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Rezension
Der ewige Rebell

Ernst Fischer – Neue Kunst und neue Menschen

"Wir müssen eingestehen: die Erneuerung des Menschen durch den Kommunismus ist bisher ausgeblieben. Der Entmenschlichung des Menschen durch das Kapital, durch die Welt des Habens, steht bisher kein überzeugendes Menschenbild des Kommunismus gegenüber. Der Mensch ist nicht nur hüben, sondern auch drüben deformiert." (Ernst Fischer)

Ernst Fischers Resümee aus Kunst und Koexistenz von 1966 könnte auch fünfzig Jahre später formuliert worden sein. Der 1972 verstorbene Schriftsteller, Journalist und Politiker war eine schillernde intellektuelle Persönlichkeit, die völlig zu Unrecht in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geraten war. Es ist daher umso erfreulicher, dass heuer das Werk Ernst Fischers eine Wiederentdeckung erlebt und dabei Altbewährtes und Neues nebeneinander zu Tage kommt.

Fischers Biografie – wie auch seine Werkliste – strotzen nur so vor Erlebtem. 1899 geboren, wuchs er in Graz auf, war Soldat im 1.Weltkrieg und danach Redakteur bei Arbeiterwille und Arbeiter-Zeitung. 1934 bekannte Fischer sich zum Kommunismus, musste im Ständestaat ins Exil und verbrachte die Kriegsjahre in Moskau. Er wurde nach seiner Rückkehr nach Österreich kurz Unterrichtsminister und saß bis 1959 fünfzehn Jahre für die KPÖ im Nationalrat. Mit der Abschottung der DDR begann seine Kritik am politisch umgesetzten Kommunismus, der in der Verurteilung der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings 1968 durch den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten gipfelte. Fischer wurde 1969 aus der KPÖ ausgeschlossen und verbrachte seine letzten Lebensjahre wieder in der Steiermark.

Fischer war ein Vielschreiber, der sich in jedem Genre versuchte. Neben seinen politischen und theoretischen Schriften war die Lyrik ein literarisches Steckenpferd. 1959 erschien seine bekannteste Arbeit: Von der Notwendigkeit der Kunst. Während die 1963 bei Penguin veröffentlichte englische Übersetzung internationale Beachtung erfuhr, blieben Fischers Überlegungen im deutschsprachigen Raum wohl wegen seiner politischen Ausrichtung fast ohne Wirkung.
Ernst Fischers Überlegungen zur Freiheit der Kunst, zu der ihr innewohnenden „Magie“ als Grundlage für gesellschaftspolitische Veränderungen liegen auch den heurigen Ausstellungen im Grazer Kunstverein zugrunde. Am 29.Juni gab es ein Symposion, bei der die Tochter Marina Fischer-Kowalski aus der Beziehung zu ihrem Vater erzählte. Eugen Gross erinnerte in einem Vortrag, wie stark ihn Ernst Fischer in den architekturtheoretischen Ansätzen beeinflusste. Der Verein Clio präsentierte ein aktuelles, sehr empfehlenswertes Buch mit frühen, teilweise unveröffentlichten literarischen und essayistischen Texten aus den Grazer Jahren Ernst Fischers: Neue Kunst und neue Menschen.

„Nun war die Stadt das mächtigste Tier der Erde, ein unersättlicher Magen, der ein unersättliches Gehirn fütterte, ein rastloses Gehirn, das den Wünschen und Begierden eines rastlosen Magens entsprach.“ (aus Der Tod in der Stadt, ursprünglich erschienen in Arbeiterwille vom 5.7.1921)

Sechs Jahre bevor Metropolis von Fritz Lang in die Kinos kam, beschrieb Fischer in sehr expressionistischen Bildern, schon den neuen Arbeitswelten geschuldeten Menschen verschlingenden Moloch Großstadt. Wie auf der Leinwand rettet auch in dieser Kurzgeschichte nur eine Revolution von unten den Menschen vor der vollständigen Versklavung und Zerstörung. Zwar konnte Fischer mit dem Medium Film nichts anfangen, aber er wurde nie müde, der Arbeiterklasse die Kunst schmackhaft zu machen. Sie war in seinen Augen ein entscheidender Mosaikstein zur politischen Aufklärung.
„Hier ist Neuland für die phantastischen Launen der Jungen, hier ist die Basis für Experimente, denen das große Theater sich verschließt“, merkt voller Enthusiasmus Fischer an, als er in einer an sich recht traditionellen Puppenbühne erstmals mit den progressiven Marionetten eines Fritz Silberbauers konfrontiert wird. (aus Marionetten. Einige Worte zu den Grazer Puppenspielen, Arbeiterwille, 27.7.1921)
Noch früher, 1920, schreibt er euphorisch über einen modernen Kunstbegriff: „Diese Kunst wird und muss, wenn sie erst klar in Erscheinung tritt, Spiegel der Revolution, Ausdruck des Proletariats, Inkarnation einer neuen Gesellschaftsordnung sein.“ (aus Die neue Kunst, Arbeiterwille vom 9.11.1920)
Im Nachlass Fischers fand sich das verschollen geglaubte Romanfragment So kann man nicht leben, das erstmals in Buchform nun vorliegt. Es kann laut Herausgeber als ein „Schlüsselroman über das Graz der ersten Hälfte der 1920er Jahre gelesen werden“.
Fiktiv ist auch die Rahmenhandlung in einem anderen nie erschienen Roman. Der Inhalt, die Figuren, von denen viele realen Persönlichkeiten zugeordnet werden können, waren jedoch sarkastische Momentaufnahmen der politischen Umstände und nahmen zukünftige Entwicklungen vorweg.
Die markigen Worte wurden im Gasthaus Deutscher Bund gesprochen, wo der Verein Deutsche Eiche einmal in der Woche versammelt war. „Heute saßen sie unter dem Weihnachtsbaum, der schwarzweißrot geschmückt und mit sinnigen Gegenständen, goldenen Nüssen und Eisernen Kreuzen, Gewehrpatronen und nackten Frauen aus Kautschuk und Porzellan behangen war. Sie hatten von der großen Zeit und von kleinen Verdrießlichkeiten geredet, über die Juden geschimpft…“ (aus Das Grauen der Provinz, Vorabdruck in Arbeiter-Zeitung vom 9.2.1930)

Jürgen Egyptien, ausgewiesener Ernst Fischer-Experte, dringt in einem ausgezeichneten Nachwort tief in das Fischer-Universum ein, spart auch nicht mit Kritik an misslungenen Texten. Aber er führt viele lose Enden wieder zusammen, um so das Phänomen Fischer auch Neulesern verständlich zu machen.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Do. 27/07/2017

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Der ewige Rebell
Emil Gruber zum Buch
Ernst Fischer – Neue Kunst
und neue Menschen

Literarische und essayistische Texte aus seinen Grazer Jahren (1918-1927)
Textrecherche und Texterfassung: Karl Wimmler
Lektorat: Heimo Halbrainer
Clio Graz, 2016

400 Seiten, gebunden
Euro 25,00

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