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Rezension
Was bleibt von der 'Grazer Schule'?

Die oft sogenannte Grazer Schule ist ohne Zweifel das Phänomen der jüngeren österreichischen Architekturgeschichte, das international das meiste Aufsehen erregt hat. Mehrfach – und nicht immer gleich – definiert vom Wiener Architekturkritiker Friedrich Achleitner und bekannt gemacht vom Briten Peter Blundell Jones, der vor allem dank seines Buches Dialogues in Time. New Graz Architecture (1998) als Chronist der Grazer Schule bezeichnet werden kann, steht der Begriff für vieles – und ist dabei erstaunlich wage. Was hinter dem Label Grazer Schule wirklich steckt und wie es in das Heute wirkt, versucht das, von Anselm Wagner und Antje Senarclens de Grancy am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz herausgegebene Buch Was bleibt von der Grazer Schule? herauszufinden.

Wagner schreibt, die Bedeutung der Vergangenheit werde immer aus der Perspektive der jeweiligen Gegenwart heraus konstruiert. Die Grazer Schule wurde lange Zeit fast ausschließlich mit den expressiv-gestischen Entwürfen Günther Domenigs und der organisch-formalistischen Architektur der 1980er Jahre identifiziert, was weder vollständig ist, noch ihren programmatischen Kern trifft.

Heute blüht das Interesse an den frühen, kritischen Reaktionen auf die Nachkriegsmoderne wieder auf: Die Utopien der späten Sechziger werden wieder aufmerksam bis sehnsüchtig studiert, der Strukturalismus erlebt – nicht zuletzt dank der neuen Möglichkeiten der Digitalisierung – ein Comeback. In diesem Kontext versucht Was bleibt von der 'Grazer Schule'? diese in ihrer vollen Breite und Tiefe zu verstehen und lenkt den Fokus auf die früheren Generationen der Grazer Schule, die programmatisch statt formalistisch arbeiteten, architektonische und gesellschaftliche Utopien schufen anstatt einer individualistischen Handschrift.

Der Band umfasst 20 Beiträge, wobei sich Texte von Protagonisten und Zeitzeugen der Grazer Schule mit solchen, die einen analytischen Blick aus der Gegenwart auf das Phänomen werfen, abwechseln und ein heterogenes Ganzes formen. Wie schon das dem Buch zugrunde liegende Symposium, das im Herbst 2010 an der TU Graz stattfand, sind die einzelnen Beiträge drei großen Schwerpunkten zugeordnet: Schule, Lehre, Zeichensäle, Utopien und Modelle, Strukturfragen und Stilfragen. Vorangestellt ermöglichen Peter Blundell Jones und Anselm Wagner in ihren Texten einen Einstieg in die Materie und beleuchten Rezeption und Selbstbild der Grazer Schule.

Notwendig ist diese Aufarbeitung unter anderem, weil die Grazer Schule „zweimal erfunden wurde“ (Wagner): einmal Ende der 1960er Jahre in den Zeichensälen der damaligen Technischen Hochschule Graz und ein zweites Mal Anfang der 1980er, als der Begriff „umetikettiert“ wurde, zu einer Subsumierung aller bemerkenswerter Architekturen und Architekten aus Graz seit den Sechzigern. Was während aller Interpretationen konstant geblieben ist, ist die Assoziation mit dem „Anderen“, was schon 1967 von Achleitner als wichtigstes Charakteristikum der Grazer Schule genannt wurde.

Die Zeichensäle der TU bzw. TH Graz (einer Schule, „die dafür bekannt war, dass die Studenten besser waren als die Professoren“; Volker Giencke, nicht ganz unernst) werden als Nuklei der Grazer Schule herausgearbeitet, wobei die Wahrnehmung der Autoren stark differiert, was Arbeit und Leben in den Zeichensälen als auch die Rolle der Lehrer anbelangt. Als legendenumrankter und paradigmatischer Ort der Grazer Schule werden die Zeichensäle gleichzeitig als gegenkulturell und elitär geschildert, als ein unreglementierter Freiraum für einen experimentellen Zugang zur Architektur ebenso wie als räumliche Konkretisierung des postfordistischen Arbeitsmodells, die die Studierenden auf das flexible, vernetzte und prekäre Arbeitsleben vorbereiten, das im Neoliberalismus vom Google Campus bis hin zum kleinen Architekturbüro in Graz Realität ist. Oder schlicht als ein Ort, den man „nicht unbedingt seiner eigenen Großmutter präsentieren würde“ (Christoph Wiesmayr).

