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Reporting from the Front. Architektur-Biennale 2016 in Venedig bis 27. November 2016
©: Martin Grabner

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Rezension
Architekturbiennale 2016
An den Frontlines einer sozialen Architektur

Schon zum 15. Mal ruft heuer die Biennale Architettura di Venezia in die Lagunenstadt und verspricht Einblicke in und Ausblicke auf eine Architektur, die im ewigen Kräftemessen und Kompromiss mit dem Kapital greifbare Verbesserungen für Individuum und Gesellschaft erringen kann.

Mit dem, nicht nur auf den ersten Blick aktuellen Thema Reporting from the Front hat sich Kurator Alejandro Aravena nichts Geringeres zum Ziel gesetzt, als die Avantgarde – besser die Avantgarden – unserer Zeit auszumachen und die Öffentlichkeit an ihren Erfahrungen und ihrem Wissen partizipieren zu lassen. Im derzeitigen weltpolitischen Umfeld wird der Titel schnell allein mit Kriegsrhetorik assoziiert, ist aber viel weiter gedacht: Es geht um Ungleichheiten, Segregation und Migration, um Nachhaltigkeit, Resilienz und Mobilität, um Zersiedelung, leistbaren Wohnraum und informelles Bauen. Kurz: Es geht um grundlegende menschliche Bedürfnisse in ihrer pragmatischen und existenziellen Dimension. Und es ist dem aus Chile stammenden Architekten und seinem Team gelungen. Die Ausstellungen im Arsenale und in den Giardini präsentieren sich angenehm entspannt, ohne dabei an inhaltlicher Relevanz zu verlieren. Auch wenn nicht jeder Beitrag gelungen ist, wird im Vergleich deutlich, wie verkrampft der Versuch Rem Koolhaas’ vor zwei Jahren über weite Strecken war, die Architektur durch die Reduktion auf ihre wesentlichen Elemente neu oder zu dekonstruieren.

Sozial, ästhetisch und sympathisch…

Subtil nachhaltig werden wir schon an den Eingängen zu Arsenale und dem Hauptpavillon der Giardini begrüßt, die aus wiederverwerteten Gipskartonplatten-Resten und Profilblechen der letzten Biennale komponiert sind. Der Pritzker-Preisträger Aravena, der vor allem mit sozialen Wohnbauten bekannt geworden ist, die zunächst nur zur Hälfte errichtet werden, um erschwinglich zu sein, und später, wenn die Besitzer es sich leisten können, im Eigenbau erweitert werden können, lässt – nicht nur – ArchitektInnen zu Wort kommen, die über den Tellerrand schauen, unkonventionell denken und auch einmal Architektur fast ohne ArchitektInnen machen.
Viele Beiträge beschäftigen sich mit Partizipation und Selbstbau, einige zu kleinteilig und sozialromantisch, andere sehr durchdacht (und fotogen). So etwa die Arbeit von Solano Benítez aus Paraguay, der ein einfaches System entwickelt hat, aus Ziegeln Bogensegmente und ähnliche Teile zu fertigen, die zu größeren Konstruktionen gefügt werden können. Von ungelernten Arbeitern, ohne auf Produkte oder Know-how aus der Bauindustrie zurückgreifen zu müssen.
Bemerkenswert ist auch das Projekt der Stadtverwaltung von Medellín in Kolumbien. In der, als eine der gefährlichsten Städte der Welt geltenden, Stadt sind öffentliche Räume Mangelware. Andererseits waren die Wasserbehälter als besonders kritische Teile der städtischen Infrastruktur eingezäunt und unzugänglich. Über mehrere Legislaturperioden hinweg wurden die Areale der Wasserversorgung geöffnet und als differenzierte öffentliche Räume gestaltet, die so zu konstituierenden Orten der städtischen Gemeinschaft wurden.

