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Donnerstag, 09. September 2010



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Auf der Suche nach einer Township Architektur oder warum wir in Zonen dachten.

 

Townships waren und sind bezeichnenderweise Teil der "idealen Apartheidstadt", in der alle Rassen/Ethnien durch so genannte "buffer zones" in Form von physischen Grenzen, wie etwa Verkehrsanlagen, Industrieeinrichtungen oder unbebauten Landstücken getrennt wurden. Während die "weiße" Stadt durch eine sozioökonomische Viertelbildung charakterisiert wurde, waren die Townships ursprünglich nach ethnischen Gesichtspunkten aufgeteilt. Mittlerweile zeichnet sich ein verändertes Bild. Die ethnischen Gruppen haben sich durchmischt und unterschiedlich angesiedelt, was untereinander immer wieder durch Machtkämpfe zu Konfliktpotential führt. Darüber hinaus ist Südafrika (reichstes Land Afrikas, bezogen auf das BIP) mittlerweile ein Ziel von Immigranten aus ärmeren Staaten Afrikas (vor allem aus den Krisenregionen des Südens wie z.B.: Mocambique und Botswana).

Die Umsiedelungspolitik des Apartheidregimes begann mit der Vertreibung aus ihren an- gestammten Gebieten. Man siedelte sie, dem Rassenwahn der Apartheid folgend, kategorisiert nach Stammeszugehörigkeit, in die jeweiligen Townships um.
Dieser Prozess der Entwurzelung durch Umsiedelung wird bis heute weitergeführt. In der Vergangenheit versuchte das Regime damit, durchaus erfolgreich die Überlieferung von kulturellen Formen und Inhalten (Bräuche, Gewohnheiten), also Tradition zu zerstören, mit dem Ziel, dadurch den politischen Widerstand kontrollieren zu können. Heute wird versucht, die großen informellen Siedlungen neu zu strukturieren und zu legalisieren, sowie mit Infrastruktur auszustatten, oft bleibt den Verantwortlichen nur die Möglichkeit, dies durch Umsiedlungsaktionen durchzusetzen.

Die Definition des Heimatbegriffes - der geographisch einheitlich erlebte Raum (Landschaft, Siedlungsform), mit dem sich der Mensch durch Geburt, Tradition und Lebensweise besonders verbunden fühlt, in dem seine Persönlichkeit maßgeblich geprägt wurde und seine ersten entscheidenden sozialen Beziehungen zustande kamen - ist für die schwarze Bevölkerung aus den Townships, daher durchaus ironisch zu lesen.
Deshalb nach einer Tradition oder weiter nach einer traditionellen Architektur zu rufen ist nahezu zynisch. Außerdem stellt sich die Frage nach welcher Bautradition sollte man suchen, die der Zulus, Xhosas, Sutus…? Jonathan Leed, Direktor von Living Tebogo, einem Behindertenheim in der Township Orange Farm, sagte, nachdem er den Lehmbau der Linzer Kunstuniversität (ebenfalls ein s²arch-projekt) gesehen hatte, dass er enttäuscht sei, dass die Wahl auf ein traditionelles Material gefallen sei. In Südafrika leben verschiedenste Bantuvölker (es gibt neben Englisch und Afrikaans neun Bantusprachen als Unterrichtssprachen), die, wenn man es historisch betrachtet, alle ihre individuellen, traditionellen Baukonstruktionen und Materialien verwendeten. Ein Baumaterial davon war Lehm…

Für Tradition gibt es keine exakte zeitliche Vorgabe, es heißt: Überlieferung über Generationen. Mittlerweile lebt in den Shacks der Townships (TS entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts) bereits die zehnte, elfte Generation. Kann man jetzt daraus schließen, dass die Wellblechhütte zur traditionellen Bauweise bzw. zur traditionellen Architektur wurde?

