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Kolumne
Aber Hallo! 23

Kein Wunsch ans Christkind

Es ist ein Dilemma. Jahrelang schreibt man gegen restriktive Zugänge zu Architekturwettbewerben an, die nicht nur jungen Architekten und Architektinnen, sondern allen mit kleinen Büros und kleineren Realisierungen keine Chance geben, spricht sich für den uneingeschränkt offenen Wettbewerb aus und dann das: Man steht vor scheinbar unendlich mäandernden Ausstellungswänden mit Projekten für den Wettbewerb um das Wien Museum Neu und es wird einem schummrig vor Augen. 278 Einreichungen – in Worten: zweihundertachtundsiebzig! Wie soll man diese Menge an Plänen lesen, wie die vielen Modelle, die kopfüber an der Wand hängen, in ihr städtebauliches Umfeld am Karlsplatz imaginieren können? Selbst mit bequemem Schuhwerk und den besten Absichten, nicht nur oberflächlich darüber zu schauen, erweist sich das Unterfangen als schier unmöglich. Nach den ersten fünfzig Vorschlägen beginne ich, eine persönliche Einteilung zu treffen: ich sehe "Selbstverwirklicher“, die mit ihrer Museumserweiterung der Karlskirche gewollt oder ungewollt Konkurrenz machen. Dann die, die den denkmalgeschützten Haerdtl-Bau ganz außer Acht lassen oder ihm respektlos (subjektiv), maßstabslos oder unintelligent (subjektiv!) begegnen. Solche, die ihre Erweiterung an Straßenverlauf und Parkrand orientieren und jene, die mit der neuen Baufluchtlinie die Fokussierung der Karlskirche verstärken. Jene, die zwischen dem Neuen und dem Haerdtl-Pavillon einen Hof figurieren, jene, die den Neubau wie einen Appendix behandeln und jene, die den Bestand maßlos über- und umbauen. Jene, die zu viel ins Verwaltungsgebäude daneben packen und jene…….
Meine Bewertungskriterien verhindern nicht, zu ermüden, brauchen zu viel Zeit und verschaffen mir kaum bessere Übersicht. Ich bin unzufrieden, werde ungeduldig. Und stelle mir vor, wie es der Jury ergangen ist in ihrer Aufgabe und Verantwortung, dem Engagement aller Teilnehmer und Teilnehmerinnen gerecht zu werden, indem alle Projekte respektvoll und mit Sorgfalt begutachtet werden.
Fünf Minuten Aufmerksamkeit für jedes Projekt ergeben beim vorliegenden Wettbewerb knapp 24 Stunden an erster Durchsicht. Andererseits: die Summe der Investitionen in die Wettbewerbsprojekte liegt zwischen 2,8 und 5,5 Millionen Euro (10.000-20.000 Euro pro Büro).
Kann man jungen Architekten den offenen Wettbewerb unter diesen Umständen weiterhin guten Gewissens empfehlen als Chance, die es zu ergreifen gilt? Oder soll man ihn als Vabanquespiel beschreiben, von dem jene ihre Finger lassen sollten, die nicht durch den Nervenkitzel des hohen Risikos Befriedigung erleben? Es gibt in einer Zeit, in der zu viele vom zu kleinen Kuchen ein Stück erhaschen möchten, um ihre Existenz auf- oder auszubauen, nur ein Argument für den frei zugänglichen Wettbewerb, und das ist ein grundsätzliches: Architekten und Architektinnen sollen selbst darüber entscheiden können, ob sie bei solchem Wettkampf mitmachen wollen.
Ansonsten gilt es, die Zahl der Wettbewerbe massiv zu steigern. Zu fordern, dass die öffentliche Hand sich lückenlos zum Wettbewerb bekennt, auch in ihren eigenverantwortlichen Tochterunternehmen. Dass Förderungen lückenlos an die Abhaltung von Wettbewerben gebunden werden. Dass die Standesvertretung der Architekten sich ebenso stark ins Zeug legt für den Wettbewerb in der Privatwirtschaft wie andere Berufsvertretungen, wenn ihren Mitgliedern Privilegienverlust droht. Lobbying, um der Architekten Zukunft zu sichern, müsste so viele Wettbewerbe bringen, dass sich nicht Hunderte auf eine Handvoll stürzen. Aber Halleluja – doch noch ein Wunschzettel ans Christkind?

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Di. 01/12/2015

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