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Kolumne
Aber Hallo! 37

Stückwerk

Über die „Nicht-einmal-Strategie“ des Zitzerlweisen in der Grazer Stadtplanung

Diese Geschichten könnten möglicherweise auch in Linz, Innsbruck oder Wien geschrieben werden, aber sie kommen aus Graz, aus der Stadt, die als einzige österreichische Stadt außer Wien angeblich so sehr wächst, dass die Stadtväter mit stolzgeschwellter Brust und verklärtem Blick davon berichten. Ja, hier ist Zukunft. Die für alle sichtbaren Zeichen: es wird gebaut – an allen Ecken und Enden entsteht in Graz Neues, werden Zukunftsperspektiven in Beton gegossen. Oberste Prämisse (nicht nur für den Landeshauptmann): Das Wohlergehen der Menschen.

So wurde nun im Mai feierlich der neue Südgürtel eröffnet. 167 Millionen Euro für 2 km Straße, größtenteils als Unterflurtrasse, von der Puntigamer Brücke nach Liebenau. 25.000 prognostizierte PKW jeden Tag im Tunnel – zum Wohle der Liebenauer Anrainer. Pech nur, dass sich die nächsten Kreuzungen nach Westen und nach Osten nun als Nadelöhr erweisen und Staus bis in die Seitenstraßen entstehen. Pech auch für die vielen Neuankömmlinge, Anrainer der Wohnbauten, die gerade in der St.Peter-Hauptstraße hochgezogen werden, denn die logische Fortsetzung des Südgürtels führt stadteinwärts über eben diese Straße, die auch schon vor der nunmehrigen Mehrbelastung vor dem Kollaps stand.
Der Tunnel, ein (Stück) Werk, das Stückwerk ist, mit Fortsätzen und Fortsetzung, die nicht bedacht wurden? Es wäre nicht das einzige; der Beispiele dieser Art gibt es viele hierorts.

Man nehme das vielgepriesene Reininghaus-Areal. 15.000 Menschen, die in einem neuen Stadtteil arbeiten und leben werden. Aufwändig und vorbildlich entwickelt nach einem Masterplan, der für die Investoren bindend ist. Das erste geplante Leuchtturmprojekt, der sogenannte Greentower, 68 Meter hoch mit 140 Wohnungen, Büros und Geschäftsflächen, scheint schon ins Trudeln gekommen zu sein, nachdem Großinvestor Erber seine Bauquartiere nun abgestoßen hat. Über die Ursache herrscht Stillschweigen.
Bekannt wurde, dass es Bauverzögerungen gibt, weil die Sache mit der Nachrüstung der Mälzerei, die seit Jahrzehnten auf dem Areal Malz produziert und dabei Lärm, Staub und Geruch ausstoßt, nicht geklärt ist. Pardon, ich präzisiere: nicht geklärt ist die Frage, wer die zirka 1,8 Millionen Euro dafür zahlen soll. Der Besitzer ist willig, doch sieht keinen Anlass, die Nachrüstung selbst zu finanzieren. Er war ja schon vorher da. Die Investoren sind der Meinung, dass sie im von ihnen zu leistenden Infrastrukturbeitrag enthalten sein muss. Und die Stadt? Die hat an eine Lösung der Frage offensichtlich vorher nicht gedacht.
Dann gibt es noch die Marienhütte, ein Stahlwerk in unmittelbarer Nähe. Lärm, Staub und Materialanlieferung auch in der Nacht. Die kolportierte Lösung der Stadtplanung? Auf dem stahlwerknahen Quartier 12 soll der Schulcampus entstehen, vom Kindergarten bis zum Gymnasium. Na, ja, und auch einige Wohnungen.
Dass in den nächsten Jahren noch keine Straßenbahn ins Reininghaus-Quartier geführt werden wird, weil die Stadt dafür kein Geld hat, wissen wir, seit es uns der Bürgermeister mit treuherzigem Blick bei einem „Reininghausgipfel“ im Haus der Architektur gestanden hat. Blöd für die Investoren, denn Wohnungen sind besser zu verkaufen, wenn die Infrastruktur stimmt. In München zahlen Investoren einen aus dem Umwidmungsgewinn errechneten Infrastrukturbeitrag. Der erscheint hoch, wird aber mittlerweile von Investoren ohne Murren akzeptiert, weil ihnen garantiert wird, dass dafür alle im Quartier notwendigen öffentlichen Einrichtungen bis zur Baufertigstellung von der Stadt hergestellt werden. Ein S-Bahnanschluss ist dann ebenso da wie eine Schule oder ein Stadtteilzentrum. Planungssicherheit nennt man das. In Reininghaus: Stückwerk. Schon damals, als der Erstbesitzer Scholdan noch selbst und durchaus ambitioniert den Stadtteil entwickeln wollte, hat seine Asset One mit blankem Entsetzen wahrnehmen müssen, dass von Seiten des Stadtplanungsamtes keine besonderen Vorkehrungen dafür getroffen wurden. Wir schauen uns mal an, was die vorhaben, hieß es. Business as usual. Und Asset One wunderte sich, dass keine strategische Gruppe gegründet wurde, beklagte das Fehlen interdisziplinärer Zusammenarbeit von Planern der unterschiedlichen am Großbauvorhaben beteiligten Abteilungen. Das war am Anfang, als es noch um die „Konzeptionen des Wünschenswerten“ ging. Wenn sich jetzt herausstellt, dass man Wichtiges wie den Emissionsschutz für das Wohnquartier vergessen hat, lässt sich erahnen, dass es auch mit der strategischen „Nachrüstung“ im Stadtplanungsamt nicht weit her war.

Stadtplanerisches Stückwerk wie das Husarenstück, als seinerzeit beim Verkauf des Messequadranten an eine Versicherung vergessen wurde, die Ablöse für einen Radweg bei den Verkaufsverhandlungen zu klären. Wenn ich mich richtig erinnere, so mussten die entsprechenden Flächen nachträglich teuer, der „Quadratmeter zum Goldpreis“ zurückgekauft werden.
 
Man könnte aus solchen Stückwerken lernen. Eines, das noch verhindert werden kann und müsste, ist die immer wieder auftauchende Murgondel von Puntigam ins Grazer Zentrum. Nun ja, eine Seilbahn, oder genauer, ihre Seile brauchen eine solide Vertäuung. Mit Stückwerk geht da nichts, meinen Sie?
Ja, eben und das ist die Crux an dieser Lieblingsvorstellung des Bürgermeisters. Mit dem Siemens-Lufthaken lässt sich so eine Seilbahn nicht festmachen, die braucht oder bräuchte schon ein massives Stationsbauwerk. Und das stünde dann – richtig, Sie haben es erraten! – direkt vor der Kulisse der Kleinen Neutorgasse, vor der Franziskanerkirche und der Reihe an kleinen Vorstadthäusern, die eine der Vorzeigeansichten unseres Weltkulturerbes bilden. Noch darstellen, denn wenn erst ein Riesenmasten davor stehen wird, dann wär es aus mit dem Bilderbuch-Sujet. Gott bewahre uns vor diesem Stückwerk, wenn es erst nach seiner baulichen Manifestation als Bausünde erkannt werden würde. Nach dem bewährten Motto des Vorgehens hierorts: Oh je, Mist, das haben wir nicht bedacht.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Di. 06/06/2017

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