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Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: 'Die Kinder der Toten' beim steirischen herbst 2017
©: Ditz Fejer

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Bericht
Aufsteirern der Untoten

Erst noch ein kleiner pornografischer Nachtrag zur ersten herbst-Woche: Betrachtet man Mette Ingvartsen`s to come (extended) zusammen mit den zwei folgenden Inszenierungen, nämlich Simon Mayer`s Oh Magic und Florerntina Holzinger`s Apollon Musagete im Dom im Berg, dann fällt auf, wie sehr „youporn“ oder zumindest Nacktheit in die Lebens- und Kunstpraxis eingesickert ist. Mette Ingvartsen deklinierte noch aseptische Pornorituale durch, um am Ende des Alphabetes bei lustvoller Kommunikation mit Tanz und Festmahl zu enden. Dagegen spielte Holzingers Frauentruppe mit Apollon Musagete aggressive Sexualpraktiken einer Männerwelt kämpferisch zurück. Bemerkenswert war dabei weniger der (unsichtbare) Bezug auf eine Choreografie von Georges Balanchine, als die bewusst geschmacklose Verbindung mit Elementen des Vaudeville. Dazu gehörten das Ausdrücken einer Zigarette auf der Zunge, das Hochtreiben eines Nagels durchs Nasenloch, das Antakkern von Spielkarten im Herz- und Schambereich oder das Verspeisen von Glühbirnen. Dazu Sexualpraktiken wie das Verschlucken eines Luftballon-Penis, Nacktreiten auf einem elektrischen Bullen, das Malträtieren des Gesäßes einer quer über dem Sattel liegenden Partnerin mit der flachen Hand und Macho-Karl-May-Einlagen zu Musikzitaten von Sergio Leone. Die Nacktheit der Protagonistinnen wurde dabei durch die Gürtel erst zur Obszönität. Mit Fäkalisieren und Urinieren in Glasbehälter ging es bis an die Schmerzgrenze, insbesondere als nach dem Umstürzen des elektrischen Bullens die anrüchigen Substanzen kenntnisreich ausgelöffelt wurden. Man muss das nicht mögen, aber der brachial-emanzipatorische Drive hat jedenfalls Leidenschaft, Konsequenz und die Bereitschaft, etwas zu riskieren.
Die letzte der drei Arbeiten, Oh Magic, zielte in eine andere Richtung, auch wenn die Truppe von Simon Mayer sich ebenfalls bald ihrer Hüllen entledigte, Die Nacktheit im schwarzen, sparsam beleuchteten Dom im Berg beförderte vielmehr eine Reise ins Herz der Ekstase. Dabei war die angekündigte Zusammenführung von „Kunst und Spiritualität“ fragwürdig, gehören die Beiden doch von alters her zusammen. Und der Konnex von Kunst und Technik wurde durch einen ferngesteuerten „Roboter“ mit Mikro allenfalls zitiert. Aber was für eine sufihafte Selbstvergessenheit, was für eine musikalische und tänzerische Intensität! Der „Bandleader“ realisierte bizarr-abgezirkelte Gesten, drehte sich schwindelerregend schnell oder kippte längelang um. Am Klavier bediente Clara Frühstück die Tasten auf dem Boden liegend mit ihren Füßen, schob das schwere Instrument im Kreis, bestieg es gelegentlich und verschwand zuletzt unter dem Klavierdeckel. Dazu marschierten der Schlagzeuger mit Stücken seiner Batterie über die Bühne, manchmal auch sein Kollege von der Elektroorgel. Das Crescendo des schamanistischen Abends durchbrach so diese imaginäre Grenze zwischen bloß Perfekten und Virtuosen.