…aber oft auch vorhersehbar und ein wenig unpolitisch

Ganz wollte aber auch Aravena nicht auf bekannte Namen verzichten. So sind neben Tadao Ando, Shigeru Ban, Peter Zumthor, David Chipperfield, Richard Rogers, Renzo Piano und Norman Foster auch die Vorarlberger Marte.Marte vertreten, die in einer minimalistischen Installation Modelle ihrer Bauten aus Betonkuben herausarbeiten. Leider sind die ergänzenden Filme zu ihren Werken heroisch überstilisiert, was die Architekten nicht nötig hätten. Den Wettbewerb um die meistfotografierte Arbeit verlieren sie trotzdem an Transsolar und Anja Thierfelder, die das Element Licht meisterhaft in Szene setzen und ganz nebenbei einen Testlauf für das Dach des neuen Louvre Abu Dhabi von Jean Nouvel durchführen.
Ebenso eindrucksvoll, aber doch ganz anders ist das riesige Modell der Berliner Bel Architects, die an den Bau von vier Millionen Wohnungen erinnern, die in den 1950er Jahren in Deutschland für Flüchtlinge aus dem Osten errichtet wurden. Interessant ist auch die Arbeit Ephemeral Urbanism, die aus der temporären Stadt, die bei dem alle 12 Jahre in Indien stattfindenden, dreimonatigen religiösen Fest Kumbh Mela sieben Millionen Besucher gleichzeitig beherbergt, Lehren für die Bewältigung heutiger Migrations- und Urbanisierungsbewegungen zu ziehen versucht. Oder der Pavillon der Westsahara, einem besetzten Staat, dessen Einwohner seit Jahrzehnten in einem Lager an der Südgrenze Algeriens leben. Kuratiert wurde dieser vom Schweizer Manuel Herz, der sich in seinem Buch From Camp to City mit der Entwicklung von Gesellschaften in Flüchtlingslagern auseinandersetzt.

Viel, aber nicht nur Migration in den Giardini

Mehrere Länderbeiträge beschäftigen sich ebenfalls mit dem Themenkomplex Flüchtlinge und Migration, so auch Österreich. Die Idee hinter diesem ist es, Places for People nicht nur auszustellen, sondern zu schaffen. Gewissermaßen eine Umwidmung des 400.000 Euro umfassenden Budgets (und weiterer Sponsorgelder) für soziale Zwecke. Kuratorin Elke Delugan-Meissl und Liquid Frontiers luden die Architektur/Designbüros Caramel, EOOS und the next ENTERprise ein, sich mit drei Projekten in Wien zu beschäftigen. Leerstehende Immobilien wurden für die Unterbringung Asylsuchender adaptiert, wobei der Fokus auf der Schaffung von Privatsphäre und Gemeinschaft – den zwei wesentlichen Faktoren menschenwürdiger Lebensräume – lag und auf andere Projekte übertragbar ist.
Ein Zwischenstand der Arbeiten wird im österreichischen Pavillon präsentiert. Die Hauptelemente der Ausstellung sind großformatige Fotoposter zum Mitnehmen und eine sehr gut gemachte Zeitung, die umfangreiche Informationen, auch über die drei Projekte hinaus, bietet. Räumlich wird Heimo Zobernigs großartige, subtile Raumintervention der letztjährigen Kunstbiennale beibehalten (nicht nur im Sinne des sparsamen Umgangs mit Ressourcen eine gute Entscheidung) und durch eine lange Plattform aus Beton vor dem Pavillon ergänzt, die die innere Struktur der querliegenden Elemente Recherchetisch und Posterstapel nach außen fortsetzt.
Um vieles präsenter und sicher eines der Highlights ist der, ebenfalls Migration thematisierende, Beitrag Deutschlands Making Heimat. Germany, Arrival Country, kuratiert von Oliver Elser vom Deutschen Architekturmuseum (DAM). In einer kraftvollen architektonischen Geste wurden mehrere, garagentorgroße Öffnungen in den Pavillon gebrochen. Die temporäre Intervention (die Ziegel zum Wieder-zu-Mauern liegen schon bereit) ist nicht nur eine leicht zu dekodierende Referenz an das "offene Deutschland“ Angela Merkels, sondern verändert den historisch schwierigen, monumentalen Staatsbau von 1938, an dem sich seit Jahrzehnten fast alle Kuratoren pflichtbewusst kritisch abmühen, tatsächlich fundamental. Eine angenehme Brise weht durch die große Halle, Blicke aus dem elitären Kunstraum, in dem sich oft alles um sich selbst dreht, hinaus in die Welt tun sich auf. Bisher stets Kontrolliertes wird im unabschließbaren Raum plötzlich unkontrollierbar und ungeschützt – symbolisch und ganz real, denn unüberwindbar ist der Zaun um die Giardini bei Weitem nicht. Sitzinseln, Strom und freies WLAN sowie eine Ayran-Bar laden zum Bleiben ein. Die Ausstellung selbst ist unarchitektonisch aufbereitet. Ein Raum zeigt Flüchtlingsquartiere, der Rest lehnt sich an das Buch Arrival City des Kanadiers Doug Saunders an, das sich mit dem Ankommen und Bleiben in Städten beschäftigt und wie es diese prägt. Die zentrale These ist, dass Ghettobildung gar nicht so schlecht sein muss und migrantische Netzwerke bei der Integration sehr hilfreich sein können.
Am radikalsten geht der kanadische Kurator Pierre Bélanger vor, der die rücksichtslose Ausbeutung von Bodenschätzen (auch und besonders durch Kanada) anprangert. Säcke mit je einer Tonne kontaminiertem Golderz aus einer aufgelassenen Goldmine stehen aufgeschlichtet vor dem kanadischen Pavillon, aus dem der Beitrag ob seiner investigativen Brisanz von der eigenen Regierung verbannt wurde. Offiziell wird der Pavillon renoviert.

