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Markus Wilfling und „Die ewige Lust am Spielen mit Zahlen“
©: Wenzel Mraček

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Kolumne
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Was für den Rezipienten eine utopische, in der Performance sogar witzige Vorstellung ist, sich vom kulturbedingten Umgang mit Zahlen zu lösen, ist für den Künstler vergleichsweise belastend. Markus Wilfling bezeichnet seinen, zwar mäßig ausgeprägten, Drang zum Zählen als „Tick“, der noch zu Schulzeiten so weit führte, dass er von Lehrern gesprochene Sätze nicht nach ihrem Inhalt erfasste, wohl aber sofort angeben konnte, wie viele Wörter, wie viele Buchstaben gesprochen worden waren. Daraus entstand die Idee zu einer Installation, die Wilfling – nach seiner Ausstellung im Wiener Semperdepot 2020 – nun im Grazer Schaumbad zur Eröffnung der rezenten Ausstellung in ihrer Funktion demonstrierte. „1, das Zeichen für Einheit! Brauchen wir nicht!“ und legt eine 1 aus Gips auf ein Förderband, das das Zeichen in einen Container kurbelt, worin es zerbricht. Es folgen die weiteren, auch kombiniert als 12, „ … die Zahl der Monate! Brauchen wir nicht!“ undsoweiter. Es funktioniert natürlich nicht so ganz, erzählt mir Markus Wilfling anschließend, aber es muss doch einen Weg geben, mit dem Zählen aufzuhören. Das Publikum immerhin quittiert den Versuch mit Schmunzeln und weiß, wir werden und Markus wird weiter zählen bis eines Tages wieder die Schrift an der Wand erscheint: Mene mene tekel u-parsin, gezählt, gezählt, gewogen und zerteilt.

Es schlägt 13 heißt die Ausstellung im Schaumbad, und der Titel hat nichts mit Glück oder Unglück verheißender Bedeutung zu tun, vielmehr befindet sich der Verein Schaumbad im 13. Jahr nach seiner Gründung und ist wohlauf. Entsprechend dem Untertitel Kulturen und Religionen im „Triesterviertel“ betrachten Künstler*innen einmal mehr das örtlich wie thematisch nah gelegene Quartier mit einer der höchsten Migrationsraten der Stadt, um es gewissermaßen zu quantifizieren. Alexandra Gschiel beispielsweise nimmt sich der hier vertretenen Glaubensgemeinschaften an. Vier (sic., so beschrieben im Informationsheft) Messgewänder – des Imams der Grazer Moschee, des Pastors der afrikanischen Freikirche House of Prayer Misson und eines katholischen Priesters – überträgt sie im fotografischen Verfahren der Cyanotypie auf Stoffbahnen. Und es erweist sich, die Weiß vor Blau erscheinenden Umrisse der verschiedenen Zeremoniengewänder sind in ihren Formen ähnlich.
Mittels Kunstwerken in seinem Trauerkorridor befasst sich das Wiener Duo hoelb/hoeb (Barbara Hölbling/Mario Höber) mit Trauer- und Verlusterfahrungen als gesellschaftlich marginalisiertem Phänomen. Unter anderem erzählt die Palliativmedizinerin Traugundis Kaiba, als Avatar in einem animierten Video, von ihrer Erfahrung mit einem Patienten im Wachkoma. Als Teil derselben Installation handeln aber auch Jan Steigers und Daniel Niedermeiers Fotografien von Verlust: Klimabedingt sind die Wälder im deutschen Harz deutlich beeinträchtigt.
Maryam Mohammadi und Keyvan Paydar suchen mit ihrer Installation Alter Alltagsaltar 13x13 nach der Wirkmächtigkeit der der Zahl 13 – in 13 Geschichten rund um die Welt. Basis ist die Nachbildung eines ’Alam, eines im Iran in Prozessionen getragenen Altars. Stemmt man den „alten Alltagsaltar“ gleich einem Trainingsgerät mit seinen Schultern hoch, so Mohammadi und Paydar, wäre man eines Tages fit genug, die Last der Welt zu überwinden.

Im Parallelprogramm des steirischen herbst ist die Ausstellung Es schlägt 13. Kulturen und Religionen im „Triesterviertel“ im Schaumbad – Freies Atelierhaus Graz, Puchstraße 41, bis zum 10. Oktober zu sehen. (Siehe Link > steirischerherbst.at)

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Tue 14/09/2021

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Die Kolumne Wolkenschaufler von Wenzel Mraček zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) erscheint jeden 2. Dienstag im Monat auf GAT.

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