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KUB: Ausstellungsansicht EG. Foto Jörg Baumann


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Rezension
Ansichtssachen

"Schafft mir Leute, die mir ins Gesicht sehen!"
(aus William Shakespeare - König Heinrich IV)

"Wer bist du?“, fragt sich aktuell die Neue Galerie im Grazer Universalmuseum Joanneum und bringt Vorschläge mit fast 400 Porträts aus zweihundert Jahren ein. Es ist ein Parcours entlang Gesichter und Körper, ein Parforceritt, assoziativ und augenzwinkernd, monumental, frontal und zugleich voller verborgener Kleinode. Geistreiches und Triviales, Biederes und Provokantes, Zartes und Pompöses hängen Seite an Seite, mal duellieren, mal verbrüdern sich die Formate und Formenspiele. Sie bestärken, sie entkräften, sie überraschen. Kurz, es herrscht Leben im Kern des Museums, üppig, bunt und kontrovers. Gleich vorweg, Gudrun Danzer und Günther Holler-Schuster, die beiden Kuratoren der Ausstellung, haben sich ein Konzept überlegt, das Oper und Rock’n Roll, Haubenlokal und Würstlstand, Penthaus und Bassena mixt. Das Auge wandert durch den Jahrmarkt der Eitelkeiten, erforscht Disneyland und Trachtenfest, Kathedrale und Loveparade. Ein abwechslungsreiches Kalt-Heiß-Bad in der Menge wird es – bis zum Verstehen des Bahnhofs, ganz klar.

Nicht minder intensiv und voluminös stellt sich auch die Personale von Adrián Villar Rojas im Kunsthaus Bregenz hin. The Theater of Disappearance erscheint erstmals in Österreich und hinterlässt deutliche Spuren im schnell verwehenden Sand des Kulturbetriebes. Villar Rojas ist der moderne Herkules der Kunstszene. Er wirft einen lebensgroß nachgeformten Wal in den Wald, lässt gigantische Mythologie am Ufer des Bosporus auftauchen oder möchte – gemeinsam mit einem steinernen Elefanten in Londons Serpentine Gallery schon mal unseren Planeten rebooten. Kleinteiliges findet sich kaum im Werkzeugkasten des argentinischen Weltabbauers. Elementares wird aufgehäuft, irgendwo darunter ist hier das Menschliche begraben. Ist es noch nicht da oder schon wieder weg? Schöpfung ist zwiespältig, fragen Sie einmal Gott. Zeichen werden eingeschrieben, Fragmente, Strukturen blitzen auf. Das Echte, das Materielle hat Gewicht, dennoch Villar Rojas und seine Collaborateure, wie er seine mithelfenden, transdisziplinären Begleit-Desparados bezeichnet, schmeißen wie ein wütender Zeus und seine Blitzkuriere damit nur so um sich. Wenn der Komet dann eingeschlagen hat, bleibt im Zentrum des zu Deutenden viel Platz: „Sie sehen hier keine Kunst, sie sind mittendrin“, begrüßt der Schöpfer bei der Vorstellung seines Universums.
Villar Rojas öffnet die Tür zu seinem Wurmloch im KUB auch mit einem Antlitz. Eine großflächige Kopie der aus dem 15. Jahrhundert stammenden Madonna del Parto von Piero della Francesca füllt das ganze Erdgeschoß. Die ursprünglich von zwei Engeln flankierte, gänzlich ohne Heiligkeitsattribute dastehende, den Bauch berührende schwangere Maria, wurde auf Sperrholzplatten gemalt, die als zweiter Boden verlegt wurden. Penibel wurde zwar Blattgold aufgetragen, im Gegensatz zum restaurierten Original lässt Villar Rojas auf seine Madonna die Zeit wirken, setzt das Kunstwerk Beschädigungen, Rissen, unseren Füßen aus. Die dem Mythos entzogenen Heilsgeschichten erfahren ihre Narben weit bevor ein Leiden einsetzen kann. Glaube ist anstrengend, da ändert sich nichts auf absehbarer Zeit.

