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Donnerstag, 09. September 2010



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Was ist Stadt, was ist Stadtplanung?

Benevolo hat schon früh - in seinem Standardwerk zur Stadtgeschichte - festgestellt, dass die Stadtplanung immer der Realität hinterherhinkt. Das ist nicht ein Versehen, sondern Ausdruck von einem Veränderungsprozess, der sich träge auf dem steinernen Fundament einer bestehenden Stadtstruktur vollziehen muss. Stadtentwicklung bedeut zugleich Stillstand und Erneuerung. Zu diesem Sowohl-als-Auch gab es die geradlinige Alternative des modernen Städtebaus, eine angenommene Zukunft – als Utopie oder Vision – vorwegzunehmen. Alle diese Versuche sind gescheitert: sie haben sich als eindimensional und schliesslich als Tabula Rasa erwiesen – insofern gilt im Städtebau: Zukunft kann Zukunft zerstören.

Heute sind wir nach meiner Meinung aber in einer Epoche, in der weder eine Evolution noch Visionen oder die Kritik an Visionen dem realen Geschehen entspricht. Stadtplanung kann auch nicht mehr den gesellschaftlichen Wandel mit der üblichen Verspätung nachvollziehen, sondern muss die Gegenwart und die nahe Zukunft antizipieren.

Diese Zukunft der Stadtplanung hat vor rund 20 Jahren begonnen. 
Und der gesellschaftliche und technologische Wandel, der stattgefunden hat und stattfindet, bedeutet eine Revolution für die Städte.

Ihr Motor sind post-Industrialisierte, digitalisierte und global vernetzte Produktions- und Kommunikationsformen.
Ich werde diese These in Kürze konkretisieren.
Ich werde dabei nicht explizit auf Grazer Besonderheiten eingehen – auch deshalb nicht,  weil gerade ein Merkmal des urbanen Wandels ist, dass sich die nationalen und kulturellen Grenzen verwischen. Insofern sind die Probleme in den europäischen Städten sehr ähnlich sind. Die Voraussetzungen, wie sie behandelt werden können, sind natürlich in jeder Stadt verschieden. Diese Frage der Umsetzung werden ich am Schluss mit dem Beispiel aus der Schweiz veranschaulichen, ein Stadtentwicklungskonzept mit Projektentwicklungen, die ich mitverfasst habe und die in die Realisierungsphase getreten sind.

Ich spreche also vom Zusammenhang zwischen der Stadtentwicklung, den Aufgaben und Möglichkeiten der Stadtplanung.  
Zuerst was hat sich verändert (Punkt 1-3), dann, mit welcher Methode (und Analyse) kann man diese Änderungen verstehen und allenfalls lenken (Punkt 4) und kann die Stadtplanung tun (Punkt 5 und 6).

1.  Städtebaupolitik als Standortpolitik
Die Städte haben heute nicht mehr die ökonomische Potenz, die Stadtentwicklung mit eigenen Projekten zu lenken, allenfalls marginal oder fragmentiert. Mit anderen Worten: die Stadtplanung hat an Macht verloren. Andererseits werden die Städte ärmer – das hat mit demografischen Änderungen zu tun - die Bevölkerung schrumpft in den meisten europäischen Regionen. Auch die Städte schrumpfen, zusätzlich zur Abwanderung. Heute leben rund 80% der europäischen Bevölkerung in der Agglomeration.
Will man dennoch etwas bewirken, dann geht Städtebaupolitik über in Entwicklungspolitik.
Das hat damit zu tun, dass Städte als Standorte für Unternehmungen und Arbeitsplätze, nur noch eine Option unter vielen sind. Es besteht ein Konkurrenzkampf um Standortvorteile nicht nur unter den Städten, sondern auch unter den Regionen und Agglomerationen und zwischen jeder Stadt und ihrem Umland.
Zur dieser relativen Ortsunabhängigkeit haben, erstens, neue Produktions- und Kommunikationsmittel beigetragen und, zweitens, die verbesserte Infrastruktur in der Agglomeration. 
In vielen europäischen Regionen hat der Verkehr um die Kernstädte stark zugenommen hat. Das heisst man bewegt sich vermehrt zu den benachbarten Gemeinde, weil diese ihre Angebote verbessert haben und 
die Versorgung ist gleichwertiger geworden. Nicht der Stadt Land Gegensatz ist verschwunden, sondern auch das urban-infrastrukturelle Gefälle zwischen Kernstadt und Agglomeration hat sich stark verkleinert. Wie dieser Konkurrenzkampf ausgetragen wird, hängt natürlich von den spezifischen politischen Voraussetzungen und Verteilungskämpfen ab – welche Städte, welche Regionen werden vom Bunde gefördert, welche geopfert, wohin fliessen die Mittel für den Verkehr, die medialen Vernetzungen und andere Infrastruktruen? Insofern hat Politik nachwievor das Primat, wenn es die Entwicklungen von Regionen und Städten geht.

