Zersiedelung_Weststeiermark
Zersiedelung, Weststeiermark
©: Institut für Raumplanung und ländliche Neuordnung (IRUB)

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Kommentar
Bodenfraß ohne Ende? Nein, danke!

Warum müssen wir die „grüne Wiese“ besser schützen?

Wie sorglos wir in Österreich im Allgemeinen mit dem landwirtschaftlich genutzten Boden in Vergangenheit und Gegenwart umgingen bzw. umgehen, davon zeugt der Vergleich mit Deutschland: Pro Kopf werden täglich in Österreich drei Mal (!) so viel Agrarland für Siedlungs- und Verkehrszwecke der Landwirtschaft entzogen als in der Bundesrepublik. Diese Bodenverschwendung ist in hohem Maße der Zersiedelung, das heißt dem in der Alpenrepublik, so auch in der Steiermark gängigen ungeordneten, weitgestreuten Siedeln an den Stadträndern und in den ländlichen Gemeinden zuzuschreiben. Dass hier ein Umsteuern vom sorglosen Bodenverschleiß hin zur sparsamen Bodenverwendung dringend geboten ist, dafür sprechen die sich immer klarer abzeichnenden Ansprüche an dieses ökologisch sensible, nicht vermehrbare und nur mit großem Aufwand begrenzt wieder herstellbare Naturgut:

Regionale Ernährungssicherung
In unseren Breiten setzen die KonsumentInnen immer mehr auf Vielfalt, Frische, Bekömmlichkeit, Schmackhaftigkeit der Lebensmittel. Bevorzugt ernähren sie sich von gesunden Produkten aus der Region, die sich durch kurze Transportwege, transparente und ökologisch vertretbare Produktionsbedingungen auszeichnen. Dementsprechend sind die geeigneten Flächen „vor der Haustüre“ vor Versiegelung hinkünftig konsequenter zu schützen, um diese Ansprüche noch einlösen zu können.

Klimaschutz
Der unbebaute Boden ist bei schonender Bewirtschaftung ein wichtiger Treibhausgasspeicher. Die Eigenschaft CO2 und andere klimaschädigende Gase zu binden, wird durch zu intensive Landbewirtschaftung eingeschränkt und geht durch Versiegelung nicht nur verloren, sondern der Boden wird als Standort für Gebäude, Anlagen, Straßen etc. zum Träger der bedeutendsten Emissionsquellen. Das klimaschonendste Haus ist demnach das nie gebaute Haus!

Energiewende
„Boden ist das Öl der Zukunft!“ Dieser Slogan bringt zum Ausdruck, dass die Umstellung auf erneuerbare Energieträger flächengebunden ist. Der heimische Boden wird auch deshalb zum knappen Gut, weil sich die Energieproduktion auf ihn im wachsenden Ausmaß verlagert. Man denke dabei etwa an Windparks, Solarfarmen, die Erzeugung von Biomasse und die Nutzung von Erdwärme.

Biotechnik-Wende
Die Abkehr vom „fossilen Zeitalter“ heißt auch, dass vermehrt die Industrieprodukte und Arzneimittel aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Die Produktion von Werk- und Wirkstoffen konkurriert so zunehmend mit der Lebensmittel- und Futtermittelerzeugung und den nachwachsenden Energieträgern um die land- (und forst-) wirtschaftlichen Böden.

Artenvielfalt und Naturschutz
Nur eine naturgerechte Bewirtschaftung des Agrarlandes kann eine vielfältige Flora und Fauna hervorbringen. Eine extensive Landbewirtschaftung braucht aber bis zu einem Drittel mehr Bodenfläche, um gleichbleibende Erträge zu erzeugen. So gilt es zu bedenken, dass nur auf gesunden Böden mit einem artenreichen Bodenleben gesunde Lebensmittel gezogen werden können.

Tourismus und Naherholung
In Österreich hat der landschaftsgebundene Tourismus eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung. Man sägt gewissermaßen an dem Ast, auf der man sitzt, wenn man laufend die durch bäuerliche Bewirtschaftung hervorgebrachte „intakte“ Kulturlandschaft durch raubbauartige Zersiedelung optisch verschandelt und degradiert. Zudem fußt auch die für die Dauersiedler so wichtige Naherholung als Gesundheitsvorsorge auf dem kurzwegigen Zugang zu abwechslungsreicher, unverbauter Landschaft.

Wassermanagement
Bodenschutz ist vorsorgendes Wassermanagement! Unversiegelter Boden puffert, speichert, filtert Wasser, er baut Schadstoffe ab oder bunkert diese. Befestige Böden zerstören diese Eigenschaften mit erheblichen nachteiligen Folgen für den natürlichen Wasserkreislauf. Die Zersiedelung beeinträchtigt bzw. zerstört zudem Rückhalte- und Abflussräume ungebührlich und damit die Abwehrfähigkeit von Hochwässern.

