Impulsreferat 2
Stadtplanung Neu – Aufgaben und Chancen
Die Form folgt der Funktion – diese Aussage kann im Haus der Architektur ja nicht falsch sein – möchte ich auf jenen Themenkreis anwenden, der sich mit der idealen Organisationsform für eine Grazer Stadtplanung befasst. Der Begriff „ideal“ im Zusammenhang mit Stadt ist zwar nicht sehr zeitgemäß, dafür aber in der Branche der Betriebsberater von scheinbar unerschütterlicher Aktualität, auch wenn die empfohlenen Organisationsmodelle jährlich wechseln.
Die Form folgt der Funktion" bedeutet deshalb für mich, dass zuerst die Aufgabe, das Aufgabenspektrum und das zu bewältigende Leistungsbild einer Stadtplanung, zu definieren ist. Erst dann kann zielführender Weise über Organisationsfragen und Erneuerungsschritte befunden werden und dem muss noch eine tiefere Prüfung sonstiger, teils externer, Rahmenbedingungen vorangehen. Ich denke hier an die Prüfung der Effizienz und Effektivität der Planungsinstrumente, die politische Kompetenz- und Ressortzuständigkeit, die Bewertung der personellen und budgetären Ressourcen oder stadtspezifischer Verwaltungstraditionen. Alle diese von aussen schwer einschätzbaren Faktoren möchte ich einmal in meinen Überlegungen zurückstellen und mich mit der Funktion einer Stadtplanung und deren Aufgaben auseinandersetzen.
Neben dem Finanz- und Budgetressort ist die Stadtplanung in allen Kommunen das zweite Ressort mit einer Querschnittsaufgabe. Ich verstehe darunter die vorwiegend räumliche Ordnung und Strukturierung einer Stadt, das beinhaltet aber auch eine ganze Reihe qualitativer und quantitativer Aspekte. Beispielhaft wären der kulturelle oder ökologische Aspekt zu nennen, aber vor allem auch die Vorsorgebedürfnisse für die Bevölkerung, bei einer Landeshauptstadt unter Einrechnung der regionalen Erfordernisse. Etwa bei der Standortsuche und Flächenbereitstellung für ein Krankenhaus, eine Schule oder eine neue Kläranlage. Letzteres kann als ohnehin teure, langfristige Infrastrukturinvestition nur auf Grundlage der Entwicklungsszenarien und Prognoseschätzungen der Stadtentwicklung aufbauen. Das heißt: es gibt praktisch keine kommunale Aufgabe, die keine Berührungspunkte mit der Stadtplanung hätte, und diese muss sich in ihrem Rollenverständnis dieser Querschnittsaufgabe bewusst sein.
Ich rede hier nicht einer zentralistischen "Planwirtschaft" das Wort, sondern der Service- und Supportaufgabe einer Stadtplanung, die eine Stadt mitsamt der Region als GANZHEITLICHES WIRKUNGS-SYSTEM begreift. Andererseits sind die Planung und ihr Erfolg auch abhängig von einer inhaltlich und zeitlich abgestimmten Synchronisation der Handlungs- und Maßnahmenprogramme der Gesamtkommune. Die mit beträchtlichem Aufwand und Engagement produzierten Hochglanzbroschüren – oft auch politisch beschlossene Programme – sind ja sehr interessant, aber ein erfahrener Planer liest zuerst den Budgetvoranschlag und das Finanzierungsprogramm, denn dort sind die realen Zielprioritäten aber auch die TATSÄCHLICHEN HANDLUNGSSPIELRÄUME wesentlich besser erkennbar.
Natürlich ist es sehr interessant und ehrenvoll, sich mit Sachbereichen zu befassen, die hohen sozialen, kulturellen oder ökologischen Nutzen erwarten lassen, aber durchwegs dem non-profit-Sektor zuzurechnen sind, also Kosten verursachen und keinen monetären Erfolg nach sich ziehen. Ich betrachte es deshalb als Schlüssel zum Erfolg einer Stadtplanung, hier eine sinnvolle und auf lange Sicht trag- und leistbare Relation zwischen wirtschaftlichem Nutzen, sowohl für die öffentliche Hand als auch für die privaten Investoren, mit den nicht profitablen oder sogar defizitären Aufgaben einer Kommune herzustellen; kurz gesagt: Zielpakete und Projekte zu entwerfen, die für eine ausreichende privatwirtschaftliche Kostendeckung und ortsübliche Rendite sorgen. Eine Stadtentwicklung findet ohne Investoren nur auf dem Papier statt.
Dazu gehört sicher ein sparsamer und ressourcenschonender Umgang mit Grund und Boden und ebenso eine gute Strategie gegen Stadtflucht, ein interessantes Angebot an Wohnformen zu tragfähigen Preisen und für Unternehmen. Letzteres soll natürlich auf die lokalen Bedürfnisse und branchenbezogenen Umstrukturierungen gleichermaßen Bedacht nehmen.
Die Stadtplanung als ganzheitliche Aufgabe bedarf jedoch auch einer Zielsynchronisation mit dem funktionell verflochtenen Umland. Hier verwundert mich der fehlende Querverweis auf eine Landesplanung in den vorbereitenden Papieren zur Enquete. Die doch schon weiter bekannte Problemlage des Seiersbergers Einkaufszentrums tangiert im Wirkungszusammenhang natürlich die Stadt Graz und mit dem Kaufkraftabfluss die traditionellen Geschäftszonen der Stadt, aber meiner Einschätzung nach die kleinen Gemeinden um Seiersberg noch mehr. Deren Nahversorgung ist noch weniger konkurrenzfähig, dafür bekommen sie zusätzlichen Einkaufsverkehr durch die Ortskerne. Hier für einen funktionierende und ausgewogene Entwicklung des steirischen Zentralraumes Graz – Umland zu sorgen, wäre mit einem alle Gebietskörperschaften integrierenden Planungsverband zum Beispiel nach dem Muster Frankfurt/Main leichter. Der Landesplanung kommt als koordinierender Faktor dabei eine entsprechende Verantwortung zu. Wien, dessen Stadtgrenzen auch die Landesgrenze darstellen, hat zumindest in diesem Punkt einen Nachteil bei der regionalen Entwicklungssteuerung, wie man sieht zumindest theoretisch.
Klaus Vatter
Stadtplaner, Magistrat Wien
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