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Autobahnmeisterei Salzburg, Außenansicht, Architekturpreis Salzburg 2016 – Preisträger.
Architektur: Marte. Marte Architekten, ©: Marc Lins

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WB-Entscheidung
Architekturpreis Salzburg 2016 – Preisträger

Die kristallinen Kuppeln des Kongresszentrums in Bad Gastein, das rote wellenförmige Dach des Einkaufszentrums Europark, der lichtdurchflutete Unipark Nonntal oder die kühle Betonfassade der Gusswerk-Erweiterung – so unterschiedlich können preisgekrönte Bauwerke sein. All diese ehemaligen Preisträger haben eins gemein: Man muss keine Bilder sehen, um sich zu erinnern. Ihre eindeutigen Erkennungsmerkmale haben längst einen Platz in unserem Gedächtnis.
Schon seit 1976 zeichnet das Land Salzburg Architektur aus. Am 21. September 2016 wurde zum 15. Mal das beste Gebäude des Landes gekürt. „Alle zwei Jahre aufs Neue beweisen die Preisträger, dass sie nicht nur gekonnt Form und Funktion in Einklang bringen können, sondern durch den künstlerischen und technischen Wert auch Antworten auf die Probleme der Zeit finden“ sagt Roman Höllbacher, künstlerischer Leiter der Initiative Architektur, die seit 2000 mit der Durchführung betraut ist. Der Preis ist damit sowohl Auszeichnung als auch Dokumentation des baukulturellen Geschehens im Land Salzburg.
Erstmals in der 40-jährigen Geschichte des Landes-Architekturpreises wurden herausragende Leistungen durch ein Preisgeld unterstrichen. Das Land Salzburg vergab 10.000 Euro für den Preis und die beiden Anerkennungen sowie 5.000 Euro für ein Stipendium.

Die Jury 2016 (Marie-Claude Bétrix, Eva Hody und Roland Winkler) hat sich mit 35 eingereichten Projekten zum Architekturpreis und 12 für das Stipendium auseinandergesetzt und schließlich einen Preis, zwei Anerkennungen und ein Stipendium vergeben.

Preisträger 2016

  • Autobahnmeisterei Salzburg

    Einreicher: Marte.Marte Architekten / Bernhard und Stefan Marte
    Bauherr: ASFINAG Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-AG

In der Peripherie, zwischen zwei Autobahnanschlüssen, entstand der Anspruch, eine städtebauliche Dominante und einen Ort zu schaffen – und zwar in einem Gebiet mit heterogenen Bebauungsstrukturen ohne nennenswerte Referenz. Hier wurde das Bauprogramm perfekt gemeistert und „step by step“ zu einer starken richtungsweisenden Form gebildet. So ist eine Autobahnmeisterei entstanden, die weit mehr ist als die Addition von Bauten oder die Anreihung von Funktionen. Wie beim traditionellen Vierseithof (auch Vierkanthof) werden Nutzungen so zusammengestellt, dass sie vier verschiedene Baukörper bilden, die ihrerseits die vier Seiten des Werkhofes bilden. Aus den banalen Ingredienzen einer Nutzanlage wurde eine präzise und erstklassige Anlage gestaltet, mehr noch: ein hochwertiger Platz. Kein dazu passendes Denkmal? Von wegen! Salzsilos sind vorgesehen, und wie durch ein Wunder passen sie sich in Form und Maß perfekt ein, um den weiten Hof in spannender Weise zu strukturieren und zu gliedern. In Augenhöhe bleiben sie durchlässig, während sie in der Fernbetrachtung Akzente setzen. Die geschlossene Großform gibt über ihre Daseinsberechtigung Auskunft.
Dass eine Tankstelle schön sein kann, hat Arne Jacobsen bereits 1936 in Skovshoved gezeigt; wie eine Tankstelle in einem Werkhof räumlich bereichernd wirken kann, erfährt man hier.
Technische Arbeitsplätze werden heute noch allzu oft anspruchslos oder minderwertig behandelt. Derartig durchdachte und präzis organisierte Anlagen sind im Aufbau nicht teurer, im Betrieb sind sie übersichtlicher und sogar effizienter nutzbar. Der Hof ist vor dem Autobahnlärm geschützt, die Anrainer sind es vor dem Betriebslärm. Auch die Anordnung stimmt, mit dem Bürogebäude am Eingang und dem Recycling wohl geordnet im Hinterhof.
Durch gezielt gesetzte Spalten im Hof öffnen sich Sichtachsen zur Berglandschaft. Ebenso gelingt es, in den Baukörpern Tageslicht und Sichtverhältnisse am richtigen Ort zu organisieren, ohne dass etwas an den einzelnen Bautrakten forciert oder formalistisch wirkt. Form und Materialien ergänzen sich gegenseitig, vermitteln durchgehende Stringenz, die die Identität des Ergebnisses unterstreicht, sowohl aus der Nähe als auch aus der Ferne. (Marie-Claude Bétrix, Jurorin)

