, in der Kulturvermittlung Steiermark (Keesgasse 6, 1.Stock, Graz) statt.

(1) Hans Belting: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. München 2001, S. 214.
(2) Roland Barthes: Die helle Kammer. Frankfurt am Main 1989, S. 35.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Sa. 10/05/2014

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Infobox

Ausstellung
Transition. Lied eines Straßenhundes

Fotografien von Zita Oberwalder
bis 13. Juni 2014
Fotogalerie des Grazer Rathauses
Landhausgasse 2, 1. Stock
8010 Graz

Werkstattgespräch
mit Zita Oberwalder
14. Mai, 19 Uhr
Kulturvermittlung Steiermark
Keesgasse 6, 1.Stock,
8010 Graz

Zita Oberwalder
1958 * in Leisach, Osttirol
Ausbildung zur Fotografin
Meisterprüfung
Hinwendung zur künstlerischen Fotografie
Architekturfotografie
seit 1987 als freischaffende Künstlerin tätig
Ausstellungen im In- und Ausland
lebt in Graz

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