Architektur heißt Verantwortung / Architecture means responsibility

Bevk in Perović Arhitekti sind Fixsterne am Himmel der jungen slowenischen Architekturszene – dies auch deshalb, weil das Duo trotz aller Erfolge Augenmaß bewahrt.

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(Translation: [Y'plus] Graz - http://www.yplus.at)Die Erfolgsbilanz von Bevk in Perović Arhitekti liest sich eindrucksvoll: Gegründet 1997 in Ljubljana, realisierte das Büro in der relativ kurzen Zeit seines Bestehens eine beachtliche Anzahl an Projekten, wovon nicht wenige aus gewonnenen Wettbewerben hervorgegangen sind. Die Arbeiten des Duos wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und erhielten breites mediales Echo. Dennoch zeichnen sich die beiden Architekten durch Bescheidenheit aus. Architektur verstehen sie vor allem als Verantwortung: gesellschaftlich, politisch, sozial. Matija Bevk und Vasa J. Perović im Gespräch.

GAT: Bevk in Perović zählt zu den bemerkenswertesten Büros der jungen slowenischen Architekturszene. Im Internet wird man allerdings kaum nach Ihnen fündig. Im Unterschied zu Ihrer Kollegenschaft scheint Ihnen ein Webauftritt nicht wichtig zu sein. Ist Ihre Zurückhaltung Programm?
Perović: Ich weiß, wir sollten eine Homepage haben - das ist ja heute beinahe unausweichlich. Unser Problem ist aber, dass das Büro gerade einen Boom erlebt und wir für eine Homepage einfach keine Zeit finden.
Bevk: Man sollte auch zuerst etwas tun bevor man etwas zeigt.
Perović: Anders gesagt: Wir sind in der glücklichen Lage produzieren zu können, anstelle Ideen im Internet zu präsentieren.

GAT: Sie legen also auf Kommunikation keinen großen Wert?
Perović: Selbstverständlich muss man seine Ideen auch kommunizieren. Nicht so sehr im Sinn von Werbung, sondern um das, was man denkt und tut zur Diskussion zu stellen. Freilich: Manche Büros präsentieren ganze Archive ihrer Arbeiten im Internet. Da wird die Präsentation selbst schon zum Projekt. Letztendlich sind es aber die Gebäude, die wir sehen, nicht?
Bevk: Wesentlicher ist für uns die Kommunikation mit unseren Kunden, die konstruktive Zusammenarbeit im Laufe der Projektentwicklung.
Perović: Trotzdem würde ich nicht sagen, dass unsere Arbeit darauf abzielt, unsere Kunden glücklich zu machen. Unsere Projekte brauchen viel Zeit – nicht in der Ausführung, sondern in der Konzeption. In dieser Hinsicht arbeiten wir also nicht besonders schnell. Die Konzeption bindet unsere Auftraggeber selbstverständlich mit ein. Wenn sie dann auch noch glücklich sind, ist das gut. Aber Glück ist nicht das Motto.
Bevk: Unser Motto ist es eher, architektonische Typologien zu erarbeiten. Etwas Interessantes zu bauen – nicht in formaler, sondern architektonischer Hinsicht. Nicht im Sinne eines schnellen Bildes, sondern im Sinn des Zusammenspiels von Räumen, der Abstimmung eines Gebäude auf einen Ort.
Perović: Eine Frage: Glauben Sie, dass das Bild in unseren Gebäuden eine große Rolle spielt?

GAT: Ich glaube ja. Bei Ihrem Wohnbau in Polje beispielsweise ist die Fassade ja außerordentlich präsent.
Perović: Polje kann aufgrund seiner Fassade tatsächlich missverstanden werden. Freilich, heute leben wir in einer Zeit, in der wir mit Bildern kommunizieren. Da kann es leicht passieren, dass andere Inhalte verloren gehen. In Polje war uns beispielsweise wichtig, die städtebaulichen Vorgaben zu brechen und den Gebäuden über die Ausbildung der Dächer ein neues Profil zu geben. Generell glauben wir, dass Gebäude auf unterschiedliche Arten lesbar sein sollten. Was etwa die Fassade in Polje betrifft, dachten viele Leute sofort an Plečnik, andere an Semper, wiederum andere an ein Zitat des nahe gelegenen Güterbahnhofs. Ab einem gewissen Punkt hat uns die Fassade sogar Sorgen bereitet, weil sie aus unserer Sicht für das Projekt nicht wichtig ist.