Aber warum soll Architektur Hässlichkeit und Trostlosigkeit, Verwirrung und Orientierungslosigkeit, Heimatlosigkeit und Entfremdung ausdrücken? Rem Koolhaas baut in seinem Essay the generetic city - die Stadt ohne Eigenschaften, eine Beziehung zwischen Eigenschaftslosigkeit und Identitätsverlust auf, die gewissermaßen als ihr Symbol anzusehen ist. "Eigenschaftslosigkeit ist ein Verhalten, das eine mächtige Faszination besitzt, weil es eine unbedingte und einheitliche Selbstbehauptung gegen die vielgestaltige Zerrissenheit der Außenwelt und des Ich zu garantieren verspricht.

Sich nicht preisgeben müssen, nicht festgelegt zu sein, unberührbar zu sein, ist die Sehnsucht der Eigenschaftslosigkeit. Diese Sehnsucht jedoch wird bezahlt mit dem Unvermögen, sich zu identifizieren, oder anders gesagt: Identität aufzubauen."
Sind Townships tatsächlich identitätslos wie es Rem Koolhaas beschreibt?
Wenn man Identität im Sinne von Zugehörigkeit betrachtet - Zugehörigkeit ist an Erinnerungen unterschiedlicher Intensität gebunden und daran Erfahrungen gemacht zu haben - besitzen Townships ebenfalls Identität. Die Frage lautet welche Identität?

Dem Begriff der Eigenschaftslosigkeit steht der Begriff der Heterotopie (Michel Foucault) gegenüber, nämlich Orte die mehrere parallele Eigenschaften besitzen. Gemeint sind Orte oder Räume, die gegenüber dem "normalen" Lebensraum Gegenplatzierungen darstellen, es sind Orte, wo die Kultur gegenwärtig ist und bestritten wird. Heterotopien wirken wie Spiegel, in denen sich Räume reflektieren und als andere sichtbar werden. Heterotopien können zudem "an einem einzigen Ort mehrere Räume sein, die an sich unvereinbar sind, zeitlich als auch inhaltlich." In seinem Text " andere Räume" spricht er von Orten, die anders sind als die vorgefundenen, an denen sich im negativen wie im positiven Sinne die Verhältnisse als alternativ zu den bestehenden darstellen, als eine noch nicht eingelöste Option. Diese Funktion des Hoffnungsträgers finden wir auch in dem Begriff der Heterotopie.

Im negativen Sinn spricht Foucault auch von kompensatorischen Heterotopien, also realen Räumen, die im Gegensatz zur wirren Unordnung unseres Raumes eine vollkommene Ordnung aufweisen und nennt als Beispiel die ehemaligen Kolonien in Südamerika bzw. Afrika. Betrachtet man den öffentlichen und privaten Raum in den Townships, so versteht man, was unter der vollkommenen Ordnung der Kolonialherren gemeint war. Der öffentliche Raum beschränkte sich auf die Straßen, die sich als Raster angeordnet über die Quartiere erstrecken. Die Straßen wurden so breit angelegt, dass die Polizei mit ihren "Casspiren" (gepanzerte Mannschaftstransportwagen) ungehindert durchfahren konnte. Die Shacks mussten in der Mitte der Parzelle (sog. Native yards) stehen, um die Bewohner in ihrem Privatraum besser überwachen zu können. Zusätzlich wurden die Quartiere Tag und Nacht mit Scheinwerfern, die an zentralen Masten montiert waren, ausgeleuchtet. (In Soweto sind sie aus Mangel an herkömmlicher Straßenbeleuchtung noch immer in Betrieb.)
Somit beschränkte sich der private Raum auf die eigenen vier Wände, auf den Shack. Dem öffentlichen Raum hingegen war bzw. ist Bedrohung und Unsicherheit eingeschrieben. Der Unterschied von Privatem und Öffentlichem ist wesentlich, dringt das Öffentliche ins Private, vermischt es sich, so entsteht laut Sennet eine Tyrannei der Intimität. Wenn die Distanz verloren gehe, trete anstelle eines öffentlichen Verhaltens eine Selbstenthüllung mit der Pflicht zur Selbstverwirklichung. So wird auch die Privatsphäre entprivatisiert. Das führte zum "Fetisch der Gemeinschaftlichkeit."
Eine Gemeinschaft, so Sennet, ist eine pervertierte Brüderlichkeit, die auf den Ausschluss von "Außenseitern und Fremden" angewiesen ist. Diese Gemeinschaft findet man in den Townships heute noch vor. Die unglaubliche Anzahl an beschäftigungslosen Menschen und ihr Umgang mit Aidskranken und Aidswaisen ist systematisch für diese Gemeinschaft.

