1_Ivan Moudov, Performing Time, 2012
Ivan Moudov, Performing Time, 2012
©: Ivan Moudov

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Rezension
Das Perpetuum Mobile und die Samenkanone
< rotor > rettet erneut die Welt

Noch ist die Welt nicht verloren. Ob sie mittels Kunst respektive künstlerischen Interventionen gerettet werden kann, wird noch für die nächste Zeit zu diskutieren sein. Dagegen sind weltweit agierende Konzerne mit Kartellstruktur offenbar nicht zur Diskussion bereit. Raubbau und Landgrabbing nehmen überhand, beispielsweise mit dem Anspruch, die die Welt mit Trinkwasser versorgen zu wollen. Kritiker werfen so dem Unternehmen Nestlè vor, in Pakistan und an vielen anderen Orten der Welt die Wasservorkommen derart auszubeuten, dass die Grundwasserspiegel sinken und die angestammte Bevölkerung um die Trinkwasserversorgung gebracht wird.

< rotor >, Zentrum für zeitgenössische Kunst in Graz, und seine Kuratoren Margarethe Makovec und Anton Lederer jedenfalls bleiben unverdrossen am Werk und gehen mit ihren Maßnahmen zur Rettung der Welt in die zweite Runde. Müßig zu erwähnen, dass solche Haltung anmutet wie jene des berühmten gallischen Dorfes, aus dem immerhin ein in gewissem Sinn effektiver Zaubertrank stammt. Wie an Arbeiten der ersten Ausstellung gezeigt, entwickeln Künstlerinnen und Künstler für < rotor > thematisch orientierte Werke, die einerseits auch von Kunst über die Kunst handeln, andererseits deutlich in Bereiche politischer Agitation führen wie zuletzt vorgeführt von Nevan Lahart mit seiner Voodoo Skulptur – Monsanto Hauptquartier.

Aktuell setzt sich der aus Sofia stammende Ivan Moudov mit dem Thema Trinkwasser auseinander. Während der Aufenthalte in mehreren Städten Europas füllt Moudov Leitungswasser in vor Ort gekaufte Wasserflaschen, verschließt sie und versieht sie mit eigenem Label. In kleinem Maß unternimmt er damit, was der oben genannte Konzern im Großen und industriell praktiziert. Moudovs Trinkwasser aber ist nicht zu kaufen, sondern steht im Ausstellungsraum unter anderen Kunstwerken. In einem tatsächlich nicht geschnittenen Video einer 24 Stunden dauernden Performance steht der Künstler neben einem Ziffernblatt und rückt händisch den Minutenzeiger – nach gefühlter Zeit – Minute für Minute nach vor. Und zentral in diesem Raum liegt auch noch, wie eine Jagdtrophäe, das „Fell“ eines großen Plüschbären. Der Kopf blickt scheinbar auf einen Berg synthetischen Materials mit dem sein „Körper“ einst gefüllt war.

Nicht allein in optischer Verbindung mit der Eingangstür – und mehr sei hier nicht verraten – steht eine Maschine auf einem Podest, die wie die Erweiterung von Duchamps Fahrrad-Rad aussieht. Mit großem Witz, und technisch gleichermaßen überzeugend, gibt der Grazer Markus Jeschaunig vor, sich an einer Neuauflage des Perpetuum Mobiles versucht zu haben, der pataphysischen Lösung aller Energieprobleme. Mittels Übersetzung treibt ein Uhrwerk das sich seit Aufbau „immer drehende“ High-Tech-Kohlefaser-Laufrad an.

Anca Benera und Arnold Estefan aus Bukarest befassen sich in mehreren Arbeiten mit dem Verhältnis von Zeit, die sie für grafische Auftragsarbeiten zum Lebensunterhalt aufwenden und mit der Zeit, die ihnen für die Kunst bleibt. Über ein im Hintergrund laufendes Programm zeichnen sie, exakt datiert, seit 2012 Bewegungen der Computermaus auf, die im Zuge des Broterwerbs notwendig sind. Je nach Dauer der Arbeit am Computer entstehen mehr oder weniger dichte Bewegungsdiagramme, die, ausgedruckt, formal faszinierende Grafiken ergeben. – Kunst als Nebenprodukt der „richtigen“ Arbeit, zugleich das „wahre“ Bild der Auftragsarbeit in anderem Format.

Alte Möbel aus Tropenholz sind das Material, mit dem die Berliner Folke Köbberling und Martin Kaltwasser die Abholzung von Urwäldern veranschaulichen. Entsprechend Satellitenbildern sind aus mehreren Holztafeln Areale ausgefräst, die noch nicht gerodet sind.

Und schließlich hat auch die Hamburgerin Swantje Güntzel eine martialisch anmutende Maschine oder vielmehr eine Kanone gebaut. Mit Pressluftaggregat, Rohrverbindungen und Ventilen ausgestattet dient das nicht ganz handliche Gerät dazu, Ladungen mit Blumensamen zu verschießen. Eine Fotodokumentation zeigt, dass mehrere Bereiche der Stadt Graz „beschossen“ wurden, an denen seither Hinweistafeln mit der Aufschrift angebracht sind: Dieser Ort wurde 2013 von Swantje Güntzel mit Blumensamen beschossen. – Möge die Saat aufgehen.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček
< rotor >

Datum:

Fr. 14/06/2013

Terminempfehlungen

Infobox

Maßnahmen zur Rettung der Welt _ Teil 2
bis 7. September 2013
bei < rotor >
Volksgartenstraße 6a
8020 Graz.
Sommerpause:
20.07.-19.08.2013

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