Bildungscampus Graz-Algersdorf_Mesnaritsch_Schaubild
Siegerprojekt, Schaubild.
Architektur: Arch. DI Hans Mesnaritsch, ©: Arch. DI Hans Mesnaritsch

_Rubrik: 

WB-Entscheidung
Bildungscampus Algersdorf, Graz

Das Architekturbüro DI Hans Mesnaritsch aus Graz konnte den von der Stadt Graz ausgelobten EU-weiten, nicht offenen Realisierungswettbewerb "Bildungscampus Algersdorf" für sich entscheiden. Insgesamt haben sich 72 Büros für die Teilnahme am Verfahren beworben, davon wurde 30 für die 2. Stufe ausgewählt und konnten ihre Entwurfsvorschläge einreichen.

AUSGANGSSITUTATION

Am Schulstandort Algersdorf in Graz sind derzeit die Volksschule Algersdorf mit 8 Klassen, die Neue Mittelschule Algersdorf mit 10 Klassen und drei dislozierte Klassen der Volksschule Leopoldinum (in der Alten Poststraße) situiert. Dieser Standort wird um ein zusätzliches Modul „Internationale Volksschule“ (mit bilingualem Unterricht in Deutsch und Englisch bzw. Klassen nach dem CLIL‐Konzept / Integriertes Fremdsprachen- und Sachfachlernen) an der bestehenden Volksschule erweitert. Dazu ist in der ersten Bauphase ein Neubau einer 12‐Klassen Volksschule mit NMS erforderlich, die, je nach Entwicklung der SchülerInnenzahlen, mittel‐ bis langfristig auf 16 Klassen erweitert werden kann. In weiterer Folge steht die Errichtung eines NMS‐Normturnsaals für die Neue Mittelschule Algersdorf zur Disposition. Die Klassen der Volksschule Leopoldinum werden an einem anderen Standort neu errichtet. Im Sinne des Campusgedankens wird für Volksschule und Neue Mittelschule ein gemeinsames „SchülerInnenrestaurant“ (im Bereich der Ganztagsschule GTS) mit Aufwärmküche, Ausspeisung (Marktplatz) und Freizeiträumen errichtet. Der Campus soll sich auch in Richtung der nördlich situierten Kinderbildungs‐ und Betreuungseinrichtungen öffnen.

Gegenstand des Wettbewerbes war somit die Erlangung von Vorentwurfskonzepten für die Neuerrichtung einer 16‐Klassen Volksschule mit 4 Klassen für bilingualen Unterricht mit Sonderunterrichtsräumen, Verwaltungsräumen, mit einem NMS‐Normturnsaal (15x27x5,5m) inklusive Nebenzonen sowie Räumlichkeiten für den GTS‐Bereich für den gesamten Bildungscampus Algersdorf mit dem Ziel „Passivhausstandard“ zu erreichen.

Beschreibung des Siegerprojektes

STÄDTEBAULICHE  UND ARCHITEKTONISCHE ASPEKTE

Der Neubau bildet im Osten eine straßenbegleitende und straßenraumbildende ruhige Bebauung, die sich nach Westen hin zum Schulgelände in mehrere Baukörper auffächert und eine Verschränkung mit dem Freiraum herstellt. Durch diese Gliederung des Baukörpers entstehen wohlproportionierte, Milieu bildende Freibereiche, die sich in weiterer Folge zu den Spielwiesen und Freisportanlagen öffnen.
Das Bestandsgebäude der Neuen Mittelschule (NMS) wird freigestellt, behält seinen städtebaulichen Charakter und bildet den dominierenden Solitär in der Anlage. Der Zwischenraum zwischen NMS und Neubau ist großzügig dimensioniert und bildet einen angemessenen Vorplatz für den Eingangsbereich. Im Süden wird durch die überdachten Fahrradabstellplätze der Außenraum zur Straße hin abgeschirmt und vor dem südlichen Cluster ein hofartiger Freiraum erzeugt. Im Westen wird eine Arena ins Gelände geschnitten, die den unteren Teil der Pausenhalle mit dem Freiraum verbindet und deren gedeckter Teil den Zugang zu den Garderoben bildet.

Vom Vorplatz gelangt man direkt in die Pausenhalle, die durch einen großen Deckenausschnitt mit einer breit angelegten Sitztreppe das untere Geschoß miteinbezieht – die Turnsaalebene, die Garderoben und die vorgelagerte Arena. Durch den Luftraum wird die Halle in 3 Bereiche gegliedert: den Bereich unmittelbar nach dem Eingang zwischen Turnsaal und Verwaltung – die Vorhalle -, in das Foyer und in den mittleren Bereich mit der Sitztreppe und der unteren Ebene der Pausenhalle mit Außenraumbezug zur Frei-Arena und den größeren Aula-Bereich - ein Treffpunkt und Begegnungsraum für Schüler, Eltern und Lehrer, ein Raum für Veranstaltungen, ein Festplatz und Verkehrsknotenpunkt für alle Wege innerhalb des Gebäudes.

