Terrassenhaussiedlung Graz-St. Peter, Werkgruppe Graz, 1978
Terrassenhaussiedlung Graz-St. Peter, Werkgruppe Graz, 1978. Ansicht vom Wohnbau Carl-Spitzweg-Gasse, Volker Giencke, 1993.
Architektur: Werkgruppe Graz, ©: Karin Wallmüller

_Rubrik: 

Sonntag
Begegnungen in der Terrassenhaussiedlung – 3

Der Steingärtner
Über den Köpfen der Menschern auf der Fußgängerzone schwebte ein langer Kranarm immer wieder auf eine Dachterrasse im oberen Teil des Gebäudes zu. Rupert Sumpfhuber wurde neugierig und folgte der Spur am Himmel wie einst die Hl. Drei Könige dem Bethlehems-Stern folgten. Den Lift vermeidend, um den eisernen Vogel nicht aus den Augen zu verlieren, keuchte er die Stiegen hinauf. Da sah er, dass ein Herr wie ein Feldherr da oben stand, der den Kranausleger mit einem großen Stein in seinen Greifern mit Gesten auf einen bestimmten Punkt auf der Dachterrasse lenkte und ausrief: „Die Jungfrau gehört auf die Seite geschafft!“.
 Dieser makabre Satz ließ den Köpfler im Schatten des Stiegenaufganges unerkannt verharren, um das weitere Geschehen zu beobachten. Als nach einiger Zeit wieder etwas abgeladen wurde, ein ebenso mächtiger Stein, der mit der Anrufung Pilatus auf die andere Seite der Dachterrasse verfrachtet wurde, war ihm mit einem Mal klar, dass es sich weder um einen Kriminalfall noch um eine biblische Handlung handle, sondern die Ausstattung eines Steingartens am Dach vor sich ging.
 „Wird wohl das Haus unter den schweren Steinen nicht zusammenbrechen?“, rief der stille Bebachter, mutig geworden, dem Krandirigenten zu. Dieser war Herr der Lage und beruhigte mit dem Hinweis, dass Andere auch Schwimmbäder auf das Dach gestellt hätten.
 Als der dritte große Stein mit dem Namen Matterhorn auf dem Dach seinen Platz gefunden hatte, offenbarte sich das Konzept als Abbild der Schweizer Bergwelt, ganz nach der Art der japanischen Trockengärten mit ihren fiktiven Landschaften.
 „Ja, ich bin ein Schweizer, ein patriotischer!“, kam es aus dem selbsternannten Gartengestalter heraus. Dem Köpfler blieb nichts übrig als zu danken, dass er unvermutet eine virtuelle Reise gemacht hatte, die ihn vielleicht anregen könnte, die Feistritzklamm mit sprudelndem Wasser auf seiner Terrasse zu verwirklichen, wenn er das Glück hätte, eine Kleinwohnung zu bekommen. 
   

Der Glückspielerberater
Rupert Sumpfhuber hatte in seinen teils an-, teils aufregenden Gesprächen mit Bewohnern schon einen Eindruck von der Wohnsituation in dieser Umgebung gewonnen. Nun besah er sich die zahlreichen Schilder, die am Fuße der Stiegenhäuser hängen, und stellte fest, dass viele Bewohner auch ihrem Beruf in diesem Hause nachgehen: Versicherungsberater, Steuerberater, Stilberater, Gesundheitsberater, Nordic-Walking-Berater und Lebensberater. Ein Schild erregte besonders seine Aufmerksamkeit: Anonyme Glücksspielerberatung, 7.Stock.
 Hatte er bisher für die Kartenspiele in seiner Stammtischrunde keinen Berater gebraucht, da er einmal etwas gewonnen, ein andermal ein paar Euro verloren hatte, so schien die Stadt andere Anforderungen an die Bewohner zu stellen.
 Da er ein Sümmchen für den Ankauf einer Wohnung im Haus – man sagte ihm, es seien Eigentumswohnungen – gut brauchen konnte, entschloss er sich, eine solche Beratung in Anspruch zu nehmen – natürlich anonym.
Er nahm den Lift zum 7. Stockwerk, doch dort fand er keine Tür mit der Aufschrift. Ist das Nummernwirrwarr dafür verantwortlich, wie er schon beim Betreten der Anlage ahnte? Er besah sich nochmals das Schild am Hauseingang und stellte fest, dass bei genauer Betrachtung der Glücksspielerberater schließlich anonym bleiben will! 
So blieb es unsicher, ob er Glücksspieler vor oder nach dem Spiel berate, ob er Gewinner oder Verlierer als Klienten nehme oder noch weiteres Service anbiete, z.B. Gewinnanlagen in der Karibik oder Reservierung von Plätzen in einem Nervensanatorium?
 Gleichwohl, Rupertl konnte mit keiner Empfehlung rechnen, die sein Los als Wohnungsinteressent verbessern würde. Doch eines hatte die Begegnung mit dem anonymen Glücksspielerberater für sich. Wie es die japanischen Zen-Meister pflegen, fordert er vom Schüler das Gesuchte nicht außen, sondern in sich zu finden!
 Der Köpfler verstand die Botschaft und zog sich zur Meditation in den unter Bäumen versteckten Brennofen zurück, um über seine Wohnungswünsche mit sich ins Reine zu kommen.
 