Den Schein und die Heiligkeit von Madonnen und ihren Produkten decodiert Graz. Waren die frühen Gemälde definierte Machtdemonstration und (gesellschafts-)politisches Abgrenzungselement, werden im Lauf der Geschichte die Vorgaben von Gesichtern und Körpern mehr und mehr zu einem Rohstoff für Informationen hinter Repräsentablem. Mit dem rein „privaten“ Porträt beginnt die Neugier am Experiment, am Seitenblick. Affront und Aufbruch setzen sich als analoger Memory Effekt für das Speichermedium Unterbewusstsein ab. Eine der Entdeckungen in der Ausstellung ist das 1892(!) entstandene Selbstporträt als Christus von Karl Wilhelm Diefenbach. Der Messias dupliziert sich, wird wieder Fleisch in einem der Vorreiter einer alternativen Bewegung. Mit der Fotografie öffnet sich ein weiterer neuer Zugang zum menschlichen Mienenspiel, zur Körperpose. Die Notlüge von der Wahrhaftigkeit des Moments erhält ihr frisches Kraftfutter in vielen Geschmacksrichtungen.

Zurück geht der Blick im ersten Obergeschoß in Bregenz. Villar Rojas hat an der Uhr gedreht, hin zu einer Zeit, wo die Zeit noch keine Zeiger und Ziffern brauchte. Tonnenschwer bedecken aus marokkanischen Steinbrüchen herausgezogene Marmorplatten den Boden. Akribisch wurden die markanten, reichlich enthaltenen Ammoniten aus dem Material frei geschliffen. Der Besucher watet durch ein Urmeer, immer in Gefahr über eines der ersten, räuberischen Lebewesen auf der Erde buchstäblich zu stolpern. Eine Biosphäre aus Efeuranken hinter einer eingezogenen Glasdecke verteilt geizig diffuses Licht im Raum. Es hätte nicht gewundert, wenn Buckminster Fuller is watching you unter den Graffiti auf den Sichtbetonwänden des Museums zu finden gewesen wäre. Archaische Zeichnungen verschmelzen hier mit römischen Schriften und modernen Pichacaos, der brasilianischen Wandzeichensprache. Statt Bucky grüsst ein Rembrand 2.0 mit seiner Signatur aus dem Jahre 2541 den aufmerksamen Wandentlangwandler.

Eine Wiedergeburt erfährt das Porträt in der Nachkriegszeit. Mehr und mehr beginnen die neuen Medien traditionelle Inhalte frisch zu interpretieren. Weg von Tafelbild und Skulptur werden Ausdruck und Haltung zur Installation, zum Videostill, zur Chiffre, die alles Gegenständliche verschlingt und – neu durchmischt – wieder ausspuckt. Die Pop-Art startet die Endlosschleife im dauerhaften Neubleiben, der Computer arbeitet sehnsüchtig an der Löschung des Selbst, um später am unendlichen Gesicht der Ichmichmir-Attitüde seiner User programmatisch zu scheitern. Als Opfergabe an die Individualität abseits des Selfie- Rauschens bleibt dann nur mehr ein allerletzter Schluck reines Wasser mit Herrn Thoreau. Wie immer zuverlässig in der Pointe bedient sich Gottfried Bechtold der Kufen eines Schneemobils als Riesenfeder, um seinen Namen in den Neuschnee des Bregenzer Waldes zu zeichnen. Das Monument als Moment, damit man das mit der Wildnis auch erledigt hat.

