Wider die Anpassung: Zwischen digitalisierter Macht und zeitloser Hoffnung

Mit Hannah Arendt gesprochen, konstruiert Franz Kafka in seinen Texten Grundrisse der bestehenden Welt. Grundrisse sind etwas Unwirkliches, etwas Artifizielles. Sie nehmen die Interpretation der Realisierung vorweg.
In ihrem Buch „Kafkas Raum im Zeitalter seiner digitalen Überwachbarkeit“ konfrontiert die an der TU Wien lehrende Architekturtheoretikerin Sigrid Hauser die heute allgegenwärtige digitale Vernetzung und Überwachung mit Passagen aus Franz Kafkas Romanen. Zwei sehr unterschiedliche Typen von Kapiteln wechseln sich ab: Ein Abschnitt beschäftigt sich mit einem kafkaesken Thema, der darauf folgende mit einem Stichwort aus der Sicherheits-, Überwachungs- und Medienwelt. Die Autorin bezieht sich dabei auf Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ und denkt dessen Kritik technischer Medien und deren Einfluss auf die Gesellschaft konsequent in die Gegenwart weiter. Benjamin habe als einer der ersten erkannt, dass Kafkas Werk nicht nur totalitäre Regimes, sondern auch die heutige Informationsgesellschaft mit ihren undurchschaubaren Netzwerken fast prophetisch vorwegnehme. Deren literarische Verarbeitung erweise sich heute als ein Schlüssel, um unsere Realität besser zu verstehen. Damals wie heute passierten einschneidende Veränderungen schneller als begreifbar. Wo die technische und gesellschaftliche Entwicklung hinführe, sei nicht absehbar, "es liegt erst in der Luft, nicht im allgemeinen Befinden".

Kafkas Raum macht sich nicht vordergründig wichtig, sondern ist hintergründig
So wie Kafka weit über seine Zeit hinaus denkt, betrachtet er auch den Raum über die Grenzen seiner Darstellbarkeit hinaus. Konkrete und abstrakte Architekturen geben der Handlung einen Rahmen ohne sie dabei zu determinieren: Gänge, Treppen, Lifte, Fluchtwege, eine Portiersloge – ein unzusammenhängendes, nicht überschaubares System von Innenräumen. Die Architektur des Hotels Occidental in „Der Verschollene“ gibt eine undurchschaubare Machtstruktur wieder. Kafka liefert keinen Überblick von außen, sondern beschreibt nur Fragmente des Inneren. Die Menschen sind austauschbar und übernehmen die Rolle von Statisten; wer in diesem System die Hauptrolle spielt, bleibt im Dunklen. Die Architektur dient dazu, die Orientierung zu verlieren und das Ziel vergessen zu lassen. Die Suche nach dem eigenen Weg wird erschwert.

Kafkas Protagonisten sind stets konfrontiert mit übermächtigen Machtapparaten, die ein unüberblickbares System an Regeln und Abhängigkeiten aufgebaut haben. Die Macht selbst bleibt im Verborgenen und ist nicht lokalisierbar. Ob sie tatsächlich existiert, ist irrelevant, solange ein gefestigtes gesellschaftliches Gefüge auf Basis der Idee dieser Macht besteht.
In den Romanen „Das Schloss“, Der Prozess“ und „Der Verschollene“ zeichnet Kafka das Bild dreier kausal verknüpfter gesellschaftlicher Systeme: ein inkompetentes Staatswesen, das es unterstützende Rechtssystem und die davon profitierende Marktwirtschaft. Heute sind diese enger verknüpft als je zuvor und führen zu einer neuen Konzentration von Macht in Form der Global Player. Durch die Digitalisierung konvergieren Schrift, Bild und Ton und ermöglichen eine Bündelung früher getrennter Kommunikationsnetzwerke, wodurch sich ungeahnte Potenziale der Kontrolle und der Manipulation ergeben.

