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Bericht
Alle interessieren sich für Eisenerz, nur die Eisenerzer nicht …

studio:eisenerz. Kulturelles Erbe und sozialer Wandel
Im Rahmen einer Projektübung im Masterstudium Architektur der TU Graz am Institut für Stadt- und Baugeschichte beschäftigten sich Studierende ein Semester lang mit möglichen neuen Strategien für Eisenerz und lernten dabei auch etwas über zukünftige Praktiken von Planern.

Dabei ging es vor allem um die Einarbeitung in das Zukunftsthema „Schrumpfung“ mit völlig veränderten disziplinären Prämissen: Der Planer als geduldiger, auf vielen Gebieten sachverständiger Begleiter von Gemeinden. Statt neu zu bauen und konkurrierende Nutzungsansprüche zu koordinieren, begleitet er jahrelange, ergebnisoffene Prozesse. Er moderiert, organisiert, ermutigt und inspiriert. Der Planer verknüpft die übergeordneten Ansprüche mit den lokalen Bedürfnissen. Konkrete Herausforderungen für Eisenerz wurden definiert: Wie kann man die Altstadt stärken, das stadtbaugeschichtliche Erbe konkret bestimmen, Sinnstrukturen verdeutlichen und Eisenerz damit auf die Weltkarte setzen?

Ausgehend von einem Zukunftsszenario, dass Eisenerz 2021 aufgrund seiner überregionalen und universellen Bedeutung selbstbewusstes Zentrum der Weltkulturerberegion „Österreichisches Eisenland“ sein wird, begab sich eine Gruppe von Studierenden unter der Anleitung von Univ. Prof. Dr. phil. Simone Hain, DI Oliver Jungwirth und DI Jürgen Moravi vor Ort auf Spurensuche.
Die 74 Studien für Eisenerz, die in den letzten 40 Jahren erstellt wurden und zum großen Teil ohne Umsetzung in Schubladen verschwanden – ein Grund für die vorhandene Skepsis der BewohnerInnen gegenüber Interventionen von außen – wurden gesichtet und ausgewertet, historische Gebäude vom Keller bis zum Dach untersucht, der Kontakt zu den Eisenerzern gesucht. Dabei konnten wegweisende Erkenntnisse zutage gefördert werden, deren wichtigste die Entschlüsselung der protestantischen Empore der Oswaldikirche ist, die Eisenerz als Schmelztiegel des Geisteslebens des 16. Jahrhunderts ausweist.

Mit dem deutschen Architekten und Stadtplaner Stefan Rettich, der sich seit 13 Jahren mit seinem Büro KARO als Planungstheoretiker mit dem Phänomen der „Shrinking Cities“ beschäftigt, entwickelten die Studierenden fünf Interventionen, u. a. „bildstörung“, die aus dem internen Wettbewerb als Sieger hervorging. Nach dem Motto „Nicht ohne mein Eisenerz“ soll die persönliche Ortstafel in Form einer Postkarte mit auf Reisen gehen und fotografisch dokumentiert werden. Die Fotos werden anschließend im Internet veröffentlicht. „So holen wir Eisenerz aus dem Tal heraus und zeigen es der ganzen Welt.“

Vorläufiger Schluss- und Höhepunkt der Übung war eine Präsentation am 10. Juli 2010 in Eisenerz. Die Studierenden bespielten einzelne Gebäude im Innenstadtraum von Eisenerz und nutzten den Leerstand als Ausstellungsfläche. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Eisenerz waren einen Tag lang eingeladen, Häuser, die sie womöglich nur von außen kannten oder mit denen sie Erinnerungen an früher verbanden, zu besichtigen. Die zwei nächtlichen Architekturführungen um 22:00 Uhr und um 24:00 Uhr fanden unter reger Beteiligung der Eisenerzer statt.

Dieser ersten Annäherung an den Ort, der noch viel Potential birgt und ebenso viele Fragen offen lässt, folgt im kommenden Wintersemester eine weitere Projektübung.

Verfasser / in:

TU Graz

Datum:

Mo. 16/08/2010

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