„Wir haben nichts gelernt“, soll Picasso anlässlich der Entdeckung der Höhle von Lascaux gesagt haben. In einen höhlenähnlichen Bunker verwandelt ist auch das zweite Obergeschoß im KUB. Nur eine Leiste aus – echtem – Feuer an einer Wand erhellt den sonst völlig abgedunkelten Raum. Schemenhaft ist eine großflächige Kopie von Picassos Guernica darüber zu erkennen. Dahinter wieder – in einem naiven Look wie auf den seinerzeitigen, alten Schultafeln – eine gemalte prähistorische Landschaft mit Sauriern. Moderne, Postmoderne, selbst ein Planet der Affen war gestern, postfaktisch betrachtet. Noch einmal verlangt das menschliche Leben nach einem Geheimbund, bevor die Sonne fällt. Noch einmal gibt es versprengte Ronins, die sich an der zentralen, massiven, monumentalen Tafel treffen. Stühle aus schwarzem Marmor rund um einen wuchtigen, kreisförmigen Glastisch und einem bedrohlich darüber schwebenden „lusternen“ Eisenkorb an der Decke, das könnte jeden Warroom stimmig bemöbeln. Vielleicht serviert Dr. Seltsam auch noch kleine Kanapees zur Untergangskonferenz.

Mit dem heiligen Gral, der Inszenierung, die immer schon den Durst nach Wichtigkeit kurzfristig löschen konnte, endet die Grazer Schau. Noch schnell darf sich das gemeine Volk in Michael Schusters Autofocusfalle III von 2007 für einen Augenblick als Teil der Ausstellung selbst bewundern. Am Gang wieder holt alle die Realität ein, wenn sie mit Porträts von Politikern und Politikerinnen beim Abwärtssteigen der Treppe konfrontiert werden.
Trotzdem, Kuratoren müssen ein Notfallsset für Optimismus immer bei sich tragen. Sonst wäre jede Kunst endgültig alleine da draußen mit dem Hund namens Realität, der schnell nach jeder Wade schnappt. Als 2002 das Traiskirchner Werk von Semperit schloss, setzte Josef Schützenhöfer in lebensgroßen Gemälden Arbeiterinnen und Arbeitern ein Denkmal. Acht dieser Tafelbilder schauen vom höchsten Punkt des Stiegenaufgangs nicht nur auf uns sondern auch auf alle Politikerporträts herab.

Zur Katharsis findet in seinem letzten Raum Villar Rojas. Obwohl er in eigener Interpretation jeden state of confusion als Genusselement betrachtet. Jetzt tut sich doch der Olymp für tapfere Pans und Odysseuse auf. Inmitten eines von Licht durchfluteten Raums thront auf einem Vulkan mit in allen Windrichtungen erstarrten Lavaströmen das Alpha und Omega jeder westlichen Kunstgeschichte: Michelangelos David, exakter die Nachbildung der Beine der Statue. Mensch wie Kunst sind angekommen, wo auch immer, wie auch immer. Kein Adam ist weit und breit mehr zu sehen, nur eine kleine Spinne am Fuße des Fragments.

"Itsy bitsy spider went up the water spout

Down came the rain 

And washed the spider out

Out came the sun and dried up all the rain

And the itsy bitsy spider went up the spout again."

heißt es in einem englischen Kinderlied. Immer wieder aufzustehen und wieder los zu rennen, hilft Mensch und Kunst beim Überleben. Das wusste schon Don Quichotte. 

Postscriptum
Als die Produzenten von digitalen Kameras die Gesichtserkennung seinerzeit als neues, großartiges Zusatzzuckerl präsentierten, lief ein Bekannter durch die Stadt, um die Genauigkeit dieser Technik zu überprüfen. Er fotografierte alles, auf das ihn die Kamera durch einen aufleuchtenden Rahmen und ein akustisches Signal hinwies. So wurden Briefschlitze, Verteilerkästen, Türen, Mülleimer oder simple Muster sowie Verunreinigungen am Boden oder an den Wänden durch ihre Form vom Gerät als Gesicht identifiziert und es schlug eine Auslösung vor. Porträt jenseits von Mensch geht auch.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Do. 01/06/2017

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Infobox

Ansichtssachen
Emil Gruber zu Ausstellungen in Bregenz und Graz:

Adrián Villar Rojas
The Theater of Disappearance
im
Kunsthaus Bregenz (KUB)
bis 27.08.2017

Wer bist du?
Porträts aus 200 Jahren
in der
Neue Galerie Graz
bis 03.09.2017

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