Umgeben wird die Aula von Freizeiträumen (GTS), dem Restaurant und dem Turnsaal – alles transparente Räume, die den Blick in die Umgebung freigeben und deren direkter Zugang in den Hof mit den zugeordneten Terrassen einen großzügigen Außenbezug herstellt.  Von der Aula aus werden auf 2 Ebenen die einzelnen Cluster erschlossen, welche Teilbaukörper bilden, die dem Gebäude seine charakteristische Kammstruktur verleihen.

Die Wege zu den Clustern sind mit Ausblicken in begrünte Höfe und Freiterrassen und Einblicken in Unterrichtszonen und Allgemeinflächen. Sie bilden ein lichtdurchflutetes Raumkontinuum, eine „Lern- und Spielstraße“, welche die einzelnen Räume und Raumgruppen verbindet und in Beziehung setzt. Räumliche Erweiterungen und durch Möblierung erzeugte Nischen bilden einladende Verweilbereiche und individuelle Treffpunkte.
Die Cluster – Bildungseinheiten aus je 4 Klassen und einem Lehrerzimmer – haben jeweils einen großzügigen Allgemeinbereich mit locker abgetrennten Gruppenräumen und einen frei strukturierbaren „Marktplatz“. Sie sind dreiseitig belichtet und haben direkt vorgelagerte Höfe mit Terrassen: Freiräume von hoher Aufenthaltsqualität.
Die Unterrichtsräume sind mit transparenten und opaken Schiebe- und Faltwänden ausgestattet und können mit dem offenen Lernbereich zu unterschiedlichen Raumverbänden zusammengeschlossen werden. Im Obergeschoß ist der nördlich gelegene Cluster für den bilingualen Unterricht gedacht und der südliche Cluster für die künftige Erweiterung.
Im straßenbegleitenden Trakt sind die gemeinsam genutzten Räume wie Kreativräume mit Frei Terrasse, Bibliothek, Medienraum und die den Clustern jeweils zugeordneten Sanitärbereiche untergebracht.
Die untere Ebene mit dem Turnsaal, der Zentralgarderobe und der Verbindung zur NMS wird durch den großen Deckenausschnitt mit dem EG räumlich verschränkt und durch den direkten Außenbezug zur Arena wird der Pausenhalle eine weitere Qualität hinzugefügt.

FREIRAUMGESTALTUNG
Durch die bereits erwähnte Verzahnung von Freiraum und Gebäude entstehen unterschiedlich gestaltete Außenräume. Die geschützten, vom Gebäude eingefassten Höfe und Terrassen und die anschließenden offenen Flächen mit Spielwiesen und Freisportanlagen kommen den unterschiedlichen Bedürfnissen von ruhigeren Rückzugsorten bis hin zur freien Bewegungsentfaltung entgegen. Die Arena ist ein Begegnungsort und ein Veranstaltungsort im Freien, geeignet für Aufführungen und Feste, aber auch ein Pausenaufenthaltsort, ein Sitzforum und ein Treffpunkt.

KONSTRUKTION UND MATERIAL
Die Primärkonstruktion soll in Skelettbauweise aus Stahlbeton mit Stützen und Flachdecken ausgeführt werden. Aussteifende Scheiben sind auf das statisch erforderliche Ausmaß beschränkt. Damit soll hohe Variabilität für eine freie Grundrissgestaltung im Sinne nachhaltiger Gebrauchstauglichkeit gewährleistet werden. Die Cluster werden im Innere) stützenfrei überspannt, um möglichst großzügige räumliche Veränderungen zu ermöglichen. Im Sinne einer möglichst kurzen Bauzeit wird ein hoher Vorfertigungsgrad der Bauteile angestrebt. Die Außenwände sind überwiegend in Massivbauweise hergestellt. Die vorherrschenden Materialien im Innenausbau sind Holz für die Fußböden; Holz, Glas, Gipskarton und Sichtbeton für die Wände; Holz, Gipskarton und Sichtbeton für die Decken. Materialien im äußeren Erscheinungsbild sind Sichtbeton, Holz und Glas.

ÖKONOMISCHE UND ÖKOLOGISCHE ASPEKTE
Vorgesehen sind unter anderem hoch wärmegedämmter Baukörper mit konstruktiver Speichermasse, passiver Wärmegewinn über sonnseitige Glasflächen im Winter; ein hochwirksamer Sonnenschutz mit Lichtlenkeffekt gegen unerwünschten Wärmeeintrag; natürliche Belichtung aller oberirdischen Räume, kontrollierte Raumlüftung mit hohem Wärmerückgewinnungsanteil; eine hochwertige Dreifachisolierverglasung zur Verringerung des Wärmeverlusts, der Strahlungskälte und der Strahlungswärme; Höfe als Kleinklimapufferzonen; eine Flächenheizung ergänzt durch Flachradiatoren mit hohem Strahlungsanteil und geringen Rücklauftemperaturen, hohe Behaglichkeitsqualität; die Bereitstellung von Wärmeenergie könnte durch Wärmepumpen erfolgen (Erdwärme, Grundwasser etc.); Sonnenkollektoren dienen der Warmwasserbereitung; moderne Betriebszeitensteuerung für Lüftung, Heizung und Beleuchtung; eventuell Photozellensteuerung für Beleuchtung; Energiemanagement mit laufendem Monitoring.

