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Kolumne
Aber Hallo! 22

Treppen für Graz
...
Wenn ich in Graz bin
kann ich das Treppensteigen nicht lassen
um mich wieder an Bildnissen
längst toter Männer und Frauen
und wieder an allem alten
Lebendigen sattzuschauen
(Erich Fried *)

Erich Fried hat sie besungen und damit zur Besonderheit von Graz gemacht – die Grazer Treppen. Er kannte vermutlich deren viele und erwähnte nicht nur die Doppelwendeltreppe in der Burg, sondern auch die im Landhaus und die Stiegen vom Felsensteig auf den Schloßberg. Der – geplant vom Oberbaurat Ludwig Muhry und beschlossen vom Gemeinderat – wurde schon zur Eröffnung des ersten Bauabschnitts im Jahr 1918 (!) als eindrucksvolles Beispiel einer gelungenen Symbiose von Natur und Ingenieurbaukunst gepriesen. Errichtet wurde er in dieser unruhigen, schweren Zeit des ersten Weltkriegs mit Pionieren der Infanterie und dem Einsatz von russischen Kriegsgefangenen. Finanziert wurde der Kriegssteig mit privaten Mitteln, die über einen eigens gegründeten Schloßbergfonds und eine Bausteinaktion des Landesverbands für Fremdenverkehr aufgebracht werden konnten.
Warum ich Ihnen das alles so detailreich erzähle?
Nun, über die jüngst geplante und errichtete Treppe in besonderer Lage im öffentlichen Grazer (Stadt-)Raum wird man das so nicht berichten können. Sie wird nie als Erfolgsstory in die Annalen der ruhmreichen Baugeschichte dieser Stadt eingehen können, denn sie ist weder als stadträumliches Implantat noch als Bauwerk gelungen.
Der neue Übergang vom Stadtpark hinauf zum höchsten Punkt der historischen Stadtkrone, zum Karmeliterplatz, ist alles andere als repräsentativ und richtig platziert – der Bedeutung des Ortes gemäß.
Wenn ich mich richtig erinnere, so haben die Architekten in ihrem Wettbewerbsprojekt diesen Übergang noch als großzügige, breit angelegte Treppenanlage vorgesehen, die über die historische Stadtmauer hinweg in das Areal des Verkehrsgartens geführt hätte. Mir schien diese Spanische Treppe (Rom) für Graz damals übertrieben, aber mein Einwand wird nicht der Grund dafür sein, dass wir vom Stadtpark demnächst über ein Mauseloch durch die Stadtmauer gehen dürfen und uns erst danach auf die Höhe des mächtigen Sockelgeschoßes schrauben werden, das uns mit allerlei Rampen- und Stufenanlagenspielereien erwartet, so, als wäre es der Vorplatz zu einer bedeutenden Freiluftarena. Durch das Loch unter dem Wulst der Stadtmauer durchgehen zu können, wird noch dauern, muss doch das Wiesenstück davor erst auf die Höhe (oder Tiefe) seiner Basis abgegraben werden, denn zurzeit liegt der Durchgang noch unter dem Niveau des Stadtparks an der Stelle. Wer sich das jetzt nicht vorstellen kann, hat mein Verständnis, denn diese Groteske muss man sich vor Ort „geben“.
Die Einwände höre ich schon. Stimmt, es wurde nachträglich beschlossen, den Verkehrsgarten doch im Stadtpark zu belassen, was zu einer geänderten Situierung der Treppe führen musste. Und stimmt, die Stadtmauer ist ein zu schützendes historisches Denkmal. Aber Leute, Ihr Experten des Denkmalschutzes und der Stadtplanung, genau deshalb kann man nicht einfach ein Loch in die Mauer brechen und glauben, dass das nicht stört, wenn man es nur klein und tief genug macht. Genau deshalb kann man es weder dem Bauherren, den Architekten und auch nicht dem Denkmalamt allein überlassen (falls es so war), zu entscheiden, wie man einen, dem besonderen Ort angemessenen Übergang in den Stadtpark gestaltet.
Wenn es ein Konzept und Kooperation gegeben haben sollte – umso schlimmer! Vor 100 Jahren hat ein beamteter Oberbaurat es fertig gebracht, ein Stück Infrastruktur auf den Schloßberg zu planen, das bis heute nicht nur funktionell up to date ist, sondern als besonders gut gelungene Gestaltung einer Treppenanlage immer noch unzählige Besucher und Besucherinnen erfreut – wie eben auch Erich Fried.
In einer Zeit, in der man wahrlich andere Sorgen und Geldnöte gehabt hat, ließ man sich in Graz Zeit, um ein außergewöhnliches Bauwerk zu realisieren, hat Geld aufgetrieben und Kräfte mobilisiert, um der Stadt etwas hinzuzufügen, was für sie selbst, für ihre Bürger und für Besucher ein Gewinn war. Heute, wo wir Investoren an der Hand haben, die der Allgemeinheit dafür, dass sie zentrale Flächen der Gemeinschaft privatisieren dürfen, etwas zurückgeben müssten, schaffen wir es nicht, ein Stück Stadt so zu gestalten, dass man sich dafür nicht schämen muss. Graz, Designstadt – so, nein danke!

* Auszug aus Erich Frieds Gedicht Die Treppen von Graz

 

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Di. 03/11/2015

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Kommentare

Treppen für Graz

Liebe Frau Tschavgova,

ich würde empfehlen, Bauvorhaben prinzipiell nach deren Fertigstellung zu beurteilen. Wie Sie wissen, befindet sich gerade erst die Hälfte des Projekts vor der Übergabe.
Ihrer Schilderung der Genese des Durchgangs durch die Stadtmauer kann ich jedoch durchaus zustimmen. Ich kann Ihnen allerdings auch mitteilen, dass weder der Denkmalschutz noch die Stadtplanung, sondern der Naturschutz (!) eine großzügige Lösung verhindert hat. Diese Tatsache möge man bitte kommentieren...
Was den neu geschaffenen, erhöhten Platz betrifft, stehe ich zu meiner vollen Überzeugung, hier der Stadt einen stadträumlichen Mehrwert zurück gegeben zu haben, der nach seiner Fertigstellung einzigartige Verbindungen und Blickbezüge zum Karmeliterplatz einerseits und zum Stadtpark andererseits gewähren wird. Aber davon sollen sich dann die Passantinnen und Passanten vorurteilsfrei selbst überzeugen können.

Herzlichst,
Christoph Pichler

Es ist schon ein Erfolg,

dass man künftig nach dem Überwinden der Treppe Einblick nehmen kann in die beim Bau der Tiefgarage freigelegten sehenswerten Befestigungsanlagen: die Pfeiler der Kurtine, die Eckkante der Burgbastei mit ihren Bau-Inschriften dell'Allios (1558) und die beiden Kanonenschießscharten werden sichtbar. Die Firma Fleissner hat dafür über meine Bitte die Absperrung der Feuerwehrzufahrt weiter nach hinten versetzt - der Stadtbaudirektion war das kein Anliegen gewesen. So wird der Durchgang vom Stadtpark zum Karmeliterplatz doch noch dem Begriff "Kulturachse" gerecht werden können. Schon 2002 habe ich, damals noch in der Altstadtkommission, diese Verbindung angeregt. Was danach geschah, ist eine andere Geschichte. Und über die Ausführung dieser Verbindung haben Sie ja bereits treffend geurteilt. Vielleicht wollte man auch der in unmittelbarer Nähe befindlichen "Hofratstreppe", die zum Burggarten hinaufführt, keine architektonische Konkurrenz machen?

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Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne Aber Hallo! Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

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