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Kolumne
Aber Hallo! 27

„Schauen Sie sich an, wie jetzt in Graz gebaut wird“, sagt die etwa Vierzigjährige, der ich als Architekturkritikerin vorgestellt wurde, und zeigt mir auf ihrem Smartphone mit Riesendisplay ein Foto der neuesten Wohnanlage mit 500 Wohnungen in der Waagner-Biro-Straße. „Schrecklich, nicht?“ fügt sie fragend hinzu, „ein absoluter Rückschritt im Wohnungsbau“. Meine Meinung dazu wäre auch ohne ihre Einschätzung nicht anders gewesen, denn ich hatte mit Studenten vor kurzem unter anderem auch diesen Wohnungsbau besichtigt und war entsetzt und ratlos gewesen.

Wo sind wir gelandet, im Jahr 2016 in der Stadt, in der das Attribut „experimentell“ im Wohnungsbau vor 30 Jahren kein Schimpfwort war, sondern eine Ermunterung, die phantasielosen Pfade des Wohnungswiederaufbaus der Nachkriegsjahre zu verlassen und Neues zu versuchen? Wo ist die Erfahrung hin, die gewonnen wurde aus der Umsetzung von Erkenntnissen, aus Prämissen, die daraus generiert wurden? Noch heute könnte man viel lernen und sich abschauen von der Grazer Wienerberger Siedlung von Ralph Erskine und Hubert Rieß.

Ich konnte der Kritikerin also beipflichten, doch dann kramte sie weiter in ihrem digitalen Speicher und verwies auf einen weiteren brandneuen Wohnungsbau, der ganz in der Nähe des Ersteren an der Kreuzung der Alten Poststraße mit der Georgigasse gerade die ganze Aufmerksamkeit von Passanten auf sich zieht. Maßstabs- und rücksichtslos gegenüber der dort noch charakteristischen kleinteiligen Vorstadtbebauung sei das und überhaupt sei Graz gerade dabei, seine Identität und Unverwechselbarkeit zu verlieren, weil bedenkenlos und skrupellos historische Bausubstanz abgerissen und verdrängt werde durch solche Investments.

Da wusste ich es wieder: Vorsicht bei Zustimmungen! Immer klar auf Distanz bleiben, um nicht für ein Anliegen vereinnahmt zu werden, in dem starre Grundsätze den Blick auf die Sinnfälligkeit von Forderungen verstellen. In diesem Fall den aktuellen Stadtumbau und die Stadtentwicklung von Graz. Vieles von dem, was an Investments im Wohnungsbau zurzeit hierorts getätigt wird, ist in der Rasanz seiner Entstehung und Ausführung nur einem geschuldet, dem Profit - nicht aber den Wohnungssuchenden und schon gar nicht dem Gemeinwohl.

Dennoch: differenzieren tut Not. Die „Eggenberge“ – besagter Wohnbau an der Kreuzung – sind ambitioniert erdacht. Von der Typologie her als terrassiertes Haus über Eck ungewöhnlich, versuchten die Architekten doch, auf den Ort, seine Ausrichtung und die besonderen Bedingungen einzugehen und sie in variierten Grundrissen abzubilden. Man könnte einwenden, dass das Konzept an einigen Ecken (für kleine Wohnungen) nicht ganz aufgegangen ist, aber es mit Banalitäten und Scheußlichkeiten anderswo in einen Topf zu werfen, ist nicht legitim. Die charakteristische kleinmaßstäbliche Bebauung an dieser Stelle ist nur mehr nostalgische Erinnerung, die Realität der Umgebung sieht längst anders aus. In das heterogene Umfeld, das in jedem Jahrzehnt transformiert und erneuert wurde, fügt sich dieser Bau mit Anstand ein – für mich ohne Zweifel.

Schauen – nachdenken/analysieren – beurteilen. Das gilt nicht nur für die Frage, was erhaltenswert ist und was nicht.
Was wäre der Grazer Hauptplatz, wenn seine Häuser im Zeitraum von fünfhundert Jahren nicht modernisiert, erneuert und neu gebaut werden hätten dürfen? Wetten, dass nicht viele auf den ersten Blick erkennen, welches der Häuser erst 1915 hinzugefügt wurde?
Damit eine Stadt mit Leben erfüllt bleibt, muss sie sich stets entwickeln und verändern können. Auf das „Wie“ kommt es an.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Di. 07/06/2016

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Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne Aber Hallo! Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

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