Ukraine
Anna Zvyagintseva, "Hope!" – gestrickter Käfig, ukrainischer Pavillon an der Uferpromenade zwischen Giardini und Arsenale
©: Wolfgang Riederer

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Rezension
Biennale Arte 2015

Lange Zeit war sie kein Grund Venedig zu besuchen, dann wurde die Biennale zur wichtigsten und schließlich gab es überhaupt keinen Grund mehr dorthin zu fahren. Oder vielleicht doch? Die Lagunenstadt verfügt nach wie vor über dieses unwirkliche Licht und die steinerne Pracht der Serenissima bildet immer noch die Projektionsfläche für die Narreteien und Utopien der Kunst. Diesmal war es schweineheiß, was den Vorteil hatte, dass sich die Besucher vor den Bildern nicht in die Quere kamen; das Arsenale war beispielsweise um vier Uhr nachmittags beinahe leer.

1895 zu Beginn hatte die Biennale schon 200.00 Besucher, 1897 250.00 und 1899 300.000 – ungefähr so viele wie heute. Wobei mit fortschreitender Globalisierung immer mehr Nationen die Gelegenheit bekamen teilzuehmen und ihren zuweilen fragwürdigen, künstlerischen Ehrgeiz über die ganze Stadt zu verteilen. Parallel dazu wurde, ausgehend von den berühmten Ausstellungen Harald Szeemanns, in dessen Tadition auch der diesjährige Chefkurator Okwui Enwezor steht, die Biennale thematisch und motivisch immer mehr zu einem Meta-Kunstwerk eigener Art: Diesmal setzt der nigerianische Kunstpapst weniger auf ein übergreifendes Thema als auf unterschiedliche Schichten dreier, einander durchdringender Ebenen von Filtern: "Garden of Disorder, Liveness: On Epic Duration und Reading Capital". Mit diesen Filtern soll der gegenwärtige Zustand der Dinge beschreiben werden und gleichzeitig die Erscheinung der Dinge ... alles klar?

Die Menge der Exponate und der Konzepte ergibt ein vielstimmiges Chaos, produziert eine Art politisches und ästhetisches "white noise", für dessen Bewältigung sich letzlich zwei Strategien anbieten: Man sucht den inhaltlichen Bezug zwischen Kunstwerk und dem diesjährigen Thema – ALL THE WORLD´S FUTURE – oder sammelt "für sich" Eindrücke frei nach Thomas von Aquins Dictum "Schön ist, was gefällt". Beispielsweise die meditativen, atmenden Arbeiten des greisen Malers Herman de Vries im niederländischen Pavillon unter dem Titel "to be all ways to be".

Es geht anscheinend um die Beziehung zwischen Kunst und Geld, die wieder für das Verhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus steht, oder auch für das Verhältnis zwischen Geld und Diskurs. Da passt es, dass in dem von Isaac Julien etwas pompös eingerichteten Auditorium Schauspieler Das Kapital von Marx quasi als Kunsttext lesen. Der Gottseibeiuns ist im Index auch als Künstler angeführt. Aber wann lesen sie? Und ist die Inszenierung des heiligen Wälzers nicht auch etwas vorsichtig? Warum nicht Hart/Negris Multitude oder Das Kapital als Literaturlesung, kein schlechter Gag, aber auch etwas vorsichtig. Warum nicht Hart/Negis Multitude , Naomi Klein`s No Logo oder Einschlägiges von Arundhati Roy? Das Auditorium ist praktisch leer. Sicherlich existiert auf irgendeinem Folder ein Programm, nur auf welchem? Und von den unzähligen auf der Biennale abgespielten Filmen werden hier nur wenige gezeigt. Eine thematische Focussierung auf All The Worlds Future wird durch diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Publikum sabotiert, das Auditorium selbst zu einer Metapher des Überflusses, der doch kritisiert werden soll. So überzeugend die Arbeiten einer Altherrenriege bestehend aus Kluge, Huillet/Straub, Harun Farocki, Chris Markert oder Walker Evans auch sind, präsentiert werden sie geblockt, unsichtbar im Nebeneinander oder unauffindbar verstreut. Gut im Blick sind dagegen der monumentale Fotohochglanz von Gursky oder die Kopfüber-Kolosse in Öl von Baselitz – all the world`s future? Neben der Manier, denselben Künstler an unterschiedlichen Orten mehrmals zu präsentieren, ist es diese Unentschlossenheit, die aus der Ernsthaftigkeit Geschmäcklerei macht. Die schiere Menge des Gezeigten macht alles zum Teil einer Angebotskultur.

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

Mi. 05/08/2015

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Infobox

Biennale Arte 2015
Kunstbiennale Venedig 2015

Kurator
Okwui Enwezor, Nigeria

Thema
ALL THE WORLD´S FUTURE

09.05. – 22.11.2015

Die Lagunenstadt verfügt nach wie vor über dieses unwirkliche Licht und die steinerne Pracht der Serenissima bildet immer noch die Projektionsfläche für die Narreteien und Utopien der Kunst ...

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