Durch die Skelettbauweise entsteht eine hohe Flexibilität und Adaptierbarkeit für spätere Entwicklungen. Vorwiegend sollen ökologisch hochwertigen Baustoffen und Dämmstoffen zum Einsatz kommen. Die Massivbauweise mit hoher Speicherkapazität eignet sich sehr gut für den Temperaturausgleich. Die Trockenbauweise im Ausbau (Holzwände, GK-Ständerwände, Glaswände) bieten eine hohe Anpassungsfähigkeit und Flexibilität des Raumkonzeptes. Der hohe Vorfertigungsgrad ermöglicht geringe Fertigungstoleranzen, leichte Trennbarkeit der Konstruktionselemente und eine kurze Bauzeit. Die Solarkollektoren dienen der Brauchwasserwärmung. Eventuell könnte  das Grundwasser zur Luftkonditionierung genutzt werden.  Das Gründach ist Feuchtigkeitsspeicher und dient dem klimatischen Ausgleich für bebaute Fläche.  (Entwurfsbericht Arch. DI Hans Mesnaritsch; Auszug)

KOSTEN UND UMSETZUNG
Die Entwicklung des Bildungscampus Algersdorf soll in 2 Abschnitten erfolgen: Im ersten Abschnitt wird die Volksschule mit 12 geführten Klassen für 300 SchülerInnen und ein NMSNormturnsaal errichtet,, wovon 4 Klassen mit max. 100 SchülerInnen) als „Internationale Klassen“ mit verstärktem Englischunterricht geführt werden. Eine Erweiterungsmöglichkeit der Schule von 12 auf 16 Klassen für insgesamt max. 400 SchülerInnen muss möglich sein. Die Erweiterungsmöglichkeit war im Realisierungswettbewerb darzustellen. Außerdem soll im ersten Abschnitt der gemeinsame GTS‐Bereichs mit Aufwärmküche, Ausspeisung (Marktplatz) und die Freizeiträume für den Bildungscampus beider Schulen mit Kapazität für max. 550 SchülerInnen (400 der Volksschule und 150 der NMS) errichtet werden.

Im zweiten Abschnitt sind der Ausbau der NMS Algersdorf von 10 auf 12 Klassen und die Ergänzung des Raumprogramms um Gruppenräume, Werkraum, Medienraum, LehrerInnenarbeitsplätze und Freizeiträume sowie einen Turnsaal in Normgröße (15x27m) plus dazugehörige Nebenzonen geplant. Für den Ausbau der NMS ist das Raumpotential des derzeitigen Bestandes weitgehend ausreichend, lediglich der neue Turnsaal mit Nebenzonen soll neu errichtet werden. Die derzeitig freistehenden Klassenpavillons sowie der Bestandsturnsaal sollen abgebrochen werden. Außerdem werden in diesem Abschnitt die Freisportanlagen für den gesamten Bildungscampus Algersdorf errichtet, deren Gestaltung nicht Teil des Realisierungswettbewerbes waren.

Das gesamte Bauvorhaben soll im August 2016 abgeschlossen sein.

Die Summe der Bauwerkskosten ist mit 10 Mio. Euro veranschlagt, für die Außenanlagen sind 300.000 Euro vorgesehen.

AUSSTELLUNG DER WETTBEWERBSARBEITEN
Alle eingereichten Wettbewerbsarbeiten sind von 03. bis zum 10. Dezember 2013 im HDA Graz - Haus der Architektur, Mariahilferstraße 2, 8020 Graz ausgestellt und können von Montag bis Freitag in der Zeit von 10:00 bis 16:00 Uhr besichtigt werden.

Verfasser / in:

Stadtbaudirektion Graz

Datum:

Di. 03/12/2013

Terminempfehlungen

Artikelempfehlungen der Redaktion

Das könnte Sie auch interessieren

Infobox

Bildungscampus Algersdorf
EU weiter, nicht offener Realisierungswettbewerb

1. Rang:
Arch.DI Hans Mesnaritsch, Graz
2. Rang:
ARGE dreiplus & projekt.cc, Graz
3. Rang:
AllesWirdGut Architektur ZT-GmbH, Wien

Nachrücker Preisränge:
Architektei Mey, Frankfurt

Anerkennungen:
Ederarch_Wastian, Graz
Fink Thurnher Architekten, Bregenz

Nachrücker Anerkennungen:
SOLID architecture ZT GmbH, Wien

Ausstellung aller Arbeiten
HDA Graz, 03. - 10. 12. 2013
10:00 - 16:00 Uhr

Kontakt:

Kommentar antworten