Doch wie wird der öffentliche Raum zum Ort des öffentlichen Lebens? Doch nur wenn er die Differenzen zum Privaten bewusst macht. Wenn er als Ort der Überschreitung wirkt, wenn er zur Bühne wird, wo sich das private Verhalten in öffentliches Theater verwandelt. Wenn die private Existenz gegenwärtig, aber unwirklich ist,….. Im so verstandenen öffentlichen Raum ist Urbanität als Option eingeschrieben.

Der öffentliche Raum ist also Spiegel, Gegenplatzierung, Anderssein, Nichtidentität, Bruch, Spielraum, Verrückung von Sicherheiten, der unberechenbaren Möglichkeiten, des spielerischen Zufalls. Anders gesagt: Orte des öffentlichen Lebens, wo das gesellschaftliche selbstverständlich ist, deshalb kommunikativ bleibt und ständig erneuert wird.

In diesem Sinne betrachten wir unseren Kindergarten als öffentlichen Raum, als urbanen Ort, wo die Tyrannei der Intimität aufgehoben wird. Wir haben, so hoffen wir, Möglichkeitsräume geschaffen, Räume deren Bedeutung nicht eindeutig festgelegt ist.
Also Räume, wie sie Foucault aber auch der Psychoanalytiker Winnicott beschreibt. Möglichkeitsräume beschreibt er als Räume, die das Kind/der Mensch benötigt, um sich als selbstständige Person entwickeln zu können. Möglichkeitsräume kann das Kind mit eigenen Bedeutungen besetzen, und indem es das tut, erfährt es sich selber als aktives, eigenständiges, seine Umwelt gestaltendes Subjekt und übt sich zugleich in der Aneignung seiner Umwelt. Wir haben versucht Leeräume, Freiräume anzubieten, die gleichzeitig den öffentlichen Raum bilden und dem gegenüber einen privaten, intimen, abtrennbaren und verschließbaren Raum gestellt. Wichtig schien es uns im foucaultschen Sinn, die Räume nicht eindeutig zu belegen. Erst in der Spannung zwischen verschiedenen Logiken, der der Ästhetik und der der Funktionserfüllung, können Räume entstehen, in denen der Möglichkeitssinn Platz hat.
So haben wir auch nie von physischen Räumen gesprochen, sondern immer nur von Zonen. Wir nannten sie geschlossene, indifferente und offene Zonen. Die Zonen greifen ineinander ein, können aber durch Öffnen der geschlossenen Zone zu einer indifferenten, aber auch zur einer großen offenen Zone werden…

Die Kritik des neokolonialen Denkens, des Architekturtransfers aus Europa, das allen s²arch - Projekten anhaftet, können und wollen wir auch nicht entkräften. Allerdings sei eines angemerkt, jedes dieser Projekte baut auf eigene Erfahrungen mit der Gesellschaft und daraus resultierend einer eigenen Utopie. "Utopien sind Orte ohne realen Ort. Es sind Orte, die in einem allgemeinen, direkten oder entgegengesetzten Analogieverhältnis zu realen Raum der Gesellschaft stehen. Sie sind entweder das vervollkommnete Bild oder das Gegenbild der Gesellschaft, aber in jedem Fall sind Utopien ihrem Wesen nach zutiefst irreale Räume." (M. Foucault)

Aus diesen irrealen Räumen reale Räume zu machen war die Herausforderung. Architektur hat Einfluss auf eine Gesellschaft, ob sie sie ändern kann, bezweifeln wir, in jedem Fall aber sollte Architektur Möglichkeiten schaffen….

DI Gernot Kupfer, Institut für Architekturtechnologie / TU Graz 

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