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©: Severin Hirsch

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Kolumne
zeitenweise – 03

Ein Ruck geht durch die Welt

„Gedanken sind keine Früchte der Erde. Sie werden nicht in Arealen eingefaßt, außer von der menschlichen Bequemlichkeit. Gedanken sind Wolken. […] Wenn man meint, im Zuge der Analyse entweder ihrer sogenannten Struktur oder Genealogie oder sogar ihrer Post-Struktur tief in ihr Inneres eingedrungen zu sein, dann ist es in Wahrheit zu spät oder zu früh. Eine Wolke wirft ihren Schatten auf die andere, die Form der Wolken ändert sich je nach dem Punkt, von dem aus man sich ihr nähert. […] Dementsprechend gehören Gedanken nicht uns selbst. Wir versuchen, in sie einzudringen oder ihnen zu gehören.“ (Jean-François Lyotard, Streifzüge. Gesetz, Form, Ereignis. Wien 2010. S. 21f.)

Als Kind lag ich – wie wohl die meisten anderen auch – gerne in der Wiese und betrachtete die vorbeiziehenden Wolken. Dieser flüchtige Moment des Erkennens von Formen, auch wenn sie anderen gegenüber oft nicht kommunizier- oder darstellbar waren, hatte etwas Magisches an sich. Die Frage nach der Herkunft oder der Entstehung der Wolken war irrelevant. Heute liege ich oft des Nächtens wach im Bett, die Gedanken ziehen vorbei, verflüchtigen sich, transformieren sich, manch einer bleibt hängen, nimmt Gestalt an, materialisiert sich in Form (m)einer Sprache, meines mir eigenen Idioms und begleitet mich (für eine Zeit) im Denken. Die Gedanken nähren sich vom Unterbewusstsein, zehren von der Gegenwart einer Geschichte. Die Sprache ist das Gesetz, das die Gedanken in Gefangenschaft nimmt und zugleich zu meinen macht –  zu einem Gut, auf dem ich aufbauen kann, das sich fortführen und wiederholen lässt.
Eine dunkle Wolke hängt über der Welt und wirft ihren Schatten auf uns. Diese Wolke ist aber mehr als ein Gedanke, sie ist schon – unbedacht und undurchdacht – zur Sprache gekommen, zur Handlung geworden. Ein Geist aus der Vergangenheit lebt wieder auf und versucht einen Keil in die Gesellschaft zu treiben. Die – nicht ganz unberechtigte – Kritik an den derzeitigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie kommt mit dem Vorwurf der Einschränkung der Freiheitsrechte und antidemokratischer Vorgangsweisen paradoxerweise von rechts. Just jene Kräfte, die beständig am Abbau der Demokratie und am Aufbau von Überwachungsmechanismen arbeiteten, vereinnahmen nun die Kritik und ziehen die Massen der Frustrierten auf ihre Seite. Die Gefahr dieser Bewegung, die zunehmend lauter und auffälliger wird, liegt jedoch ihrerseits in der Ablehnung demokratischer Strukturen bis hin zur Nicht-Anerkennung des Staates. Um das Kritik-Monopol nicht den Rechten zu überlassen, sollten die Linken sich schleunigst ihrer Ideale und Wurzeln besinnen und sich geeint hinter die zu schützende Bevölkerung stellen anstatt sich in intellektuellen Eitelkeiten und Haarspaltereien zu verlieren. Die schon lange voranschreitende Krise des Sozialismus macht sich nun auch in der Corona-Krise bemerkbar. Es handelt sich auch um den Verlust einer gemeinsamen Sprache, eines austausch- und übersetzbaren Idioms innerhalb der linken Bewegung. „Unser différend (Widerstreit, Anm.) war ab dem Augenblick nicht mehr heilbar, da einer von uns die Fähigkeit des Marxismus bestritt oder auch bezweifelte, die Veränderungen der gegenwärtigen Welt auszudrücken. Wir hatten keine gemeinsame Sprache mehr, in der wir uns erklären oder wenigstens unsere Kontroversen ausdrücken konnten.“ (Ebd. S. 91.)