GAT: Dennoch scheint in Ihren Arbeiten das Detail eine große Rolle zu spielen.
Perović: Als wir unser Büro vor neun Jahren starteten, hatte Slowenien gerade die tief greifende Wandlung zum kapitalistischen System hinter sich. Und während in den ersten Jahren der Unabhängigkeit die Bautätigkeit enorme Ausmaße erreichte, litt die Qualität der Ausführung. Handwerkliche Fähigkeiten, die teilweise noch aus den 50er Jahren stammten, gingen völlig verloren. Matija und ich interessierten uns zu dieser Zeit für das klassische Bauen. Wie Dinge gemacht werden, wie sie sich über die Zeit verändern. Uns war wichtig, die Idee des architektonischen Details wieder einzuführen, die Idee der qualitätsvollen Ausführung. Denn wie gesagt – was wir am Ende sehen sind Gebäude. Wenn es ums Bauen geht, wird es sehr schnell traditionell. Sogar die blaue Blase des Kunsthaus Graz – dieses fürchterliche Ding – ist am Ende ein Gebäude. Sie will etwas anderes sein, aber im Grunde ist sie aus Stahl und Beton.

GAT: Der Wohnbau in Polje ist aber auch in sozialer Hinsicht interessant – nicht zuletzt, weil es sich hier um sozialen Wohnbau handelt.
Perović: Es war sicherlich unsere Absicht zu zeigen, dass im sozialen Wohnbau qualitätsvolles Bauen möglich ist; dass architektonische Qualität auch mit geringstem Budget realisiert werden kann.
Bevk: Wichtig war uns in Polje vor allem die Gestaltung des öffentlichen Raums zwischen den Gebäuden. Die Gebäude selbst sind im Grunde sehr einfach – nicht zuletzt aufgrund der strengen Auflagen im sozialen Wohnbau. Ein großer Teil des Budgets wie auch des architektonischen Interesses wurde daher für die Gestaltung des öffentlichen Raums aufgespart. Hinzu kommt, dass die Gebäudekosten stets äußerst knapp kalkuliert sind, während die Kosten für die Gestaltung des Außenraums mehr Flexibilität bieten. Auch das ist ein Grund dafür, verstärkt Freiraumgestaltung zu betreiben.

GAT: Könnten Ihre Arbeiten als der Versuch einer Wiedereinführung von sozialer Verantwortung in der Architektur bezeichnet werden?
Perović: Ich würde sagen, soziale Verantwortung ist nicht nur die Essenz unserer Arbeit, sondern die Essenz der Arbeit jedes Architekten.
Bevk: In Slowenien gibt es einen enormen Bedarf an Wohnungen – dennoch hat sich der Staat nach der Wende weitgehend aus dem Wohnbau zurückgezogen. Wohnungen werden heute vor allem durch kommerziell orientierte Investoren gebaut. In der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand wie in Polje war uns die Idee wichtig, durch die Betonung sozialer Aspekte auch auf kommerzielle Wohnbauprojekte positiv zurückzuwirken. Zumindest lässt sich sagen, dass öffentliche Wohnbauträger mit dem Projekt in Polje aufgewacht sind. Mittlerweile werden wieder vermehrt Wohnprojekte durch die öffentliche Hand gebaut – in Ljubljana, in Maribor, in Koper.

GAT: Welche Themen sind für Sie abseits des Wohnbaus interessant?
Bevk: Privathäuser beispielsweise. Im Unterschied zum Wohnbau ist es hier möglich, Wohnkonzepte auf eine viel freiere, aber auch klarere Weise zu entwickeln.
Perović: Einfamilienhäuser bieten ein Experimentierfeld für Ideen, die später in größeren Projekten umgesetzt werden können. Freilich kann man von Einfamilienhäusern nicht leben. Wir arbeiten deshalb genauso an Großprojekten – damit wir unsere Rechnungen bezahlen können.
Bevk: Andererseits bauen wir aber auch öffentliche Gebäude, wie die Fakultät für Mathematik in Ljubljana, die gerade fertig gestellt wird.

