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©: Theresa Reisenhofer

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Bericht
ArchitektInnen und das Land
– eine Kapitulation?

THEORETISCHER TEIL
Ein wissenschaftlicher Überblick

Ausgehend von der Hypothese des Philosophen Henri Lefebvres in seiner Publikation Die Revolution der Städte möchte ich das Phänomen der totalen Urbanisierung von Stadt und Land und die Verschiebung der Bedeutungsebenen erklären. Henry Lefebvre präsentiert das Phänomen der Urbanisierung als Prozess der Ausbreitung urbaner Merkmale und Gebiete, die Stadt und Land gleichermaßen betrifft, mit der zentralen Annahme der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft.
Dieser Transformationsprozess ist unweigerlich mit der Wandlung der Landwirtschaft verbunden und zeigt sich in einer sozusagen Totalen Landschaft, wie sie Rolf P. Sieferle genannt hat.
Sieferle verknüpft die Veränderung der Industrialisierung und die einhergehende Veränderung der lokal und bäuerlich geprägten Traditionen einer Kulturlandschaft mit der Neuformierung einer Landschaft, die sich von lokalen Einflüssen abhebt, durch und durch von der Globalisierung und der Verfügbarkeit von allen Gütern geprägt ist und somit keine Stabilisierung von einem Stil mehr zulässt.
Thomas Sieverts nennt diese neuen Siedlungsfelder die dadurch entstehen, die weder den ideologischen Ansprüchen der Stadt oder des Landes entsprechen und in ihr sowohl städtische als auch ländliche Eigenschaften vereinen, Zwischenstadt. Das heißt, die Urbanisierung der Gesellschaft, die verstädterte Landschaft, der Wandel der Kulturlandschaft und die Artikulierung der gegenwärtigen Baukultur sind die Auswirkungen einer flächendeckenden Industrialisierung, Globalisierung und Digitalisierung durch das Prinzip des großen Wachstums. Das bedeutet ebenfalls, dass eine Lösung für Probleme in diesem komplexen Zusammenhang gesehen werden muss und die Landnutzung der gegenwärtigen Landschaft mit der aktuellen Baukultursituation zusammenspielt.

2 Brüche

Im nächsten Teil möchte ich spezifisch auf die Steiermark eingehen und zwei Brüche in der Architekturgeschichte ansprechen. Im Stilpluralismus am Anfang des 20. Jahrhunderts formierten sich zwei gegensätzliche Tendenzen. Einerseits die Moderne und andererseits eine Bewegung der Rückbesinnung auf traditionelle Formen und Bewahrung von alter Kultur, der Verein für Heimatschutz, der eine Generation später für die Ziele des Nationalsozialismus missbraucht wurde. Entscheidend für diese Studie sind vor allem die Nachfolgewirkungen dieser Blut- und Bodenideologie, welche bis jetzt andauern. Viele Teile der Geschichte und Tradition wurden für nächste Generationen kontaminiert und haben zu einem Bruch in der steirischen Baukultur geführt.
Dies führt uns zum nächsten historischen Merkmal. Die Entstehung einer Bewegung, die die Architektur der Steiermark bis jetzt beeinflusst und die Begegnung von zwei gegensätzlichen Positionen. In der Aufbruchsstimmung der 60er Jahre entstand in Graz die Architekturbewegung der Grazer Schule. Die Grazer Schule forcierte eine neue Architektursprache, die sich von Zwängen der Konventionen und der Geschichte loslöst. Günther Domenig wurde in dieser Bewegung zur Leitfigur auserkoren und 1980 als Professor an die TU Graz berufen. Günther Domenig präsentierte sich als der Künstlerarchitekt schlechthin. Seine Formensprache suchte das neue, aufregende und spannende und er sprengte alles, was nur einer Spur an Konventionen und Traditionen vergangener Zeit erinnert. Franz Riepl wurde in etwa zur gleichen Zeit berufen und übernahm die Leitung des Instituts für Landwirtschaftliches Bau- und ländliches Siedlungswesen. Im Gegensatz zu Domenig steht Franz Riepl seiner Herkunft unsentimentaler und selbstverständlicher gegenüber. Sie prägt vor allem sein Architekturverständnis, das sich in einer bewussten Angemessenheit der Mittel zeigt. Ein Interviewpartner hat das Verhältnis dieser zwei Architekten sehr gut beschrieben. „Der eine sprengt das Haus, der andere feiert das Haus“. Diese gegenteiligen Architekturpositionen waren für die Studierenden damals sehr interessant. Dennoch hat Domenig mit seiner expressionistischen Formensprache mehr mediale und öffentliche Aufmerksamkeit erreicht.

Verfasser / in:

Theresa Reisenhofer

Datum:

Mo. 12/02/2018

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Infobox

ArchitektInnen und das Land - eine Kapitulation?
Masterarbeit von Theresa Reisenhofer, TU Graz,
Oktober 2017

Die provokative Fragestellung im Titel zeigt auf, dass es in vielerlei Hinsicht eine gegensätzliche Beziehung zwischen ArchitektInnen und dem ländlichen Raum gibt.

In Interviews mit Architektur- schaffenden und Studierenden erkundet Reisenhofer, was diese über das Land denken und welche Herausforderungen es aus deren Sicht gibt.

Die Arbeit wurde von Univ.-Prof. Mag.phil. Dr.phil, Anselm Wagner, Vorstand des Instituts für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften an der Technischen Universität Graz zur Erlangung des akademischen Grades Diplom-Ingenieurin im Masterstudium Architektur erstellt.

Interessierte können in der Universitätsbibiothek der TU Graz in die 230 Seiten umfassende Arbeit Einsicht nehmen.

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