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Samstag, 04. Februar 2012



Übersicht » Fullscale Projekt » Peter Schreibmayer

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warum, was, wo und wie? 4 Fragen zum Thema "fullscale".

Warum ?
Wer gesehen hat, mit wie viel Begeisterung, Enthusiasmus und Engagement die Studierenden das Projekt "Kindergarten Weilersfarm" geplant und realisiert haben, wird die Frage nach dem Sinn von fullscale Projekten nicht mehr stellen. Trotzdem sind Projekte dieser Art an den meisten Architekturschulen eher die geduldete Ausnahme. Die meisten Studienpläne formulieren als prioritäres Ziel den Entwurf und entfernen sich zunehmend von der architektonischen Wirklichkeit. Virtualität und die Macht der Bilder - ermöglicht durch neue Medien und Instrumente - sind ein verführerischer Ersatz für die Herausforderung, die die Verwirklichung eines Entwurfes darstellt.
Die berufliche Realität zeigt allerdings ein anderes Bild. Architekten, die sich damit begnügen, Architektur nur zu planen ohne sie auch zu realisieren, sind die Ausnahme. Also ist der fullscale Aspekt, der Maßstab 1:1, kurzum die Verwirklichung von Architektur, eigentliches Ziel und Inhalt des Architektenberufes. Es ist daher schwer verständlich, warum Studienpläne diesem Umstand so wenig Rechnung tragen.

Projekte wie der Kindergarten in Weilersfarm sind mit "fullscale" allerdings noch nicht ausreichend beschrieben, weil anders als in Architekturbüros bauen "selber bauen" bedeutet. Vielleicht ist das der Grund für die Berührungsscheu, die Universitäten mit dem Bauen haben, weil sie Praxis nicht liefern können oder möglicherweise gar nicht wollen. Nun wird aber kaum ein Architekt die von ihm geplanten Objekte selber bauen. Wozu also beim Studieren so tun als ob, fragen die Gegner von fullscale Projekten. Ich glaube, es war Aristoteles, der folgendes gemeint hat: Erkläre Studierenden etwas und sie werden vergessen, zeige es ihnen und sie werden sich erinnern, aber lass sie es tun und sie werden verstehen.

Architektur ist zu vielschichtig und zu sehr an das direkte Erlebnis gebunden, als dass sie zwischen Buchdeckel gepresst oder auf Festplatten gespeichert werden kann. Architektur ist eben noch keine, solange sie nicht realer Teil der Welt ist, in der wir leben. Der fertige Kindergarten und alle anderen s²arch Projekte beweisen das und zeigen eindrucksvoll, wozu junge Menschen imstande sind, wenn sie in ihrem Tun einen Sinn sehen. Und ich behaupte, dass sie dabei unendlich viel gelernt haben - viel mehr, als man von den fertig gestellten Bauwerken ablesen kann.

Was ?
Wer selber baut, was er geplant hat, ist gezwungen, das Können zum Maß für das Wollen zu machen - was kann ich tun im doppelten Sinn: was ist möglich und wozu bin ich imstande? Damit ist die Größe solcher Objekte begrenzt und auch der inhaltliche Rahmen wird kleiner. Aus dem Blickwinkel der Lehre spielt das keine Rolle. Man kann an kleinen Gebäuden genauso viel lernen, wie an großen, denn der Entstehungsprozess ist derselbe. Und ob die Aufgabe "Kindergarten" oder "Skillcenter" heißt, macht keinen Unterschied.
Wer selber baut, muss nicht nur den Ort mit all seinen Facetten, die Zeit, die Materialien, die Kosten, die Baulogistik, die eigene handwerkliche Geschicklichkeit und vieles mehr berücksichtigen. Sachzwänge tauchen auf, die in der reinen Studioarbeit gerne und häufig negiert werden, weil es Studierende gewohnt sind, auf Fragen, die eine Problemstellung aufwerfen, vorwiegend formale Antworten zu geben. Aus dieser Ecke kommt auch ein oft gehörtes Argument gegen fullscale Projekte. Da wird behauptet, der gestalterische Spielraum sei so weit eingeschränkt, dass architektonische Qualität nicht mehr entstehen könne. Das ist schlichtweg falsch. Schlechte Architektur entsteht nicht auf Grund äußerer Zwänge, sondern nur dann, wenn schlechte Architekten am Werk sind!
Wenn es stimmt, dass Form das Zusammenspiel von Zwängen ist, sind Zwänge auch die Quellen, aus denen Architektur ihre Form schöpft. Die Differenz zwischen dem, was Zwänge fordern und was sie zulassen, ist der Spielraum, in dem Kreativität und Gestaltungswillen - im günstigsten Fall - aus einem Bauwerk Baukunst machen. Schlussendlich legen die Zwänge, die der Selbstbau auf den Entwurf ausübt, nahe, Einfachheit anzustreben. Allerdings verstehe ich unter "einfach" nicht die elitäre Askese, die sich hinter der neuen Einfachheit versteckt und schon gar nicht das Banale, sondern das Richtige, das seine ästhetische Qualität aus dem Inneren der Aufgabenstellung bezieht und nicht zwingend angestrengtes künstlerisches Tun voraussetzt.
In einer Welt der Sensationen lohnt es sich, sich mit dem Einfachen auseinander zu setzen - nicht nur, weil es mutig ist, gegen den Strom zu schwimmen, sondern weil Kreativität und Intelligenz stärker gefordert sind als beim Umgang mit dem Komplizierten.