          

Die Heilmutter
Ab Hof-Verkauf stand auf dem Schild eines improvisierten Standls, das eine junge Frau auf der Fußgängerebene betrieb. Auf einer Schnur baumelte die Schrift: Heilsame Mittel – selbstgemacht. 
Ab Hof treffe genau zu, denn sie verkaufe im Innenhof der Terrassenhaussiedlung verschiedene Waren und beaufsichtige gleichzeitig ihre Kinder, die auf Rollern das Standl umkreisten. Was der Köpfler schon bemerkt hatte, dass viele Bewohner Wohnen, Arbeit und Freizeit nicht von einander trennen, erfüllte diese Frau in ihrer mehrfunktionalen Mutterrolle auf ideale Weise. Dazu hatte sie noch einen kleinen Nebenverdienst. 
„Welche heilenden Mittel es sind, die sie anbiete“, wollte der auf natürliche Lebensweise bedachte Wohnungsinteressent wissen.
 „Heilsäfte, Heilkräuter, Granulat-Vitalkost, Gewürze und besondere Spezialitäten, die man sonst nirgends bekommt“, erklärte die umtriebige Hausfrau. Und fügte hinzu, dass es an Ärzten genug im Haus gäbe, sie aber die Einzige sei, die bewährte Hausmittel anbiete.
 Näher hinschauend, fand der Köpfler ein milchig aussehendes Knoblauch-Zitronen-Elexier, das besonders zuträglich für optimales Befinden hinsichtlich der Herzfunktionen sei. Und von außerordentlicher Wirkung sollen die Ohrkerzen sein, die zurückgehend auf ein altes Rezept der Hopi-Indianer von der Frau hergestellt werden. Wie man das anwende, wollte Rupertl wissen.
 „Ganz einfach, man setzt die Kerze mit dem unteren, etwas ausgefransten Ende in liegender Stellung auf das Ohr, zündet diese an und lässt sie bis auf zwei Drittel herunterbrennen. Bei mehrmaliger Anwendung verschwinden Ohrenschmerzen, Ohrensausen und darüber hinaus wird der Körper entschlackt!“.
 Die Wirkung der Kerzen sei übrigens sofort erkennbar, wenn man sie nach Anwendung der Länge nach aufschneidet, fügte die Eingeweihte hinzu, denn eine innere Verfärbung zeigt den Entzug schädlicher Stoffe aus dem Körper.
Blitzartig dachte der Köpfler an den Herrn mit dem Steckdosen-Schaden an seinen Ohren, für den er sofort eine ganze Schachtel des Wundermittels kaufte. Zugleich war er selbst befriedigt, endlich für die Bewohner der Terrassenhaussiedlung etwas tun zu können, nachdem diese ihm so viele Tipps gegeben hatten.     
 