Aufsteirern der Untoten

Darf man das? Über die Verfilmung des Romans durch das „Nature Theater of Oklahoma“ (Kelly Copper, Pavol Liska) als Leitprojekt des 50. steirischen herbstes schreiben ohne kaum was davon gesehen zu haben?
Vielleicht handelt es sich ja dabei auch weniger um ein konkretes Kunstprojekt, als eine phantasmagorische Projektionsfläche für kulturpolitische Reizworte. Der Primärreiz ist die Nobelpreisträgerin. Elfriede Jelinek mit ihrem monumentalen Werk Die Kinder der Toten. Das Buch spielt in der Mürzregion, was nicht zuletzt Gelegenheit zu einem weiteren Reizwort – Kultur auf`s Land – bietet. Zusätzlich eröffnet es örtlichen Würdenträgern eine Chance zur Eingemeindung von Elfriede Jelinek, deren Eltern ein Wochenendhaus  in der Gegend hatten. Gleichzeitig wird die Realisierung als Mega-Event (Primärreiz) angeboten, wenn auch, wie jeder weiß, Dreharbeiten eher langweilig sind. Zusätzlich dürfen die Zuseher vor und hinter der Kamera mitmachen, was die Forderung nach Publikumsbeteiligung (Reizwort) erfüllt. Ähnliches gilt für die 144-stündige Lesung des Buches – beides aus dem leicht angestaubten Arsenal der Animationsarbeit. 

Gedreht wird auf S-8 Material, das über exotische Nostalgie, aber eben keinen Synchronton verfügt. Aus der sprachmächtigen Vorlage der Nobelpreisträgerin wird also ein Stummfilm. Das ist irgendwie logisch, sind Die Kinder der Toten doch nicht ins Englische übersetzt und die beiden US-Regisseure Kelly Copper und Pavol LIska des Deutschen unkundig. Das erlaubt dem Duo die „Radikalübertragung“ entlang der Nacherzählung von Claus Philipp, der als Dramaturg übrigens einen ausgezeichneten Job gemacht hat. Originell ist auch, dass genau 666 Spulen S8 belichtet werden, da das Buch (in manchen Ausgaben) genau über diese Seitenanzahl verfügt; darüber hinaus hat die Zahl diese anheimelnd-erregende Nähe zum Satanismus. Zum Namedropping, diesmal für Cineasten, gehört weiters "Carnival of Souls", der Geniestreich Henk Harveys aus dem Jahr 1962, und einer der Lieblingsfilme von Elfriede Jelinek. Zu seiner steiermärkischen Projektion wird dem Film allerdings an Stelle des Originalscores eine Live-Improvisation von Wolfgang Mitterer verordnet.
Als Produzent fungiert der steirische herbst selbst, Regie siehe oben, und als weiterer Primärreiz tritt der österreichischen Starregisseur Ulrich Seidl als Herstellungsleiter auf. Das sind noch lange nicht alle mit der Verfilmung verbundenen Sensationen der Produktion; allem Anschein nach geht es auch weniger um das fertige Produkt, als um den Prozesscharakter (noch so ein Primärreiz). Der Film selbst kann klarerweise erst 2018, lange nach der Ära von Veronica Kaup-Hasler präsentiert werden,
Es hat sich dann doch ein Lokalaugenschein bei den Dreharbeiten in Stift Rein ergeben. Zwei Laiendarstellerinnen schwärmten von dem familiären Klima und bedauerten, dass die Beteiligung im Mürztal manchmal eher mau war. Das Regieduo Copper/Liska bediente selbst zwei Kameras, Ton wurde nicht aufgezeichnet, das ca. zehnköpfige Team arbeitete professionell und mit freundlicher Ruhe…Trotzdem das mit Abstand am großzügigsten finanzierte Amateurprojekt der 2. Republik.

Das Nature Theater of Oklahoma zeichnete auch für Regie und Text von Pursuit of Happiness mit der Tanztruppe „En-Kapp“ verantwortlich. Ein großer, brilliant choreographierter und bitter-zynischer Westernspaß, der von einem Saloon apokalyptisch–heiter auf den irakischen Schlachtfeldern endet.
Auch dieser Abend war charakteristisch für eine allgemeine, sich nicht nur während der langen Intendanz von Veronica Kaup-Hasler verfestigende kulturelle Angebotswirtschaft: Professionalisierung, Internationalisierung, Kapitalintensivierung ermöglichen das Entwickeln und Anbieten großer Kunstproduktionen durch Institutionen und mächtige Kuratoren. Während die kreativen Rollen verschwimmen, werden die Produktionen mittels PR bei einem amorphen Publikum durchgesetzt und die für die Legitimation erforderlichen Quoten eingefahren. Demgegenüber geraten die kreativen Akteure wie auch ihre Themen etwas aus dem Fokus. Ähnliches gilt für die verbale Verständnissoftware, deren geschmeidige Beliebigkeit an die fließenden Kurven Italienischen Barocks denken lässt.

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

Di. 24/10/2017

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