2. Serviceindustrie als evidenter Standortvorteil
Der Modernisierungsschub der letzten 20 Jahre führen zu einer neuen Klassifikation der Städte.
Die so genannte Global City kennzeichnet eine ausgebaute Serviceindustrie, schnell verfügbare Dienstleistungen vom Reinigungsinstitut bis zur Weiterbildung, vor allem aber hochspezialisierte Dienstleistungen aus der high-tech und e-commerce-Front. Mit dieser Serviceindustrie ist in den Global Cities zugleich eine neue Serviceelite und ein neues Serviceproletariat entstanden, mehrheitlich rekrutiert aus Niedriglohnländern.
Diese Serviceindustrie hat nicht in erster Linie mit der Grösse einer Stadt zu tun. Es ist also kein Widerspruch, dass zum Beispiel Paris keine Global City ist, auch Berlin nicht, aber zum Beispiel Frankfurt, Düsseldorf und Zürich.
Die Klassifizierung in Gross oder Klein ist also weniger wichtig geworden.
Der Produktionsfaktor Stadt  - traditionell war es die Industrie, der Handel und die Kultur - verlagert sich also schwergewichtig auf vielfältige, produktive Dienstleistungen. Und die Städtekonkurrenz orientiert sich in erster Linie an diesem Angebot, das seinerseits infrastrukturelle Vernetzungen (Verkehr, Kommunikation) voraussetzt.

3. Stadt als Produktionsfaktor und Lebensform
Was heisst das nun für eine Stadt, was muss sie haben, dass die Lebensqualität hoch ist und dass sie ökonomisch überlebt?
Erstens, wie erwähnt, eine ausdifferenzierten Serviceindustrie mit einer europäischen, besser mit einer globalen Vernetzung.
Zweitens, eine Raumstruktur, die eine hohe Nutzungsdynamik auffangen kann. Denn diese Dienstleistungen, aber auch öffentliche und kulturelle Nutzungen existieren oft nur für kurze Zeit oder verändern ihr Angebot und die Produktionsformen. Das entspricht einem permanenten Stadtumbau. Den hat es zwar immer schon gegeben, er ist aber intensiver geworden und so auch wichtiges strategisches Moment der Stadtplanung.
Drittens, braucht es Wohnformen, die den heute stark heterogenen Lebensweisen entsprechen. Familiäre Haushalte mit mehreren Kindern haben stark abgenommen, in vielen Fällen Städten, liegt der Anteil noch bei  20%  - alle Wohnsoziologen sind sich einig, dass die veränderte Stellung der Frau und flexiblere Arbeitsformen diesen Anteil noch weiter sinken lassen. Auch wenn solche Zahlen für manche Städte, auch für Graz nicht zutreffen - noch nicht zutreffen - dann stimmen dennoch in der Tendenz.

Diese drei Punkte sind natürlich nicht vollständig, um eine Stadt attraktiv zu machen – dazu gehören auch sinnliche und emotionale Eigenschaften und angenehme Menschen – solche lassen sich zum Glück nicht planen, so wenig wie Städte, die verzaubern.
Man kann allerdings sagen, was den Zauber zerstören kann.
Jede Stadt, die fasziniert, hat ein attraktives Alltagsleben und eine hohe Lebensqualität für ihre Bewohner entwickelt. So ist es sehr gefährlich, einseitig auf den Stadttourismus oder einseitig auf internationale Kultur zu setzen. Walter Siebel, ein Stadtforscher hat das untersucht. Er spricht in den Fällen von Sevilla oder Luzern von Festivalstädten. Sie haben, so Siebel, ihre ökonomische Krise durch ihre Festivals und Festivalarchitektur
nicht beseitigt, sondern verschärft. Mit anderen Worten. Eine Kultur, die in einer Stadt verankert ist und
auch von ihr produziert und immer erneuert wird, hat einen längeren Atem und prägt so auch die Identität einer Stadt, vielmehr als die Allerwelt-Produkte der globalen Hyperkultur.