GAT: Wie steht es um das Engagement des Staates in Bezug auf öffentliche Gebäude?
Perović: Das ist generell sehr gering. Unsere Regierung erkennt wenig Nutzen daran, Slowenien über Architektur zu repräsentieren. Andererseits scheint es aber auch keinen großartigen Bedarf an neuen öffentlichen Gebäuden zu geben.
Bevk: Das größere Problem ist eher, dass in Ljubljana keine öffentlichen Räume wie Parks oder Plätze angelegt werden.
Perović: Anstelle von mehr öffentlichen Gebäuden würden wir es vorziehen, wenn mehr Parks im Zentrum von Ljubljana renoviert werden würden. Die Stadt ist keine Ansammlung architektonischer Juwele. Sie braucht eine Perspektive, wie sie sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln will. Dazu sind Visionen nötig – etwas, was die Stadtregierung von Ljubljana bisher nicht erkannt hat.
Bevk: Die Stadtregierung verabsäumt es, ihre Macht dazu einzusetzen, dass das Kapital, das in Ljubljana investiert wird, auch der Allgemeinheit zugute kommt.

GAT: Dieses Problem ist auch aus Graz bekannt. Graz hat sich im Jahr der Kulturhauptstadt budgetär übernommen – nun werden zentrumsnahe Grundstücke der Stadt zu günstigsten Konditionen verkauft. Ist Ljubljana ebenfalls pleite?
Bevk: Die Stadt investiert nicht, also kann sie wohl kaum pleite sein.
Perović: Graz hatte durch das Jahr der Kulturhauptstadt zumindest eine Vision – selbst wenn die Stadt heute bankrott ist. Viele dieser so genannten Mid-Size-Cities leiden daran, dass ihre Stadtregierungen keine Visionen haben, zu keiner offensiven Planung, keinem offensiven Denken fähig sind. In dieser Hinsicht hatte Graz Glück, da 2003 ein öffentliches Interesse am Jahr der Kulturhauptstadt vorhanden war. Dies kam wiederum auch der Architektur zugute, auch wenn sich dies nur über Bauten wie die blaue Bubble oder die Murinsel von Acconci vermittelt.
Bevk: Wenn man das Ljubljana von heute mit jenem von vor 70 Jahren vergleicht, hatten gerade Plečniks Bauten jene Visionen die wir meinen. Plečnik vermochten es, unterschiedliche Teile der Stadt zu verbinden – durch die zahlreichen Brücken, durch öffentliche Plätze. Ljubljana war damals nur eine jugoslawische Provinzstadt. Heute ist Ljubljana Hauptstadt, und nicht fähig eine Vision zu entwickeln. Wir sind nun seit fünfzehn Jahren unabhängig – das ist keine so kurze Zeit.

GAT: Haben Sie eine Vision?
Bevk: Ein Vision für Ljubljana? Unsere Vision wäre vielleicht, eine Vision zu entwickeln.
Perović: Vielleicht auch gar keine Vision für Ljubljana, sondern für Slowenien. Denn das Land leidet wie viele andere der neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union an einem Identitätsproblem. Slowenien hat es verabsäumt, eine wiedererkennbare Identität innerhalb der EU zu entwickeln – so wie es beispielsweise Österreich über den Tourismus oder die Kultur tut.
Bevk: Was wäre dies für Slowenien? Die Berge, das Meer? Die Kultur? Die Wissenschaft?
Perović: Oder die Architektur?
Bevk: Die Architektur? Sicher nicht!
Perović: Jedenfalls: Wenn man über eine Vision für Ljubljana nachdenkt, muss man zuerst eine Vision für Slowenien entwickeln. Man sagt, Slowenien sei zu klein für ein Land, aber zu groß für eine Stadt. Aufgrund der dichten infrastrukturellen Netze könnte Slowenien allerdings tatsächlich als eine Stadt angesehen werden.
Bevk: Diese Idee hatte schon Ravnikar entwickelt.
Perović: Heute, mit dem Bau der Autobahnen und dem baldigen Ausbau des Schienennetzes könnte man diese Vision wieder aufgreifen. Slowenien – weniger ein kleines Österreich als ein großes San Marino.

Verfasser/in:
Fabian Wallmüller, Gespräch

Datum:

Mi. 19/04/2006
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