Die Gerichtskanzleien in „Der Prozess“ befinden sich auf den Dachböden von Mietshäusern: "Die Wohnhäuser sind die Gerichte". Geht die Macht also vom Volk aus? Oder überwacht hier ein scheindemokratisches System die Masse? Gerade dass sich Kafka nicht auf eine Ideologie konzentriert, sondern sich mit dem Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft auseinandersetzt macht sein Werk so interessant. Jeder seiner Protagonisten muss – und will – sich an die Anforderungen der Gesellschaft anpassen, sucht Anerkennung und Akzeptanz. Die Integration, ja Assimilation, produziert am Ende eigenschaftslose Personen, die ihre Rolle wie Schauspieler spielen.

Hand in Hand mit der Demokratie geht die Demokratisierung der Überwachung. Wurden früher „nur“ einzelne Gruppen systematisch überwacht, so geschieht dies heute potenziell mit jedem und jeder. An technischen Methoden mangelt es nicht, wie die Zusammenstellung der Autorin eindrucksvoll demonstriert: Überwachungskameras mit Personenerkennung, Tracking mittels Satelliten oder Funknetzen, RFID-Chips und vor allem eine enorme Menge an personalisierten Daten, die allerorts gesammelt, gespeichert, verknüpft und ausgewertet werden. Mit einem allzu lockeren Umgang mit Google und Facebook nehmen wir den Überwachern sogar einiges an Arbeit ab.

Die Sprache ist ein Rahmen
In ihren scharfsichtigen Analysen von Kafkas Texten bedient sich Hauser vieler Metaphern aus dem Theater. So versteht sie seine Raumbeschreibungen als Regieanweisungen, die viel Raum für Imagination lassen. Mit dem Bild des Theaters und durch die Verzerrung von Alltäglichem und Vertrautem ins Absurde erzeugt Kafka eine Künstlichkeit, die das Geschehen wie eine Inszenierung reflektierbar mache.

Als besonders interessant erscheint Hauser das Motiv des Fensters und des Balkons. In der literarischen Darstellung von Architektur stehe das Fenster für Zuschauen, Beobachten und Verfolgen – für soziale Kontrolle. Der Beobachter nehme zwar nicht direkt teil, blicke aber auf eine Welt, die sich nicht so einfach erschließen lasse, die auch nicht jeden einlassen wolle. Der Zuschauer werde durch das Fenster aber auch selbst zum Objekt der Betrachtung. Das Fenster mache aus der Realität jene Inszenierung, die Kafka als artifizielles Konstrukt verwende, um die Wirklichkeit sichtbar zu machen.

So wie Kafkas Literatur auf verschiedenen Ebenen gelesen werden kann, funktioniert auch Hausers Buch auf mehreren Ebenen. Es besteht zu einem guten Teil aus kursiv gesetzten Zitaten und führt so dem Leser die Macht der Sprache vor Augen. Die Zitate aus der aktuellen Politik-, Wirtschafts- und Mediensprache verführen, manipulieren und erzeugen fast unbemerkt eine eben nicht eigene Meinung. Im Kontrast zur fein gewobenen Sprache Kafkas führt diese sprachliche Authentizität jedoch auch dazu, dass die zwei Teile nie wirklich zusammenfinden und die Doppelconference von Kafkas Texten mit der heutigen digitalen Realität zwar auf der intellektuellen Ebene perfekt, auf der emotionalen aber nur bedingt gelingt.

Kafkas Romane sind Fragmente, die viel Raum für Spekulation lassen. Auch Sigrid Hauser, die sich schon in zahlreichen Publikationen mit der Konzeptions- und Rezeptionsästhetik von Politik, Literatur und Kunst im Zusammenspiel mit Architektur befasst hat, lässt in diesem bemerkenswerten Buch die Reihe der Protagonisten der Überwachung offen; sie schreibt die Zukunft nicht fest. Ganz im Sinne Kafkas wird das letzte Wort nicht gesprochen.

Sigrid Hauser
Kafkas Raum im Zeitalter seiner digitalen Überwachbarkeit
Wien: Löcker Verlag, 2009
296 Seiten
ISBN: 978-3-85409-519-4
EUR 29,80

Die Erstveröffentlichung dieser Rezension erfolgte in GAM.07 – Zero Landscape, herausgegeben von der Fakultät für Architektur der Technischen Universität Graz, SpringerWienNewYork, 2011

Verfasser/in:
Martin Grabner, Rezension

Datum:

Sun 01/05/2011

Artikelempfehlungen der Redaktion

Kommentar antworten