4. Entwicklungspotenziale
Stadtplanung kann nicht alles, aber was kann sie?
Weil kaum eine Stadt mehr die ökonomische Potenz hat, ihre Entwicklung zu lenken, braucht sie umsomehr eine Vorstellung von einer Entwicklung. Sie kann mutig, gar leichtsinnig sein, muss aber auch plausibel, begründet, und nachvollziehbar sein  - schliesslich muss sie auch politisch vermittelt werden.
Dazu gehört, erstens, die Frage:
welche spezifischen, wirklichkeitsnahen Entwicklungspotenziale hat eine Stadt ? - welche Branchen,
öffentliche Nutzungen und Versorgung, welche Wohnungsangebote entsprechen einem Bedürfnis und was hat davon eine Realisierungschance?

Dafür gibt es inzwischen gute, so genannte dynamische Analyseverfahren, die relativ präzise Aussagen ermöglichen und auch Spielräume eingrenzen und bezeichnen.
Dazu gehört, dass fast jedes neue Bauwerk sich in einem Verdrängungsmarkt behaupten muss, da die Städte ja nicht wachsen. Beim Weiterbauen der Städte geht es also um Lückenfüller.

Wer die konkreten Entwicklungspotenziale seiner Stadt kennt, hat den weiteren Vorteil, dass er beurteilen kann, ob ein Projekt der Stadt nützt oder nicht, auch können die Projekte an den langfristigen Interessen der Stadt gemessen werden. Das erleichtert auch den politischen Entscheidungsprozess und die Moderation von Projekten

5. Stadtplanung setzt Massstäbe - Architektur als öffentliche Angelegenheit
Wenn Stadtplanung Entwicklungspotenziale konkretisiert wird auch ein Massstab für die Architektur gesetzt – allein schon deshalb, weil er sich nicht an privaten oder labelartige Bewertungen orientiert, sondern an öffentlichen Interessen und an einer öffentlich relevanten und lebendigen Kultur. Das bedeutet auch, Architektur in komplexere, attraktivere und zugleich wirklichkeitsnahe Begründungszusammenhänge zu setzen.
Das hat ja in den 90er Jahren gefehlt, weil die Stadtregierungen noch an den Voodoo-Zauber von schräger und globaler Architektur glaubten. Daran glauben inzwischen nur noch Städte der vierten und fünften Liga.
Also auch die Stadtplanung kann dazu beitragen, Architektur gesellschaftlich zu verankern, sie zu einer öffentlichen Angelegenheit  zu machen. So wird auch die traditionelle Abgrenzung zwischen Planung und Architektur durchbrochen - wie das etwa in Holland, in der Schweiz schon Praxis ist.

6. Die Agglomeration als Kernaufgabe der Stadtplanung?
Stadt ist heute überall. Die Auflösung der Grenzen zwischen Kernstadt und Umland ist für die Stadtplanung das Kardinalthema. Dieser anhaltende Verstädterungsprozess stellt, erstens, die Gemeindeautonomie in Frage, nicht im absoluten Sinn, aber im Zusammenhang mit der Raumentwicklung - mit Infrastrukturplanung, Verkehrssystemen, die Investitionspolitik, mit den Ein- und Auszonung von Bauland, also mit der Zersiedelung.
Die Gemeindeautonomie ist ja nur eine Form von kleinkollektivem Egoismus. Er führt dazu, und das kann fatal sein, dass Regionen nicht konkurrenzfähig sind – wegen ihrem ökonomischen und ökologischen Verschleiss. Zudem muss man wissen, dass Verdichtung nach Innen ein EU-Programm ist und ohnehin zum Zwang wird. Das heisst, u.a. dass beliebige Einzonungen von Bauland nicht mehr möglich sind.
Je früher die Gemeindeautonomie also verschwindet oder unterwandert wird, desto schneller der Anschluss an nachhaltige Standards und an die europäische Konkurrenzfähigkeit.
Zweitens, führt die Urbanisierung der Agglomeration zu einem neuen Verständnis, was Stadt ist. Agglomerationen sind Stadtkonstellation mit eigenen Zentren, meistens in Form von urbanen Simulationen, von Einkaufszentren, die entortet sind, es sind räumliche Einkapselungen –
man kann diese genmutierten Stadtzellen zwar kritisieren, das ändert aber nichts daran, diese Verstädterung aus vielen Gründen kaum reversibel ist.
Die Agglomeration besteht aber auch aus zwischenstädtischen Landschaften, aus Niemandsländern, die eigene Qualitäten und Potenziale haben – sie bilden den Gegenpol zu den hermetischen Einkaufszentren und auch zu einer paternalistisch bevormundenden Planung.
Learning from agglo  heisst Urbanität ex negativo:
Wer planerische und gestalterische Überschüsse produziert, hat das Gelände verfehlt, weil sie den freien urbane Raumfluss verdicken.