Learning from whom?

Den goldenen Löwen, die Auszeichnung für den besten nationalen Beitrag, erhielt aber der spanische Pavillon, der sich unter dem Titel Unfinished mit dem Bauen als einem kontinuierlichen Prozess der Bearbeitung von Bestehendem beschäftigt. In einer Fotoserie und einer Sammlung gut bebilderter Vorzeigeprojekte wird von Neubauruinen als Hinterlassenschaften der in Spanien besonders ausgeprägten Immobilienblase, vom Weiterbauen, Revitalisieren und ganz allgemein vom Bauen im Kontext des Bestandes erzählt. Ebenfalls umfangreiche Kompendien steuern Frankreich auf der Suche nach neuen Werten und Ressourcen („Nouvelles Richesses“) und Dänemark, sehr modelllastig, rund um öffentlichen Raum und das Recht auf Stadt bei. Die größte Sammlung an nachahmenswerter Architektur liefert aber der Pavillon der Nordischen Länder mit einer hölzernen Bibliothekspyramide, die die BesucherInnen den Betonlamellen der Decke des Pavillons näher bringt, als jemals zuvor.
Liest man den Titel des Nordischen Pavillons – In Therapy – derart, dass die Architektur durch intensives Zuhören an einer umfassenden (Selbst-)Therapie unserer Gesellschaft mitwirken kann, kommt beinahe Optimismus auf, dass die Vermittlung zwischen Gemeinschaft und Individuum, idealistischem Anspruch und verwirklichbarem Kompromiss, global vernetzten Metropolen und dem Bett in einer Flüchtlingsunterkunft nicht nur in der kleinen Biennale-Welt Venedigs, sondern auch in der großen Welt da draußen gelingen könnte.

Verfasser / in:

Martin Grabner

Datum:

Fr. 17/06/2016

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An den Frontlines einer sozialen Architektur.

Architekturbiennale 2016
Reporting from the Front

15. Internationale Architekturausstellung Venedig

Kuratiert von Alejandro Aravena

28. Mai – 27. November 2016

Di-So 10:00-18:00 Uhr
montags geschlossen

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