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Das Bregenzer Kunsthaus – das "Saure Bonbon"? Wie das Gebäude auf unterschiedliche Personengruppen wirkt.
©: Theresia Leuenberger

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Bericht
Architekturvermittlung aus Sicht der Raumsoziologie

Die Architekturvermittlung sieht ihre Aufgabe im Wesentlichen darin, der Öffentlichkeit über eine Einführung in das spezifisch architektonische Denken und Wissen, die Qualitäten der Baukunst zugänglich zu machen. Umgekehrt soll auch die Disziplin Architektur vom Wissen über die Rezeption von Architektur profitieren können (Riklef Rambow). Die Architekturvermittlung zielt also dahin für Laien und Experten eine Grundlagen zu bieten, um sich in die Perspektive des jeweils anderen hineinzuversetzen. 
Zunächst scheint die Architekturvermittlung lediglich zwischen einer Experten- und Laienperspektive zu unterscheiden. Eine nähere Betrachtung zeigt ein differenzierteres Bild. So lassen Architekturausstellungen verschiedene Architekturauffassungen erkennen. Architekten und Architektinnen ziehen beispielsweise in ihren Entwürfen primär konstruktive Überlegungen heran, andere werden von künstlerischen Ansätzen inspiriert, oder stellen ökologische Überlegungen in den Vordergrund. Auf Seiten der Laien zeigen die von der Wüstenrot Stiftung entwickelten Grundlagen für die Architekturvermittlung an Schulen, dass man sehr genau die Rahmenbedingungen der jeweiligen Schulstufe nach Alter und Ausbildungsrichtung berücksichtigt.

Der raumsoziologische Blick auf die Architekturvermittlung

Die Raumsoziologie ermöglicht es die erwähnte Vielfalt fach- und laienspezifischer Blickpunkte theoretisch zu konzipieren, indem sie danach fragt, wie aus dem jeweiligen Blickwinkel Räume konstituiert werden. Die Perspektive wird in der Raumsoziologie, wie sie von Martina Löw im gleichnamigen Buch (2001) konzipiert wird, als grundlegend für die Konstitution von Räumen angenommen. Löw betrachtet Raum daher nicht als etwas Unveränderliches und Universelles, wie man nach einer absoluten Raumvorstellung beispielsweise eine Box oder ein Territorium begreift. Die gebaute Umwelt wird für Wahrnehmende je Alter, Geschlecht, Ethnizität oder Profession zu einem anderen Raum. Um diese Unterschiede zu erfassen, unterscheidet die Raumsoziologie analytisch zwischen zwei Prozessen, dem Spacing und der Syntheseleistung. Raum entspricht dann einer relationalen (An)Ordnung. Wendet man diesen Raumbegriff auf Architekturerfahrungen an, meint Spacing beispielsweise jene Dinge der gebauten Umwelt, die einem auffallen, wenn man sich durch ein Gebäude bewegt. Mit der Syntheseleistung wird die Art und Weise beschrieben, wie diese Dinge von den Beobachter/-innen miteinander verbunden werden. Im Alltag bilden Leute in diesem Sinne kontinuierlich Räume. 

Architekturerfahrungen von Jugendlichen im Kunsthaus Bregenz

Drei Schülergruppen aus einer Tischlerlehre, einer Kulturmanagementausbildung und einem Gymnasium diskutieren nach einer selbständigen Begehung um und durch das Kunsthaus über ihre Erfahrungen. Ein kurzer Auszug soll zeigen, wie unterschiedlich diese ausfallen können. Die Schüler/-innen der Tischlerausbildung beginnen ihre Beschreibung mit der Benennung einzelner Fassadenelemente wie dem Stahl, dem Glas und der Konstruktion. Ihnen gefällt das Gebäude nicht, da es nicht in die Umgebung passt und zu modern erscheint. In der ungewöhnlich großen Tür erkennen sie unmittelbar einen Zweck, welcher mit dem Einbringen großformatiger Kunstobjekte zusammenhängt. Die Gruppe Kulturmanagement richtet sich in ihrer Beschreibung ebenfalls auf die Materialität des Gebäudes. Dessen Form bezeichnen sie als einfach und dessen Material auch als modern. Im weiteren Verlauf bilden sie einen Mythos und beschreiben das Gebäude als „Saures Bonbon“. Das Süße beziehen sie auf das moderne Äußere, das Saure verbinden sie mit dem Sichtbeton im Inneren. Die Gymnasiasten/-innen empfinden das Kunsthaus von außen betrachtet zunächst als komisch. Sie können es nicht zuordnen. Das Material lässt keine Durchsicht zu. Auch passt das Gebäude nicht zu seinem Umfeld. Es sticht hervor und erscheint ihnen daher interessant. 

Was zeigen die drei Beispiele? Allen drei Gruppen ist das Kunsthaus kaum bekannt. Ihre Erzählungen bringen diese Gegebenheit auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck. Die Aufzählung der Fassadenelemente, welche die Tischler zu Beginn vornehmen, zeigt, dass sie sich zunächst an dasjenige halten, was sie sehen. Die Materialität des Kunsthauses spricht sie nicht an, hingegen deuten sie die große Türe unmittelbar hinsichtlich ihrer Funktionalität. Die Gruppe Kulturmanagement charakterisiert den Ort über eine mythische Erzählung. Die Gymnasiasten/-innen beginnen mit der Beschreibung einer atmosphärischen Empfindung (komisch), worauf sie das Fassadenmaterial auf zwei Arten erfahren. Es beeinträchtigt die Sicht ins Innere und führt dazu, dass sich das Gebäudes von der Umgebung abhebt. Beides weckt letztlich ihr Interesse. In der Art und Weise, wie die Jugendlichen das Gebäude erfahren, stellen sie einen Raum her. Sie verknüpfen die Anordnung architektonischer Elemente (Fassadenmaterial, Tür, Beton) auf eine je andere Weise (u.a. affektiv, zweckmäßig, mythisch).