Ein Beispiel der Umsetzung:
Der Vorteil der kleinen Städte ist, dass sie schneller Erkenntnisse umsetzen können – das gilt auch für die Schweiz. Führend und am progressivsten ist in der Stadtplanung ist die Kleinstadt Olten.
Sie hat die angedeutet Methode umgesetzt, in Stichworten -  Bedarfsanalyse – Entwicklungspotenziale – Entwicklungsziele – politische Vermittlung - Projekte – Moderation.
Dafür gibt es eine schlanke Organisationsform: eine Stadtentwicklungskommission (beauftragt Fachleute für Bedarfsanaylsen, schlägt dem Parlament, Entwicklungsziele vor), das Stadtplanungsamt und die Baudirektion entwickeln mit externen Fachleuten Projekte, die den Entwicklungszielen entsprechen.
Dabei – und das ist wesentlich und konkretisiert das Stadtentwicklungskonzept – hat sich die Stadt verpflichtet, jedes Jahr ein Projekt mit einem geschätzten Budget von 500'000 SFr. zu entwickeln, was die Stadt einen Schritt näher an ihre Ziele bringt.

Inzwischen gibt es drei Projekte.
Das erste Projekt bezieht sich auf ein regionales Entwicklungspotenzial der Weiterbildung, der Sport- und Freizeitangebote – es ist zugleich ein Stadtentwicklungsprojekt, das aus einem internationalen Wettbewerb hervorgegangen ist.
Das zweite Projekt ist eine Art vergegenwärtige Gartenstadtsiedlung, die wir zurzeit in unserem Büro bearbeiten. Das Projekt basiert auf einenm spezifischen Bedarf in Olten an individualisierten, altersdurchlässigen Wohnformen in einem bestimmten, tiefen Preissegment. Das Projekt ist teilweise in der Ausführungsplanung.
Das dritte Projekte liegt in einem Agglomerationsgürtel; es ist ein experimentelles Projekt, das wir zurzeit überarbeiten; es geht dabei um Konzepte von einer Verdichtung nach Innen und von kompakten Siedlungsformen und zwar im Sinn von einer Umwertung von Einfamilienhaustypen und von einer Siedlungslandschaft, die weder Stadt noch Land ist.

7. Theoretische Ansätze?
zwei theoretische Ansätze stehen im Vordergrund:
Erstens, können wir beobachten, dass Zwecke und Funktionen nur unscharf und langfristig nicht bestimmbar sind. Es gibt dabei zwei Kategorien. Die eine, wie etwa öffentliche Nutzungen oder die Serviceindustrie, sind als Ganzes instabil. Die anderen Kategorie - das Wohnen und Arbeiten – sind in ihrer Mikrostruktur und Gebrauchswerten instabil. Inhalt und Form können nicht kongruent sein, allenfalls partiell. Insofern sprechen wir von einem Postfunktionalismus als Synonym für das Abwesende, Unbestimmbare.
Zweitens, beobachten wir – innerhalb einer medialisierten Alltagswelt und Bilderflut -  eine Veränderung der semiotischen Bedeutungsebenen und der Rezeption. Zeichen, Symbolen lösen sich von ihren Bedeutungen, so dass allgemein verständliche und verbindliche Deutungen verunmöglicht werden. Diese Tatsache in der Regel als Bedeutungsverlust empfunden. Er kann aber ein Gewinn sein, weil Zeichen und Symbole so an Macht verlieren. Anstelle von bedeutenden und eindeutigen Zeichen und Bildern treten Hybride - nicht konsumierbare Objekte mit offenen Deutungsmustern. Die Deutungsarbeit verschiebt sich so vom Autor zum Publikum.

Univ.-Prof. Ernst Hubeli
Leiter Institut für Städtebau, TU Graz
Herczog Hubeli, GmbH
dipl. Arch.ETH, Zürich

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