Corona wird uns auch in diesem Jahr begleiten und die Corona-Leugner werden vermehrt und radikaler auf Gesellschaft und Staat Druck ausüben. Die Wut- und Reichsbürger werden trotz ideologischer Gräben Seite an Seite an den demokratischen Grundfesten rütteln und das Wohl der Gesellschaft aufs Spiel setzen. Folglich muss ein Appell an die Zivilgesellschaft stattfinden, dieser Bewegung vehement und standhaft entgegenzutreten und die Stimme zum Schutz der Schwächsten in unserer Gesellschaft lautstark zu erheben. Wir werden nur gemeinsam dieser Krise entkommen, um in der Folge auf ein finanzielles Desaster zuzusteuern, das wir alle, egal ob links oder rechts, auszubaden haben. Dann gilt es gegen den gemeinsamen Feind – das Großkapital – anzukämpfen und an einer Neuverteilung finanzieller Ressourcen zu arbeiten. In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen Gedanken Slavoj Žižeks verweisen, der in seinem Buch Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror. den entfesselten Kapitalismus als den gemeinsamen Feind von Flüchtlingen und Rechtswählerschaft betrachtet. Wir sollten uns der Geschichte bewusst sein, die vor hundert Jahren stattfand, als wir krisengeschüttelt in falschen Ideologien unsere Rettung zu finden glaubten. Am Ende profitierten wenige, der Rest konnte auf einen Trümmerhaufen an Menschenverachtung zurückblicken. „Der Kapitalismus hat sich nicht deshalb in solchem Maß stabilisiert, weil wir machtlos sind. Wenn wir außerstande sind, den Sozialismus aus ihm heraus zu schaffen, dann wird er ohne uns das herbeiführen, was seiner Logik nach herbeizuführen ist: Elend, das zugleich kultiviert und unkultiviert ist – Barbarei.“ (ebda. S. 106.)
Wir müssen lernen, Gedanken, die bleiben wollen, zu formen, auszuformulieren und zu Ende zu denken. Dabei bleibt jede/r seinem eigenen Idiom, seiner eigenen Geschichtsauffassung verhaftet. Wichtig dabei bleibt, die Sprache so weit wie möglich offen zu halten, damit Gedanken austauschbar und kommunizierbar bleiben. Die Gedanken sind frei, frei von uns, sofern sie nicht in der jemeinigen Sprache Ausdruck finden. Vernommen sind sie bereits Ausdruck von wie auch immer gearteter Form einer Ideologie, indem sie sich auf einen Kontext und eine Historie beziehen. Nur im Bewusstmachen des sprachlichen Umfelds von Gedanken können wir der Barbarei entkommen, die eigene Sichtweise als einzige Möglichkeit der Betrachtung anzusehen. Und nur im Bewusstwerden der (eigenen) Geschichte haben wir die Möglichkeit, uns aus der Geschichte zu befreien. Wir sind nicht verdammt dazu, die Fehler der Geschichte zu wiederholen. Und durch das Lossagen von der Geschichte eröffnet sich ein Handlungsspielraum mit neuen Regeln und Gesetzen.
„Es ist wahr: erst dadurch, daß der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend, zusammenschließend jenes unhistorische Element einschränkt, erst dadurch, daß innerhalb jener umschließenden Dunstwolke ein heller blitzender Lichtschein entsteht – also erst durch die Kraft, das Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem Übermaße von Historie hört der Mensch wieder auf, und ohne jene Hülle des Unhistorischen würde er nie angefangen haben und anzufangen wagen. Wo finden sich Taten, die der Mensch zu tun vermöchte, ohne vorher in jene Dunstschicht des Unhistorischen eingegangen zu sein?“ (Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. In: ders., Unzeitgemäße Betrachtungen. Berlin 2014. S. 63.)