Wo ?
Dem Maßstab 1:1 kann es eigentlich egal sein, wo er zur Anwendung kommt. Auch der Selbstbau verlangt nicht unbedingt nach einem Auslandseinsatz - im Gegenteil, MegaBaumax und die leichte Verfügbarkeit von Materialien, Werkzeugen, Knowhow legen es eigentlich nahe, zu Hause zu bleiben. Und wenn am Ende ein Produkt zustande kommt, das gebraucht wird, das einen Mangel beseitigt und somit eine Hilfsmaßnahme ist, dann gibt es auch im eigenen Land genügend Anlässe, aus einem fullscale Projekt ein altruistisches zu machen. Warum also Johannesburg oder Mumbai? Warum nicht Feldkirchen oder das Murfeld?
Tatsache ist, dass es einen mächtigen Drang ins ferne Ausland gibt. Dieser Drang ist in Richtung südliche Hemisphäre so stark, dass NGOs die meisten Hilfsangebote ablehnen - so gut diese auch gemeint sein mögen.
Natürlich spielt die Exotik eines unbekannten Landes eine Rolle, sie macht auch einen guten Teil der Bereitschaft aus, Arbeit auf sich zu nehmen, deren Umfang weit über das Maß hinausgeht, was das Studium mit Zeugnissen belohnt. Worin liegen also der Wert und die Bedeutung und damit der Sinn, scheinbar gegen jede Vernunft, solche Projekte in Südafrika zu machen? Die Erklärung, dass ein Kindergarten in einer Township viel dringender gebraucht wird als irgendwo in Österreich, ist überzeugend, aber reicht nicht aus.
Ganz wesentlich ist der Umstand der "Fremde", das Verlassen des Selbstverständlichen, der Situation, die so vertraut ist, dass sie keine Fragen mehr aufwirft. Es ist das Unbekannte und damit Neue, was den Blick schärft, Problembewusstsein schafft und Verantwortungsgefühl erzeugt.
Natürlich kann man ein fremdes Land nicht in wenigen Wochen verstehen lernen. Man kann aber seine Menschen kennen lernen, gut genug, um das mitgebrachten Wissen, die Erfahrungen und Absichten in die vorgefundenen Bedürfnisse, Erfordernisse und Möglichkeiten zu integrieren und synergetisch miteinander zu verschmelzen. Wer von außen kommt, sieht die einzelnen Probleme zwar nicht in der vollen Detailtiefe, dafür aber im Zusammenhang. Das ist nicht Schwäche, sondern Stärke. Unterschiede zwischen den Welten sind kein Hindernis, sondern notwendige Voraussetzung dafür, dass man voneinander auch Dinge lernen kann, die weit über das rein Fachliche hinausgehen,
Allein dieser Umstand rechtfertigt bereits die weite Reise.