Der Hausmeister
Eiligen Schrittes querte ein das Geschehen musternder Mann die Fußgängerebene, der von mehreren Personen angesprochen wurde. Wer diese Person sei, wollte Rupert Sumpfhuber wissen, und man bedeutete ihm, dass es der Hausmeister wäre.
 Der Köpfler erkannte, dass es eine sehr gefragte Person sein muss. Hausbewohner versicherten ihm, dass der Hausmeister alles wisse, wer wo wohne, wer verheiratet oder geschieden sei, wer demnächst ausziehen würde und wo in der Anlage Hand anzulegen sei, um Schiff klar zu machen.
 Der Hausmeister dieser kleinen Stadt von ca. 2.000 Bewohnern stand offenbar in der Tradition der alten Meister, die höchst persönlich einen ansehnlichen Betrieb führten und denen eine Oper als Meistersinger gewidmet wurde.
 Darauf hin angesprochen, ob er eine freie Wohnung in der Terrassenhaussiedlung wüsste, kam seine nachfragende Antwort. “Sind Sie allein oder haben Sie Familie?“. Diese Reaktion bestätigte einmal mehr, dass man ihm zunächst seine Familienverhältnisse eingestehen müsse, bevor von ihm ein Rat zu bekommen sei. 
„Ich bin allein“, antwortete der Köpfler ohne Hintergedanken (er hätte ja in Graz vielleicht eine Freundin finden können).
 „Gut“, bekam er zur Antwort, „dann passt eine kleinere Wohnung in einem Kopfbau für Sie – in Kürze wird eine frei mit Blick auf die Stadt“.
Bei dem Gedanken, im Kopfbau seinen Hausnamen Köpfler mitnehmen zu können, was der Siedlung und ihm nur zum Vorteil gereichen würde, wurde ihm warm ums Herz. Er blickte die Terrassen hinauf und sah sich schon in der Anlage wohnen. Erst ein Hundebellen weckte ihn auf, um zu bedenken, dass er von einem Landmann zu einem Stadtmann werden müsse, der in Zukunft nicht einfach in Arbeitskleidung zum Bauernmarkt gehen könne, sondern dem Kaiser Josef auf seinem Markt Reverenz erweisen müsse. Die Vergangenheit würde ihn einholen, von der sein Großvater immer erzählte. So schlecht soll sie ja nicht gewesen sein!  
    

Der Private
Manche Menschen ziehen sich an. Als sich Rupert Sumpfhuber einem elegant aussehenden Herrn mit weißen Handschuhen vorstellte, um einen entscheidenden Rat über den beabsichtigten Wohnungserwerb zu bekommen, stellte sich dieser mit Privater vor. Als Köpfler mit einem Stück eigenen Grund und Bodens fühlte er sich gleichrangig auch als Privater und zog ihn ins Gespräch wie unter Freunden. 
„Können Sie mir empfehlen, mich in der Terrassenhaussiedlung anzukaufen?“ fragte er unumwunden. 
„Na ja, sagte dieser, das ist wie ein Glaubensbekenntnis!. Die einen, die die Anlage nur umkreisen, finden die dichte Anordnung von Wohnungen und den nackten Sichtbeton als abstoßend. Die anderen, die hinein gehen und erleben, dass man vom öffentlichen Bereich in unterschiedlicher Weise in den privaten hineingeführt wird, begleitet von viel Grün, sind zufrieden. Sie ziehen eine Wohnung im Haus einer Einfamilienhaus am Stadtrand vor!“.
Der Köpfler fühlte sich gut informiert, doch wollte er eine persönliche Meinung wissen. Als Privater, meinte der Herr, habe er sich entschieden. Privat lebe er hier sehr gut, mit den weißen Handschuhen aber bewege er sich in der Öffentlichkeit, denn er sei einmal Kapitän gewesen, der in der weißen Uniform auf der Brücke gestanden ist. Seine einstige Autorität steckt in den weißen Handschuhen, mit denen der sein Lebensschiff in etwas ruhigere Gewässer lenke.
 

Der Köpfler wusste, dass er noch einmal nach Hause fahren müsse, um alles zu überschlafen. Dass er aber sein altes Fahrrad nach Graz mitnehmen wird, um wirklich frei zu sein, war ihm klar. Am Ostbahnhof bestieg er bei Sonnenuntergang den Zug, im Gefühl, einen Schritt in ein neues Leben getan zu haben.

Verfasser / in:

Anselm Hort

Datum:

So. 23/08/2015

Artikelempfehlungen der Redaktion

Das könnte Sie auch interessieren

Infobox

10 Begeh(gn)ungen der unheimlichen Art.

Zur Terrassenhaussiedlung Graz-St. Peter.

Folge 3

Architektur: Werkgruppe Graz

Planung: 1965
Umsetzung: 1972 – 1978

522 Wohnungen mit unterschiedlichen Wohnungstypen: Terrassenwohnungen, Maisonetten, Atelier-Einheiten, Dachterrassen-Wohnungen; Sammelgarage für 550 PKW mit Waschplätzen, Fahrradabstellraum, Müllraum; einer Kommunikationsebene im 4. OG und öffentlichen Dachterrassen, Kindergarten, überdachten Spielbereichen und Spielplätzen.

Kontakt:

Fotostrecke:

Kommentar antworten