Eingeschränkte Finanzierungsspielräume
Zersiedelung bedeutet äußerst verschwenderischen Umgang mit knappen Finanzmitteln. Buchstäblich wirft die öffentliche Hand Geld beim Fenster hinaus, wenn man bedenkt, dass die Errichtung von 1 km Gemeinde-Straße, Beleuchtung, Kanal und Wasserleitung 1 Mio. Euro kostet und deren Erhaltung in der Folge etwa pro Jahr 25 000 Euro verschlingt (Zahlen ÖIR, 2015).

Demographischer Wandel
Stark korrelieren auch Niedergang der Nahversorgung und Anstieg disperser Siedlungsformationen: Vor dem Hintergrund des Anstiegs des Anteils jener Personen, die aufgrund ihres Alters in ihrer „Raumtüchtigkeit“ eingeschränkt sein werden, sind aber immer weitere Alltagswege, die von einer wachsenden Zahl an Menschen nicht mehr selbständig zurückgelegt werden können „kontraproduktiv“. Zudem bindet die weitläufige „hardware“ zu viel Geld, das dann u.a. für die Finanzierung der Altenpflege fehlt.

Intergenerationelle Gerechtigkeit
Die boden- und geldverschlingende Zersiedelung beraubt übergebührlich die nachfolgenden Generationen ihrer Freiheitsgrade. Sie können dann ihre Dispositionen betreffend einer adäquaten Siedlungsentwicklung nicht mehr „lastenfrei“ treffen. Ihre Entscheidungsspielräume sind durch sehr beständige, aber unzweckmäßige Raumstrukturen stark eingeschränkt. Der Nachwuchs ist diesbezüglich seiner Erbfreiheit beraubt.

Wir halten daher fest: Nicht nur weil in der Vergangenheit schon viel Boden durch Hoch- und Tiefbauten der Landwirtschaft entzogen wurden, sondern weil sich immer klarer abzeichnende neue Ansprüche auf entsprechende Bodenreserven abzeichnen, ist die Zersiedelungsabwehr entscheidend zu effektuieren. Dies wiederum heißt, dass eine große Zahl an Sachfragen ihrer Lösung näher zu bringen sind wie

  • drastische Eindämmung der Neuversiegelung von bebautem Boden
  • verbesserter Schutz der besten Böden für Landwirtschaft und Artenschutz
  • bessere Abstimmung von Agrarstruktur und Siedlungsentwicklung
  • Umstrukturierung von „green-field“ zu „brown-field“
  • Vermeidung von Leerstand
  • Förderung von Nachverdichtung und Lückenschließung im Innenbereich
  • Mobilisierung des bereits gewidmeten Baulands im Innenbereich
  • Einfrieren des Baulandüberhangs im Außenbereich
  • Schutz vor aktiver Spekulation mit agrarisch genutztem Boden („Landgrabbing“)
  • Schutz vor passiver Bodenspekulation
  • Eindämmung überhöhter Baulandpreise
  • Sicherstellung der zügigen Baureifmachung von Bauland im Innenbereich
  • rasche Überwälzung der Erschließungskosten an die davon Begünstigten
  • stärkere Verankerung des Verursacherprinzips bei der Aufteilung der Erschließungskosten
  • Sicherstellung leistbaren Wohnbaulandes
  • Förderung bodenschonender Gebäudetypologien
  • Findung eines monetären Ausgleichs zwischen Bauflächen- und Freiflächenwidmungen
  • Befristung von Entschädigungsansprüchen im Falle von Rückwidmungen
  • Erstellung von Regeln für die nicht widmungskonforme Umnutzung von einst privilegierten Bauführungen im Grünland (wie Hofstellen, Almhütten etc.)

Allein der Umfang dieser Aufzählung der anstehenden Umsteuerungen zeigt, wie anspruchsvoll eigentlich die Aufgabe ist, den über Jahrzehnte hinweg gepflogenen sorglosen Bodenfraß in Zukunft entschlossen einzudämmen. Ohne hier auf Details eingehen zu können, wird es auf eine Abstimmung zwischen Informations- und Bildungsinstrumenten, auf gezielte monetäre Anreize bzw. bei Fehlverhalten auf Strafzahlungen sowie auf durch den Gesetzgeber auszusprechende Ge- und Verbote hinauslaufen müssen. Man ist kein großer Prophet, um zu erkennen, dass mit Einzelschritten (wie z.B.  mit der Vertragsraumordnung) wenig zu erreichen ist. Denn nur die Entwicklung einer schlüssigen Gesamtstrategie wird den drängenden vielfältigen Bodenfragen gerecht werden können!

Verfasser / in:

Gerlind Weber

Datum:

Mi. 22/06/2016

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Die Bodenverschwendung in Österreich ist in hohem Maße der Zersiedelung zuzuschreiben. Welche Ansprüche werden an das Naturgut Boden gestellt? Die freischaffende Raumwissenschaftlerin Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Gerlind Weber appelliert für ein Umdenken und Umsteuern in der Bodenpolitik und listet Maßnahmen auf, die der Zersiedelung und somit auch dem Bodenfraß entgegenwirken sollen.

Dieser Artikel erscheint im Rahmen des GAT-Schwerpunkts Raumplanung.

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