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Rat Singer, Second to God, 2013
©: Wenzel Mraček

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Rezension
Afrikaner spenden für den Westen

Romuald Hazoumè im Kunsthaus Graz

Das bis dahin größte Rockkonzert der Geschichte, das 1985 zeitgleich in London und Philadelphia aufgeführt und weltweit übertragen wurde, war eine Benefizveranstaltung, über die unter dem Titel Live Aid Spenden für Afrika gesammelt wurden. Während seines Auftrittes mit Ron Wood und Keith Richards fiel Bob Dylan den Organisatoren gewissermaßen in den Rücken, indem er sinngemäß sagte, wenigstens ein kleiner Teil des hier gesammelten Geldes sollte doch Farmern in den USA zugutekommen, die infolge Kreditschulden in ihrer Existenz bedroht sind. (Für diesen Hinweis danke ich Werner Güde.)

Das Kunsthaus Graz zeigt nun eine von Günther Holler-Schuster kuratierte Ausstellung mit sechs, teils neu entwickelten Installationen des 1962 in Benin geborenen Romuald Hazoumè. Der Ausstellungstitel, Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern, und die in diesem Rahmen vermittelte Intention des Künstlers erscheinen dabei gar nicht unähnlich, wenn auch gewissermaßen umgekehrt, jenen eingangs erwähnten Bob Dylans. Hazoumè schickt uns westliche Klischees, nach seinem Blick adaptiert, zurück. In Kurzform und nach einem Zitat aus einem in der Ausstellung gezeigten Film: Wenngleich nicht allen: aber den Weißen, den Westlern geht es schlecht. Wir Afrikaner sind in der Lage, ihnen zu helfen.

Mit seiner Aktion ONG SBOP sammelt(e), wie im Film zu sehen, Romuald Hazoumè mit Hilfe prominenter Personen aus Benin tatsächlich Geld für den Westen. Es mutet zum Teil hoch ironisch an, wenn etwa eine Spendensammlerin mit Plastikkanister zwei Männer auf einem Moped ziemlich forsch auffordert, jetzt und nicht später einmal („Wenn du nachhause gehst, um Geld zu holen, erwische ich dich nie wieder!“) Geld in den Sammelbehälter zu stecken. Dazu erfolgt auch jeweils die Erklärung, dass durch Banken- und Geldwirtschaft Angehörige westlicher Gesellschaften verarmen.

Romuald Hazoumè gilt inzwischen als international renommierter und geachteter Künstler. 1989 wurde er von André Magnin zu einer Ausstellung im Centre Culturel Français in Cotonou eingeladen, wo er in Anlehnung an die Tradition des Voodoo in Benin Objekte aus Metallschrott, Holzteilen und gebrauchten Kunststoffkanistern vor allem zu Masken gestaltete. Damit „beseelte“ er Müll, der aus dem Westen in den Benin gelangt. 2007 zeigte Peter Weibel in der Ausstellung Un/fair Trade Hazoumès Floß aus Kanistern in der Neuen Galerie. Ein symbolträchtiges Bild um die Assoziation, Bootsflüchtlinge brächten auf solchem Gefährt die in Europa produzierten Kanister wieder an ihren Ursprungsort zurück.

Vergleichbar jetzt die zentrale Installation Rat Singer (2013): Auf einem im Sinken begriffenen, wiederum aus Kanisterteilen bestehenden Boot scheint sich gerade noch eine große Ratte retten zu wollen, während das Boot schon seine Ladung (Kanister) verliert und alles im Wasser (Kanisterteile) untergeht. Ein sarkastisch-schönes Bild entsteht in der Kombination einer großformatigen Fotografie toter Fische an einem Sandstrand, der, als wirklicher Sand, in den Raum weitergeführt wird. Darauf liegen Nachbildungen toter Fische aus Kunststoffteilen. Der Titel Lampédouzians (2013) verweist in die aktuellen Katastrophen, ist Pars pro toto für die katastrophale Situation überhaupt, in der die Welt nach den Ressourcen Afrikas giert und die Bevölkerung der Ursprungsländer vom Gewinn ausgeschlossen bleibt. Der Eintritt in die profitierenden Länder bleibt wie selbstverständlich verwehrt.

Die plastische Nachbildung, gegenüber einem Panoramafoto, ästhetisiert die Situation eines Schwarzmarktes, auf dem rötliche Flüssigkeit in Ballonflaschen angeboten wird. Es handelt sich um Benzin und solche Märkte werden in Benin betrieben. Ein Video, Roulette Béninoise, erläutert die Hintergründe der Installationen: Im benachbarten Niger-Delta werden etliche private Erdölraffinerien betrieben. Dort wird Benzin gestohlen und mit abenteuerlich konstruierten Tankmopeds nach Benin geschmuggelt. Immer wieder gehen diese Gefährte auch in Flammen auf.

Über allem aber – zumindest in dieser Ausstellung – wacht die Göttin der Liebe. Eine zentrale Voodoo-Göttin ist umgeben von Objekten, die deutlich auf ältere und ganz neue, lokale Traditionen verweisen. Wie von „schwarzen Mandern“ beschützt steht La Déesse de l’amour inmitten von Rüstungen aus dem Landeszeughaus. Ihr Kleid erinnert an die Geländerverkleidung der Hauptbrücke und daran sind – wie dort – Bogenschlösser als Liebeszeichen befestigt.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček
Kunsthaus Graz

Datum:

Fr. 29/11/2013

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Infobox

Romuald Hazoumès Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern ist bis zum 12. Jänner 2014 im Kunsthaus Graz zu sehen.

FÜHRUNG:
Am 7. Dezember 2013 findet um 14.00 Uhr eine Themenführung durch die Ausstellung statt. Man sollte Romuald Hazoumé, wie in der Aussendung zu dieser Veranstaltung geschehen und wenn auch „liebevoll“ gemeint, nicht „Mister Kanister“ nennen.

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