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Bericht
ArchitektInnen und das Land
– eine Kapitulation?

KAPITEL 3 - ArchitektInnen und das Land II

Andreas Ruby spricht in dem Nachwort von Menschen und Häuser – Architektur aus der Steiermark über eine Kapitulation der ArchitektInnen in der Steiermark und daher resultierend, dass das Land sich selbst überlassen wird. Im dritten Kapitel werde ich auf die persönliche Haltung der InterviewpartnerInnen zu ländlichen Gebieten und der Landschaft eingehen und die Frage nach einer Kapitulation oder Resignation untersuchen.
Die Landschaft in der Steiermark wird fast hauptsächlich als Kulturlandschaft verwendet. Die Kulturlandschaft in Europa ist nicht statisch, sondern befindet sich seit Jahrtausenden in Bearbeitung. Durch die Dominanz der BaumeisterInnen im ländlichen Raum gibt es keine ausreichende Beschäftigung mit dem Kontext und der Landschaft. In ihrem Fokus stehen vordergründig Wirtschaftlichkeit, Kundenwünsche und Effizienz. Vor diesem Hintergrund wird von den Befragten mehrheitlich die Wichtigkeit einer Auseinandersetzung mit dem Kontext geäußert, wobei hier das Architekturstudium ein Vorteil bietet. Sie empfehlen für die Auseinandersetzung mit der Landschaft, die Landschaft selbst ernst zu nehmen und zu berücksichtigen, wenige Eingriffe in die Topografie durchzuführen und integrierend, ohne Fremdkörper darauf zu reagieren. Andreas Ruby vermutet hier aber einen genau gegenteiligen Umgang und behauptet, dass in der Steiermark ländliche Gebiete mit ihren Konventionen von den ArchitektInnen durchaus noch als ideologisch belastet empfunden werden. Viele hätten heute noch Probleme sich in einen ländlichen Kontext zu integrieren oder diesen auf eine Weise weiterzubauen, der nicht auf dem Prinzip des Widerspruchs oder der Abstoßung beruht, also in einer Kontrasthaltung. Mit diesem Stichwort, wenden wir uns wieder der Programmatik der Grazer Schule zu, die vor allem durch Einzelarchitektur und Objekte zum Vorschein kam. Andreas Ruby schreibt über die Grazer Schule folgendes: „Die ästhetische Fokussierung der Architektur auf Ihre Objekthaftigkeit führt darüber hinaus dazu, dass die Gestaltung des Verhältnisses von Gebäude und dem größeren Kontext der Stadt- und Raumplanung vernachlässigt wird. Besonders aufgefallen ist mir dabei die Distanz, mit der sich die Grazer Schule zur Landschaft verhält. [...] Sie arbeitet auch nicht mit dessen semantischen Eigenschaften wie Traditionalität, Ländlichkeit oder Regionalität und kann diese deswegen auch nicht transformieren, sondern nur durch ihre eigene radikale Andersartigkeit ablehnen.“ Dieses Zitat wurde der Interviewgruppe der ArchitektInnen vorgelesen und sie sollten ihre Meinung zu dieser Aussage wiedergeben. Es scheint hierbei eine schmale Gratwanderung zu sein, die optimale Antwort für gegebene Strukturen zu finden und zu entscheiden, inwieweit historische und traditionelle Merkmale in einem Entwurf einzubringen wären oder ob man sich davon lösen sollte. Ruby, Gnaiger und Kirchengast betonen aber, dass Architektur nicht nur ein gestalterischer Ausdruck der ArchitektInnen bedeutet, sondern sich in einem Zusammenspiel von Ermöglichen, Aneignung, Gestaltung von Lebensräumen, Vermittlung und Vertrauen manifestiert. In diesem Zusammenspiel findet man auch Konventionen, die die semantischen Eigenschaften von Traditionalität, Ländlichkeit und Regionalität beinhalten. „Man muss sich damit beschäftigen, um zu verstehen, was die Leute bewegt.“ wird von einer Interviewpartnerin geäußert. Diese Eigenschaften stehen nicht nur für sich selbst, sondern sind mit dem Kontext in seiner Gesamtheit verbunden.
Wir können aber erkennen, dass zu Zeiten der Konsumgesellschaft und Globalisierung, Regionalität und Ländlichkeit immer mehr aufgebrochen werden. Der Überfluss ermöglicht eine Ausbreitung von Beliebigkeit. Die Aufgaben haben sich geändert und mit der Industrie sei eine gemeinsame Formensprache untergegangen. Demnach bleibt auch hier die Frage offen, welche Wertigkeit Traditionalität, Ländlichkeit und Regionalität in der Zukunft besitzen und ob es den ArchitektInnen gelingt, diese in eine Gegenwart und Zukunft überzuführen?
Die Prognosen für den ländlichen Raum werden von den InterviewpartnerInnen negativ beschrieben. Die Problematik sei drastisch und werde sich noch zuspitzen. Sie sei nicht mehr aufzuhalten und es werde sich auch nicht viel ändern, wird allgemein beschrieben. Als Ursachen dafür wird ein breiter Egoismus angesprochen, indem es keine Anstrengungen gibt, etwas Gemeinsames zu schaffen. In der Frage der Politik sind sich die meisten InterviewpartnerInnen einig, dass es Fehler bei politischen Entscheidungen gegeben hat. Man versucht, der Thematik einer Abwanderung entgegenzuwirken, indem durch Baulandwidmungen für Einfamilienhäuser und Gewerbegebiete auf Zuzug spekuliert wird.
Dennoch: Die Antworten von verschiedenen Lösungsvorschlägen und Forderungen für die Zukunft ländlicher Gebiete lassen sichtbar werden, dass trotz düstere Zukunftsprognosen es ein großes Spektrum an Aufgabenbereichen für ArchitektInnen gibt.

Verfasser / in:

Theresa Reisenhofer

Datum:

Mo. 12/02/2018

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Infobox

ArchitektInnen und das Land - eine Kapitulation?
Masterarbeit von Theresa Reisenhofer, TU Graz,
Oktober 2017

Die provokative Fragestellung im Titel zeigt auf, dass es in vielerlei Hinsicht eine gegensätzliche Beziehung zwischen ArchitektInnen und dem ländlichen Raum gibt.

In Interviews mit Architektur- schaffenden und Studierenden erkundet Reisenhofer, was diese über das Land denken und welche Herausforderungen es aus deren Sicht gibt.

Die Arbeit wurde von Univ.-Prof. Mag.phil. Dr.phil, Anselm Wagner, Vorstand des Instituts für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften an der Technischen Universität Graz zur Erlangung des akademischen Grades Diplom-Ingenieurin im Masterstudium Architektur erstellt.

Interessierte können in der Universitätsbibiothek der TU Graz in die 230 Seiten umfassende Arbeit Einsicht nehmen.

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