Anerkennungen 2016

  • Zugang Schallmoos am Hauptbahnhof Salzburg
    Einreicher: kadawittfeldarchitektur
    Bauherr: ÖBB Infrastruktur AG

Die Eisenbahn verbindet Städte – miteinander.
 Die Eisenbahn schneidet Städte – auseinander. Innerhalb von Städten schneiden Gleisanlagen skalpellartig Stadtteile entzwei, deren Hälften oft unterschiedlicher nicht sein können, obwohl nur wenige Meter voneinander entfernt und ehedem eins. Brücken und Unterführungen sind meist zu schwach, um den urbanen Fluss zu gewährleisten. Sie formen ein Nadelöhr, das Leben zwängt sich mühsam hindurch, um schlussendlich auf halbem Wege steckenzubleiben. Also weitet sich das Öhr zu einem Portal, zu einer Geste gegenüber dem urbanen Leben. Ist der Maßstab richtig gewählt, ergibt sich der Rest von selbst, beginnt zu funktionieren, zu fließen. Die abgetrennten Teile wachsen wieder zusammen, werden angemessen versorgt, können zirkulieren.
Aus der Annäherung betrachtet, schwebt eine scheinbar frei geformte Wolke über dem Platz, aus der Nähe begründet sich die Formgebung in einer räumlichen Interpretation des Raumflusses, gibt Hinweise auf das Funktionieren: Die Wölbung des Daches begleitet nach unten oder zieht nach oben, je nachdem, woher wir kommen. Man versteht: Es gibt zwei Ebenen.
Die breiten Treppenanlagen sind weniger Erschließung als geneigte Plätze. Die hohe Stirnwand am Ende des Tunnels neigt sich trichterförmig dem Licht entgegen und verliert dadurch an Gewicht und Härte. Alles ist in Weiß getaucht und reflektiert schattenlose Freundlichkeit, der Tunnel verschwindet und wird zum Portal. Die Stadt wächst (wieder) zusammen, weil in der notwendigen Größenordnung und Qualität mutig geplant und gebaut wurde. (Roland Winkler, Juror)

  • Panzerhalle Salzburg

    Einreicher: ARGE Panzerhalle: LP architektur, hobby a. schuster & maul, cs-architektur, strobl architekten
    Bauherr: Panzerhalle Betriebs-GmbH / Marco Sillhaber und Johann Kainz

Die Idee des Großen. Die Griechen erfinden die Basilika. Eine große Maschine für die Bedürfnisse der Stadt. Märkte, Gerichte, Repräsentation. Die Römer übernehmen die Idee des urbanen Flaggschiffes und bauen sie weiter aus. Die Christen erkennen sie als Raumwerkzeug für ihren Glauben. Die Form – längs gestreckt mit hohem Hauptschiff und niedrigen Seitenschiffen – schafft eine Größenordnung, die den herkömmlichen Begriff von Innenraum und die Vorstellung von „Haus“ sprengt. Das Volumen ermöglicht schlicht überdachte Stadträumlichkeit. Anstelle von Zimmern und Fluren entstehen Gebäude, Wege und Plätze im Inneren. Was gewöhnlich ein Bebauungsplan an Abständen, Dichten und Höhenentwicklungen vorgibt, übernimmt der Zuschnitt der Basilika, mit dem gewaltigen Dach und den Seitenwänden als Grundgrenzen. Dies ins Heute zu übertragen, ist die Leistung der Panzerhalle. Baugeschichte als Wert erkennen, würdigen und schlussendlich einfach verwenden, mit all ihrer Patina, ihren Altlasten und Eigenheiten, bereichert die Architektur in ihrer Fähigkeit zur Kommunikation mit dem Umfeld und den Bewohnern. Wie Zahnräder greifen Assoziationen aus der Vergangenheit und Anforderungen an die Zukunft ineinander und beginnen sich zu ergänzen. Die Halle erbt Raum und hält ihn in Ehren. Und offensichtlich: Was die Griechen als Markthalle erfunden haben, funktioniert heute wie ehedem, wenn es als Prinzip erkannt und fortgeführt wird. Die schiere Größenordnung – nach heutigen Maßstäben nicht reproduzierbar – gibt der Umgebung Halt und Rückgrat. Was schon lange besteht, hat bereits das Umfeld geprägt, ist verankert, erzählt die Geschichte weiter. Man kann anknüpfen, sich unterhalten, sich entgegenstellen oder einfach weiterbauen. Die Kommunikation mit dem eigenen Entstehen führt zu einem Wachsen der Stadt und nicht zu beziehungslosem Anhäufen, wie wir es in den Speckgürteln gewohnt sind. (Roland Winkler, Juror)

