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Kolumne
Aber Hallo! 47

Ich, am Bahnhof, transitorisch

Der Mai hat mich auf einige Bahnhöfe geführt – Graz, Wien, Würzburg, Frankfurt, Marburg. Wieder und wieder der neue Hauptbahnhof Wien und Gelegenheiten, Bahnhöfe als Touristin zu sehen.
Ein gefühlt 15 Meter langes Werbeplakat am langen Weg von der U-Bahn zur Bahnhofshalle. Das Land Kärnten lockt mit trinkwassersauberem Seewasser und einem jungen, hippen Paar, das mir signalisiert: du und deine Altersgenossinnen werden nicht angesprochen in dieser Werbung. Ob sie überhaupt bemerkt wird?
Fußgänger (laut Duden nur österr.) hasten aneinander vorbei, Passanten, die einander nicht wahrnehmen, lediglich registrieren in einem Modus, der, auf Automatik gestellt, körperliche Konfrontation zu vermeiden sucht.
Im Gehen: Kreuzungen ins Nirgendwo für Nichteingeweihte. Trotz der Hinweisschilder bleiben Wege fremd für jene, die sie nie benützen müssen. Lichtführungen, die sich ebenso kreuzen. Dann Rolltreppen als – endlich! – eindeutige Richtungsgeber. Eine Etage höher Deckenlichter, die sich in den überlangen Glasfronten von Ein- und Ausgängen spiegeln, als Lichtspiel hierorts verwirrend. Wie viele Effekte entstehen bei Planungen unbeabsichtigt?
Auch ich bin eine Vorübergehende, aber ich habe Zeit. Gibt es hier einen Ort, an dem ich verweilen möchte?
Alles ist Konsum. Zwischen Burger King, Nordsee, Würstel Boutique und Som Kitchen Bewirtung als Einheitsbrei aus Bänken und Tischen in schlechtem, billigen Design – anonym, unpersönlich, auf das Motto „leicht zu reinigen“ reduziert. Nein, hier möchte ich nicht einmal Wartezeit verbringen.
Kein Ort, nirgends! fällt mir ein, der Titel eines Buchs von Christa Wolf, das die Heimatlosigkeit der Dichter Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode beschreibt, die sich 1804 als Außenseiter empfinden nach einem Jahrhundert, das in einer blutigen Revolte endete. Aus der Zeit gefallen, für die Zukunft zu früh, aus der Gegenwart schon zu weit entfernt. Für den Übergang, für ihre Transition, konnten beide keinen Ort finden.
Ich begebe mich ohne Eile auf den Bahnsteig, dort nur mehr wartend, verharrend, beiläufig beobachtend, frei assoziierend.
Bahnhöfe, schließe ich für mich, bleiben Orte des Transits, transitorische Infrastruktur, die vielleicht Konsumbedürfnisse befriedigen kann, aber nicht taugt als Ort des Verweilens, der Muße und des Genusses.
Dann sehe ich – plötzlicher Erinnerungsblitz in meinem freien Gedankenschweifen (ja, das geht am Bahnhof) – die Gastarbeiter meiner Jugend vor mir, immer männlich. Sie gehen am arbeitsfreien Sonntag zu den Bahnsteigen des Grazer Hauptbahnhofs, um ihrer Heimat näher zu sein. Die Geleise als ununterbrochene Verbindung mit Sarajewo, Belgrad, Pristina oder Istanbul. Für sie war dieser Ort, den sie nur sonntags aufsuchten, kein transitorischer. Es war ein Ort für ihre Sehnsucht nach dem, was vielleicht nie in Erfüllung gehen würde: dem Später, der Zukunft.
Für mich, die ich meine Heimat, meine Familie, Freunde und Sicherheit hier haben kann, sind und bleiben Bahnhöfe, Orte und Räume des Transits. Gut, dass es sie gibt. Man kann aus ihnen aufbrechen und über sie zurückkehren. C’est tout! Mehr braucht es nicht.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Di. 05/06/2018

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Feine Beobachtungen, schöne

Feine Beobachtungen, schöne Gedanken gut formuliert - ein kleines Stück Leselust! Bravo!

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