Verfasser / in:

Wolfgang Oeggl

Datum:

Tue 26/01/2021

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Kommentare

"Wir sollten uns der

"Wir sollten uns der Geschichte bewusst sein, die vor hundert Jahren stattfand, als wir krisengeschüttelt in falschen Ideologien unsere Rettung zu finden glaubten."
und dann: "Und durch das Lossagen von der Geschichte eröffnet sich ein Handlungsspielraum mit neuen Regeln und Gesetzen."
Warum soll sich Neues, ein neuer Handlungsspielraum, nicht eröffnen können mit Wissen und gerade im Bewusstsein um die Geschichte, so, wie Sie es selbst ein paar Absätze davor eindringlich schreiben. Wann war die Geschichte ein Hemmschuh für (notwendige) Erneuerung?
Sie schreiben: "Wir müssen lernen, Gedanken, die bleiben wollen, zu formen, auszuformulieren und zu Ende zu denken."
Das halte ich für richtig und gleichermaßen wichtig, aber Gedanken wollen, nicht sollen? Und selbst dann gilt, was der Autor Peter Schneider, ein Alt-68er-Linker, erkennt und im Buch "Denken mit eigenem Kopf" beschreibt: Das Resultat eigenen Denkens kann sich auch im Zeitenlauf eines Lebens ändern. Wichtig ist, Erfahrungen und Erkenntnisse zu hinterfragen. Eben, mit eigenem Kopf weiterdenken.

Wir müssen uns der Geschichte

Wir müssen uns der Geschichte bewusst sein im Sinne einer Orientierung fürs Handeln, im Sinne eines Bewusstwerden der Konsequenzen, die Handlungen - und selbst Ausformulieren und Aussprechen von Gedanken ist Handlung - mit sich bringen, aber wir können nur frei handeln, wenn wir die ganze Last der (das ganze Wissen um) Geschichte ablegen können. Jeder Mensch hat gewisse Verhaltensmuster, die durch Sozialisation, durch Lernen angeeignet werden. Auch die Sprache hat eine Struktur (ein Muster), die es uns einerseites erlaubt, eine sprachliche Form zu finden, in der wir kommunizieren können, die aber andererseits auch in einem (je eigenen) Idiom ausformuliert wird, das für den Dialog hinderlich sein kann (wenn es bespielsweise um die diversen Idiome innerhalb der linken Bewegungen geht, aber auch zwischen diversen politischen Diskursen. Es ist möglich, gleiche Probleme in verschiedenen - politisch geprägten - Terminologien auszudrücken, sodass kein Dialog zustande kommt). Das Lossagen von Geschichte bedeutet nicht in einem selbstvergessenen, dämmrigen Zustand zu handeln, sondern vielmehr, dass man als Handelnde/r nicht den gesamten Geschichtsapekt implizieren kann. Das wäre dann ein Hemmschuh. Nietzsche sprach in diesem Zusammenhang über die Wichtigkeit des Vergessens, um Handlungsraum zu schaffen. Wenn ich immer nur nach den mir angeeignetet Verhaltens-/Handlungsmustern agiere (und diese niemals hinterfrage), werde ich immer die gleichen Fehler machen und Neuem, Veränderung keinen Platz geben, in mein Bewusstsein und mein Verhalten einzugehen. Darum geht es. Meine persönliche wie die allgemeine Geschichte sind wichtig im Sinne einer Handlungsdirektive, aber wenn ich mir das ganze Wissen um diese Geschichte(n) ständig bewusst mache, wird sie mich am Handeln hindern. Veränderungen können nur durch das Lossagen von Strukturen, von Mustern herbeigeführt werden, durch das Verlassen von eingefahrenen Bahnen.
Gedanken ändern sich ständig. Das ist die Freiheit des Gedankens. Ich kann einen Gedanken nicht festhalten und zum Bleiben zwingen, es sei denn in Form (m)einer Sprache, aber dadurch ändert sich die Form des Gedankens (er wird zum Satz, zur Aussage, zur Handlung). Manche Gedanken kehren wieder, als Ahnung, als Wolkengebilde. Aber kehren sie wieder, weil sie sollen?

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Danke für diese profunde und treffliche Analyse des Jetzt.

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Ein Ruck geht durch die Welt

Die Kritik an den Corona-Maßnahmen scheint derzeit unter das Monopol einer rechten, antidemokratischen Bewegung zu fallen. Um dieses Kritik-Monopol zu unterminieren, müss(t)en sich linke Gruppierungen ihrer Gemeinsamkeiten besinnen und geeint vorangehen.

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Die Kolumne zeitenweise von Wolfgang Oeggl erscheint jeden 4. Dienstag im Monat.

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