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Kolumne
Wolkenschaufler _ 01

Naturschutzgebiet
Es ist heiß. Im Standard vom 1. März d. J. werden Naturschutzbund-Präsident Johannes Gepp, die Sachverständige für Natur- und Umweltschutz Romana Ull und die Umweltmedizinerin Eva-Maria Wendler zitiert, die den Grazer Kraftwerksbau plus Entlastungskanal für ein „ökologisches Desaster“ halten. Die Klimaerwärmung werde Graz, unter anderem infolge der Kessellage, härter treffen als andere österreichische Städte. „Um die Stadt zu kühlen“, meint Romana Ull, „brauchen wir jeden Baum, den wir haben“.
Wer sich angesichts der Hitze in die stadtnahen Wälder bewegt, erfährt sofort den Unterschied. Zudem binden Bäume auch den Feinstaub und so weiter, usw.
Derweil ist die Au in Puntigam Geschichte. Mehr als 8000 Bäume mussten Kanal und Kraftwerk weichen, die Mur wird im Staubereich bis zur Grazer Hauptbrücke ein stehendes Gewässer sein, gereinigt und im Vergleich zum Status quo geruchsfrei, Letzteres wird der Entlastungskanal leisten.
Graz stinkt. Laut Rechnungshof-Bericht wird die notwendige Kanalsanierung nur zu einem Drittel der Erfordernisse betrieben. Wer sich – während der Hitze zumal – durch die Stadt bewegt, erfährt die olfaktorischen Auswirkungen.
Aber, stellt die neue Grazer Stadtregierung in Aussicht, wird Graz unter ihrer Ägide sauberer. Wir wissen noch nicht, worauf sich „sauber“ bezieht. Jedenfalls hat der Bürgermeister im Jänner im Bereich der Arlandgründe ein neues Naturschutzgebiet an der Mur präsentiert. In direkter Nachbarschaft der Siedlung, der Stellflächen eines Autohändlers und der Holding Graz Wasserwirtschaft entstand um den Zufluss Andritzbach ein zur Mur hin leicht abfallendes Areal. Die Benützung dieses Geländes – bisschen Pritschipratschi, Hund laufen lassen oder gar Grillen – ist aber weitgehend verboten, weil im Wortsinn nur „in Aussicht gestellt“ und Naturschutzgebiet.
Tatsächliche Schaustücke und Paraphrasen auf das zu diskutierende Phänomen Natur gegenüber naturnaher Urbanität – nachdem künstliche oder künstlerische Natur ja keine ist – findet man derzeit und demnächst etwa im Grazer Kunstverein, indoor und bei angenehmem Raumklima. Der 1982 im schottischen Dundee geborene Edward Clydesdale Thomson hat damit begonnen, einen Garten in den Räumen der Galerie anzulegen, in erster Linie also einen Schaugarten. In den kommenden Jahren soll der Garten „zu einer realen, lebendigen Lebensumgebung, die langsam wächst, aufblüht und im Lauf der folgenden Jahre wieder zerfällt“ werden. Ein Denkstück allemal gegenüber Kraftwerkswiese und Naturschutzgebiet, „als Gehege deiner Gesten, als botanisches Gedicht“

hätte Heller wohl gesagt,
hätt‘ man ihn um Kommentar gefragt.

Und jetzt wieder ernsthaft: Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur nannte der Tiroler Künstler Max Peintner 1970/71 eine Zeichnung, die einen Laubwald auf der Spielfläche eines Stadions zeigt, das von einer Skyline (mit rauchenden Schloten und Kranarmen) umgeben ist. Der Schweizer Künstler Klaus Littmann wurde dieser Zeichnung gewahr und fasste die Idee, sie als Plan zu verwenden. Unter demselben Titel wird er auf dem Fußballfeld des Klagenfurter EM-Stadions – ein verwaistes, überdimensioniertes Politdenkmal, in dem 2008 ein paar Fußball-Europameisterschaftsspiele stattfanden und winters seither ein paar Eishockey-Spiele, jüngst spielte dort Elton John Klavier – einen Wald aus 190 vierzehn Meter hohen Bäumen einsetzen. Tatsächlich wurde das Projekt vom Klagenfurter Stadtsenat im März abgesegnet und soll im Herbst 2019 für zwei Monate installiert sein. Nach Abbau übersiedelt der Stadionwald in den Lakeside Park. Mit Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur will Littmann eine „Konfrontation von Natur und Technologie“ demonstrieren. Bei der Gelegenheit könnte man auch nach dem Unterschied zwischen Wald und Holzplantage fragen.
Zurück in die Wirklichkeit: Es mag skurril klingen, aber der Steirische Bauernbund machte mit einer Kampagne im März darauf aufmerksam, dass die steirischen Bauern den für den Tourismus so wichtigen „Augenschmaus Landschaft“ erhalten, denn: „Eine Landschaft ohne Pflege verwildert und verwaldet rasch und wächst in relativ kurzer Zeit zu.“ Anschauliche Fotomontagen zeigen, dass etwa die Teichalm ohne gewissenhafte Pflege bis zum Jahr 2050 hoffnungslos verwaldet wäre und Gäste – naturgemäß – ausblieben.

Zwei Literaturtipps für Menschen, die sich während der Hitzeperiode wohlig vor dem Wald fürchten wollen:
Henry David Thoreau: Die Wildnis von Maine. Eine Sommerreise.
Annie Proulx: Aus hartem Holz.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Tue 08/08/2017

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Kommentare

Dank!

Lieber Wenzel,
danke für diesen Beitrag - wie wirklich ist die (nein, nicht Wirklichleit) Natur - dieses Thema beschäftigt mich, seit ich den Zeichner Max Peintner als ersten, frühen Mahner gegen die totale Verbauung und die Zerstörung von Natur kennengelernt habe. Das Buch von Peintner, in dem man die erwähnte frühe Zeichnenung neben vielen anderen zum Thema anschauen und eigene Texte lesen kann, heißt "Ewigkeit im Tagbau" und ist 1977 in der edition neue texte erschienen. Übrigens ist diese Zeichnung damals berühmt und vielen bekannt gewesen, weil der Stern sie in einem Leitartikel zum Thema Waldsterben als großes Bild verwendet hat. Ein anderes Buch von Max Peintner, genauer gesagt zwei Bände - ein Text-, ein Bildband - im Schuber, heißt "Bilderschrift", erschienen 1984 im damals noch wunderbaren Residenzverlag. Auch dieses kann ich sehr empfehlen, es enthält in freier essayistischer Manier viele philosophische Überlegungen zur von Menschenhand gemachten Naturzerstörung (und zur Wahrnehmung und zur Liebe). Ich lese bis heute immer wieder drinnen und finde es immer wieder (gedanken-)anregend.
Falls es die Bücher in der Bibliothek nicht gibt: ich verleihe sie gern.

wie wirklich ist die Natur

wie wirklich ist die Natur Natur .... könnte es auch heißen.

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Bemerkungen zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) von Wenzel Mraček jeden 2. Dienstag im Monat

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