Wie ?
Die letzte Frage ist die eigentlich architektonische. Ausgehend von jenem Kindergarten, der den Inhalt dieser Publikation ausmacht, also ausgehend davon, dass die Frage nach dem "was?" mit "Kindergarten" und die Frage nach dem "wo?" mit "Johannesburg" beantwortet ist, bleibt jene Frage über, die die Meinung zu solchen Projekten polarisiert. Die Diskussion kreist um die Positionen Architekturexport oder Lokalkolorit, Imitation oder Inspiration, architektonisches Machotum oder Anpassung, Zeichenhaftigkeit oder Unauffälligkeit und gipfelt in der Frage, ob ein fullscale Projekt in einem Entwicklungsland nicht eigentlich kulturellen Kolonialismus darstellt.
Das Reizwort heißt Tradition. In unserem Fall Tradition, die sich auf eine Architektur bezieht, die im internationalen Verständnis als vernecular oder anonym bezeichnet wird. Gerade diese Architektur setzt eine kritische Haltung voraus, zu leicht ist oberflächliche Bewunderung dafür verantwortlich, dass vorbehaltlose Akzeptanz entsteht, wo Respekt angebracht ist.
Die Auseinandersetzung mit Architekturtradition bezieht sich häufig auf den formalen Aspekt einer Bauweise, die weit in die Baugeschichte zurückreicht. Ich weiß natürlich um die Logik der Form, die sich einstellt, wenn sie über lange Zeiträume Schritt um Schritt optimiert wurde, gereift ist und nahezu unangreifbar wird. Aber die Botschaft, die diese Formen für uns haben, ist nicht die Aufforderung, sie zu kopieren, sondern die Kräfte zu studieren, die für ihre Entstehung verantwortlich waren.
Traditionen finden ihren architektonischen Ausdruck in einer Art formaler Corporate Identity, die sich über eine Zeit und über einen geographischen Raum gelegt hat. Tatsächlich verbergen sich Traditionen aber im Entstehungskontext. Wie wurde die Auseinandersetzung geführt mit dem Ort, mit dem Klima, mit der Gemeinschaft, mit der Nachbarschaft, mit den verfügbaren Ressourcen, etc. etc. Eigentlich ist Tradition unsichtbar! Wenn sich also Einflusskräfte, Zwänge und Anforderungen ändern weil sie einer neuen Zeit entsprechen, ist Festhalten an der tradierten Form Nostalgie und ein Hindernis dafür, dass der Grundstein für eine neue Tradition gelegt wird. Übertragen auf eine Township in Südafrika ergibt die Traditionsdiskussion ohnehin keinen Sinn. Von welcher Tradition ist denn dort die Rede? Originäre, schwarzafrikanische Architekturen gehören einer aussterbenden Spezies an. Sie lösen Bewunderung und Bedauern über ihr Verschwinden aus - Lösungsansätze bieten sie nur selten. Zu groß ist der Abstand zwischen den Entstehungskriterien und den Anforderungen, die die Gegenwart formuliert. Ein Beispiel: Die Erinnerung an verneculare Lehmbauten zeigt uns zwar, wie klug Lösungen sein können, wenn die verfügbaren Ressourcen, die technologischen Möglichkeiten und die spirituelle und soziale Welt ihrer Erbauer architektonisch vereinigt werden, helfen kann sie uns nicht. Denn nichts davon trifft auf die Gegenwart zu. Heute macht die Verwendung von Lehm doch nur dann Sinn, wenn seine Eigenschaften auch im Gegenwartskontext Vorteile bringen, nicht, weil es "traditionelle" Vorbilder für diese Bauweise gibt. Und was sagen uns die Townships? Townships - so wie Slums auch - sind ortlose, traditionslose, von Armut und der Ressource Wohlstandsabfall geprägte, inhumane Wohngebiete. Sie gleichen sich auf der ganzen Welt und machen das kokette Schlagwort vom "global village" zur erschreckenden Wahrheit. Townships sind sowohl städtebaulich als auch architektonisch nahezu unbeschriebene Blätter. Der Abstand zwischen dem, was die Situation erzwingt und was sie zulässt, ist groß, und damit auch der Spielraum, von dem vorhin die Rede war. Also lässt sich die Frage nach dem "wie?" nicht objektbezogen und schon gar nicht formal beantworten. Ich meine, dass bei fullscale Projekten die Form nicht das Ziel des Prozesses ist, sondern sein Ergebnis. In diesem Prozess spielt die Gestaltung eine wichtige, aber nicht die dominierende Rolle. Nirgendwo ist das abgenutzte Schlagwort vom Weg, der das Ziel ist, so richtig wie hier.
Gerade in einer Zeit, in der Architektur immer raffinierter simuliert werden kann und E-learning die Lehre revolutioniert, muss der Realbezug zur Architektur verstärkt werden. Eigentlich sollten alle Studierenden zumindest einmal in ihrem Studium die Gelegenheit bekommen, alle - wirklich alle - Schritte zu gehen, die von einer Idee zum fertigen Bauwerk führen, um den Widerstand zu erleben, den die Realität der Verwirklichung entgegensetzt. Dann stellt sich auch die Erkenntnis ein, dass Architektur nicht fertig ist, wenn die Renderings gemacht sind, sondern eigentlich dort erst beginnt.

Ao. Univ. Prof. DI Dr. techn. Peter Schreibmayer, Institut für Architekturtechnologie / TU Graz


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