Impulsreferat 1
Learning from Munich
Was in München der "Münchner Norden" ist, ist in Graz der "Grazer Süden", mit dem Vorteil, im Süden zu sein und sogar im Süden der Alpen.
Obwohl die beiden Städte Graz und München in der Größe und in der städtebaulichen Substanz sich stark unterscheiden, gibt es einige Parallelen, die erwähnenswert sind.
Die Lage an der Mur wie an der Isar, zwei stürmische Flüsse der Alpen, hat spiegelbildlich auf den beiden Seiten der Alpenkette verwandte topographische Strukturen und eine vergleichbare Verteilung der städtischen Aktivitäten verursacht. In den beiden Städten bilden die relativ kleinen Stadtkerne eine Grenze zwischen Quartieren, die flussaufwärts oder flussabwärts situiert sind. Die gehobenen Stadtnutzungen und Wohnviertel liegen flussaufwärts eingebetet in die Hügel und Moränen der Voralpen, und die Industrie, die Rangierflächen, die Gewerbegebiete sowie die Schnellstraßen belegen flussabwärts die flachen Ebenen im Süden bzw. im Norden.
Zusätzliche Infrastrukturen wie Bahnlinien zerteilen ganze Stadtgebiete in Talrichtung in Graz und quer zum Tal in München. Graz lebt von der Frische und von der Vitalität der Einzelarchitekturen und München von der städtebaulichen und landschaftlichen Kontinuität.
Der "Fall der Mauer" 1989 in Deutschland war der Auslöser einer Reihe radikaler städtebaulicher Restrukturierungen in den meisten deutschen Großstädten. Die Kasernen aller Art sind plötzlich überflüssig geworden. Die Privatisierungen der Bahn, der Post und der Telekommunikation haben in den Städten weitere Areale freigegeben. Diese politischen und wirtschaftlichen Faktoren waren ab 1990 bis heute eine Chance für eine Neuordnung der Stadtplanung. München hat besonders stark von der neuen Zeit profitiert. Die richtungsweisenden Infrastrukturen aus der Zeit der Olympiade aus dem Jahre 1972 waren eine glückliche Grundlage für die neue Stadtspitze am Beginn der 90er Jahre. Das unkontrollierte Wachstum nach Außen ist gebremst worden und die Stadt ist in den letzten Jahren nach Innen gewachsen mit der Aufnahme neuer Planungsparameter. Die Landschaftsplanung hat durch die Fülle der leer gelassenen Areale eine neue vernetzte Dimension bekommen. An der Stelle von Kasernen, Industrieflächen, Messe und Flughafen sind komplette Quartiere kreiert und ältere Stadtviertel konsolidiert und erweitert worden.
Eine umfassende und qualitätsvolle Formulierung der Entwicklungsziele einer Stadt in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung ist die oberste Priorität. Im Moment zum Beispiel wird die Isar in München renaturiert, um dem Ziel, einen vielfältigen und gesunden Lebensraum zu entwickeln, entsprechen zu können. Die gut verteilte Erneuerung der Stadt ermöglicht langfristig, eine homogene soziale Struktur zu schaffen und verhindert die Bildung von Ghettos. Mit der systematischen Analyse der Defizite in allen Stadtteilen und mit der Formulierung der Umstrukturierungsziele wird die Entwicklung von Graz, neben dem legendären Erfindungsgeist der Architektur, eine einmalige Urbanität erreichen.
André Perret
Stadtplaner München
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