Ebenfalls eine Brücke in die Gegenwart schlägt Andri Gerber in seinem Text Utopia today?. Er thematisiert die Frage, wieso jetzt – in der weltweiten Krise – keine Utopien auftauchen, wieso wir uns, nicht nur in der Architektur, offenbar in einer utopienlosen Zeit befinden. Dazu kommen auch Protagonisten der ersten Generationen der Grazer Schule zu Wort, jene denen visionäres Denken zu Recht nachgesagt wird: Konrad Frey, dessen provokante Fotocollage für das Grazer Rathaus (1966) auch das Cover des Buches ziert, und der Pionier des partizipativen Bauens, Eilfried Huth. Gemeinsam mit Huth und Domenig studierte in den 1950er Jahren auch Raimund Abraham in Graz, dessen Architekturzeichnungen als „Repräsentationen von Weltveränderungsvisionen“ Ingrid Böck ein Essay widmet und darin das immanente Problem von Utopien anspricht: ihre Realisierung. Als realisiertes Experiment wird das viel beachtete Modell Steiermark beleuchtet, in dessen Wohnbauten sich die Architekten für mehrere Jahre zumindest in Teilen gegen die beharrende Kraft des Institutionellen, im Konkreten der Wohnbaugenossenschaften, durchzusetzen vermochten.

Was schlussendlich von der Grazer Schule bleibt, wird auch im vorliegenden Buch nicht endgültig beantwortet, das lag aber auch sicher nicht in der Absicht der Herausgeber. Es werden allerdings differenzierte Sichtweisen angeregt und neue Schwerpunkte in der Rezeption der Grazer Schule gesetzt. So richten die Autoren – trotz der jüngeren „Blob“-Architekturen in Graz – ihr Hauptaugenmerk auf den Strukturalismus.
Sowohl Tomáš Valena, der sich mit dem Revival strukturalistischer Ansätze in Theorie und (digitaler) Praxis seit den 1990er Jahren beschäftigt, als auch Eugen Gross machen deutlich, dass der Strukturalismus als Stilbegriff, der eine zeitlich definierte Epoche beschreibt, nicht mit dem abstrakten strukturalistischen Denk- und Entwurfsprinzip in der Architektur verwechselt werden darf, das sich eben nicht auf eine bestimmte architektonische Ausdrucksform einengen lässt. Wodurch folglich das methodisch-konzeptionelle strukturale Denken als charakteristisches Gemeinsames der Grazer Schule nicht im Widerspruch zu ihrer formalen Vielfalt stehe, wie Gross betont.

Was bleibt von der 'Grazer Schule'? diskutiert das breite Spektrum der strukturalistischen und utopischen Ansätze und Experimente der Grazer Schule und skizziert ihren internationalen Kontext. Ausgehend von der immer im Raum stehenden Frage, was die Grazer Schule war, entsteht nach und nach eine Ahnung, was von ihr geblieben sein könnte. Und mit ein wenig Optimismus ist das deutlich mehr, als ihr Manfred Wolff-Plottegg in seiner provokanten – und ausgesprochen kurzweiligen – Polemik Die Grazer Schule ist ein Fake zugesteht, die den Schluss- und Kontrapunkt des Buches darstellt. Gezielt trifft er so manchen wunden Punkt und unbestreitbaren Charakterzug der Grazer Schule, nicht zuletzt durch sein (nicht unironisches) Beharren darauf, dabei gewesen zu sein, aber nie dazugehört zu haben. Denn auch das eint das Gros ihrer Vertreter.

Verfasser / in:

Martin Grabner
TU Graz - Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften

Datum:

Wed 06/03/2013

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Kommentare

Sehr guter Artikel -

Sehr guter Artikel - gratuliere!
Für mich bleibt noch oft die Thematik bei dem Wirken der "Grazer Schule" unbehandelt, welche Nachhaltigkeit die sog. "Grazer Schule" auf die nachfolgenden Architektengenerationen und auch Politvertreter und Wohnbaugenossenschaften hatte.
Ob da nicht wirklich zu kurzfristig und "selbstherrlich" agiert und gedacht wurde.

Infobox

Mit freundlicher Genehmigung des jovis-Verlages und der Autoren Anselm Wagner, Konrad Frey und Eugen Gross werden in der GAT-Reihe "sonnTAG" in loser Folge insgesamt drei Essays aus der Publikation "Was bleibt von der Grazer Schule" erscheinen.

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