Stipendium

  • Wilhelm Scherübl - Urbane Adaptation


Architektur ist nicht immer das, was die Planenden im Sinn hatten, sondern das, was im alltäglichen Umgang mit ihr entsteht. Dass der Gebrauch von Architektur oft geradezu in das Gegenteil dessen umschlägt, was ihr zugedacht war, bezeugt das kreative Potenzial der alltäglichen Auseinandersetzung mit dem Gebauten im städtischen Raum. In den unerwarteten und widerständigen Formen der Nutzung von Architektur im urbanen Raum spiegelt sich im engsten Sinn des Wortes die gesellschaftliche Relevanz von Architektur. Wilhelm E. Scherübl möchte diesem oft beschworenen und doch so selten hinterfragten Schlagwort in seiner geplanten Arbeit nachspüren.
Urbane Adaptation richtet den Blick auf die Ausgeschlossenen unserer Gesellschaft, die sich dem Mainstream und seiner Nutzung der gebauten Strukturen entziehen. Ihre Umnutzung von Räumen und Flächen im städtischen Raum erschafft eine eigene architektonische Parallelwelt. In der gebrauchstauglichen Adaptierung architektonischer Strukturen werden diese für Lebenswelten zurechtgebogen, deren Notwendigkeiten und Zwänge wir weder kennen noch verstehen. Die Nischen und Winkel unserer mehr oder weniger vertrauten, regionalen Baukultur taugen als Verstecke und Schlafplätze für jene, deren Blick auf die gebaute Umwelt von ganz anderen Konstanten bestimmt wird als von der kenntnisreichen Liebe zur gebauten Form.
Scherübls Auseinandersetzung mit Architektur hinterfragt eine allzu formalistische Betrachtungsweise von Architektur und möchte sie als das verstehen, was sich in ihrer alltäglichen Nutzung spiegelt. Die Kreativität der Menschen und ihr Versuch, die Welt zurecht zu rücken. Seine Arbeit hat das Potenzial, unseren eingeübten Blick auf das Gebaute zu verändern. Im besten Fall erschließt sich eine Perspektive auf Architektur, die all die Möglichkeiten und Gefährdungen durch die gebaute Umwelt so elementar begreifen muss, wie wir vielleicht nur noch die Natur fernab jeder Zivilisation erfassen können.
Das Förderstipendium soll Wilhelm E. Scherübl den notwendigen Freiraum geben, ein Projekt zu verfolgen, das sich mit seiner architekturtheoretischen Zielsetzung den üblichen Zwängen architektonischer Erwerbsarbeit entzieht und uns allen eine frische Perspektive auf unser tägliches Tun ermöglicht. (Eva Hody, Jurorin)

Ausstellung
Alle eingereichten Projekte sind von Samstag, 23. September, bis Sonntag, 24. Oktober, im Ausstellungsraum der Initiative Architektur im Künstlerhaus (Hellbrunner Straße 3) zu sehen. Die Ausstellung ist von Dienstag bis Sonntag jeweils von 12:00 bis 19:00 Uhr geöffnet. In der ORF Langen Nacht der Museen am 1. Oktober ist sie bis Mitternacht zugänglich.

Verfasser / in:

Redaktion GAT GrazArchitekturTäglich
Initiative Architektur

Datum:

Fr. 30/09/2016

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Infobox

Architekturpreis Salzburg 2016

Preisträger
Der Landesarchitekturpreis geht an Marte.Marte Architekten für die Autobahnmeisterei Salzburg
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Anerkennungen erhielten:

– kadawittfeldarchitektur für den Zugang Schallmoos am Hauptbahnhof Salzburg und die
– ARGE Panzerhalle: LP architektur, hobby a. schuster & maul, cs-architektur, strobl architekten für die Panzerhalle Salzburg
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Ein Stipendium ging an Wilhelm Scherübl für sein Projekt Urbane Adaptation
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Ausstellung
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