Die Perspektive der Architekten/-innen

In anderer Weise sind auch Architektinnen und Architekten zu Beginn einer Bauaufgabe mit Neuem konfrontiert. Peter Zumthor, der Architekt des Kunsthauses, begegnet dieser Situation, indem er den Entwurfsprozess mit der Charakterisierung einer Atmosphäre beginnt, die mit der Bauaufgabe und dem Ort zusammenhängt. In Bezug auf das Kunsthaus schreibt Zumthor, dass es „im Licht des Bodensees“ steht. Der Kunst schreibt er ein Vermögen zur Transzendenz zu. Diese atmosphärische Beschreibung dient ihm neben den fachspezifischen Anforderungen als Leitlinie dafür, die Materialien zu wählen und zusammenzufügen, um die erwünschte atmosphärische Wirkung zu erzeugen. Formal sind sich die Strategien von Zumthor und den Gymnasiasten/-innen ähnlich. Beide setzen bei einer atmosphärischen Beschreibung an und erschließen sich die Architektur ausgehend von ihrer Materialität. 

Kognitive Landkarten

Sich in neuen Situationen nach Empfindungen und dem Materiellen zu richten, findet auch seinen Niederschlag in der Art, wie man sich in der Umgebung orientiert. Carol A. Lawton unterscheidet zwischen einer Orientierung am Nahbereich – route-knowledge – und einer Orientierung an einer übergeordneten Beziehungsstruktur zwischen Orten – survey knowledge. Frauen scheinen die erste zu bevorzugen, während Männer primär die zweite Strategie hantieren. Was zunächst auf einen geschlechtsspezifischen Vorzug hinweist, besagt vor diesem Hintergrund, dass Frauen tendenziell mit der Umgebung weniger vertraut sind, mitunter auch ängstlicher als Männer. Denn nach Lawton orientieren sich Männer, wenn sie Angst empfinden, ebenso wie Frauen eher am Nahbereich. Ursula Nissen zeigt mit Bezug auf frühere Forschungen, dass der Aufenthalt im öffentlichen Raum geschlechtsspezifisch stimuliert wird, „wenn der Aufenthalt der Jungen auf der Strasse (…) mit Wagemut, körperlicher Gewandtheit“ verbunden wird und die Mädchen eher wie ihre Mütter „zur Vorsicht und Distanz gegenüber der Strasse“ angehalten werden. Diese Beobachtungen bedürfen allerdings einer Aktualisierung. 

Der raumsoziologische Blick auf die Architektur 

Der raumsoziologische Blick auf die Architektur bietet eine differenziertere Sicht im Hinblick auf die Vermittlungsproblematik und ermöglicht es auf einer theoretischen Grundlage die Produktion wie die Rezeption von Architektur formal wie inhaltlich zu vergleichen. Auf diese Weise erhalten Planende einen Zugang für die Perspektive der Laien wie umgekehrt die Laien ein Verständnis für die Architekturplanung.

Die Untersuchung mit Jugendlichen zu Architekturerfahrungen im Kunsthaus Bregenz stammt aus dem Dissertationsprojekt der Autorin.

Erwähnte Literatur: 
Lawton, Carol A. 1994. Gender differences in way-finding strategies: Relationship to spatial ability and spatial anxiety. Sex Roles 30: 765–779.
Löw, Martina. 2001. Raumsoziologie. Frankfurt a. M.
Rambow, Riklef. 2000. Experten-Laien-Kommunikation in der Architektur. Münster.
Rauterberg, Hanno. 2008. Peter Zumthor - Ein Wunschberuf von mir wäre auch Komponist. In Worauf wir bauen. Begegnungen mit Architekten, 150–157. München.
Zumthor, Peter. 2006. Architektur denken. 2. Aufl. Basel.
Zumthor, Peter. 2007. Kunsthaus Bregenz. 5., unv. Aufl. Ostfildern.

Erwähnte Internetquellen:
http://www.wuestenrot-stiftung.de/index.php?u1=8&u2=3

Verfasser / in:

Theresia Leuenberger

Datum:

Mi. 05/11/2014

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Theresia Leuenberger gibt einen Einblick in die Raumsoziologie und Rezeption von Architektur anhand einer Untersuchung mit Jugendlichen im Kunsthaus Bregenz.

Sie promoviert bei Martina Löw am Institut für Soziologie (Architektur- und Planungssoziologie) an der Technischen Universität Berlin mit dem Thema Architektur als Akteur zu Architekturerfahrungen aus soziologischer Perspektive.

Dieser Artikel erscheint im Rahmen des GAT-Fokus Architektur- und BaukulturvermittlungBis April 2015 werden mittwochs regelmäßig Artikel zum Schwerpunkt veröffentlicht und in einem Dossier gesammelt.

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