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Interview
W:A:B _ Gemeinsam statt einsam

BAUGRUPPEN IM SIEDLUNGSVERBAND

Eva Guttmann im Interview mit Schwarz Platzer Architekten

Christoph Platzer und Werner Schwarz betreiben seit 2000 ein gemeinsames Büro in Graz. Einer ihrer Schwerpunkte ist Bauen unter ökologischen und nachhaltigen Aspekten. Bisher haben sie zwei Mal für Baugruppen geplant, wobei in beiden Fällen nicht (mehrgeschossig) in urbanen Situationen gebaut wurde, sondern jeweils verdichtete Einfamilienhaussiedlungen im ländlichen oder peripheren Umfeld entstanden sind.

Welche Gründe sehen Sie für die Bildung von Baugruppen?

Aus unserer Sicht stehen der Wunsch nach sozialer Eingebundenheit, finanzielle Überlegungen aber auch der "Traum" vom Einfamilienhaus an vorderster Stelle bei der Gründung von Baugruppen. Wir haben zwei Baugruppen im ländlichen Umfeld betreut. Da ging es vor allem um die Vorteile einer Siedlungsstruktur, wo die Kinder gemeinsam aufwachsen können, und wo man sich gegenseitig aushilft. Dass man durch gemeinsames Planen und Bauen Geld spart ist ein weiterer wichtiger Grund. Gewisse Ausgaben z.B. für infrastrukturelle Einrichtungen oder auch für die Planung können geteilt werden. So werden die Häuser leistbar bzw. kann das Geld für andere Dinge wie etwa einen Gemeinschaftsraum ausgegeben werden, die der betreffenden Baugruppe wichtig sind.

Die Errichtung von Einfamilienhäusern kann wohl nicht als zeitgemäß betrachtet werden. Hier gab es von Ihrer Seite oder von Seiten Ihrer Baugruppen keine Bedenken?

Man muss unterscheiden zwischen Bauvorhaben am Land und in der Stadt. Natürlich betrachten auch wir das herkömmliche Einfamilienhaus als jene Wohnform mit der geringsten Nachhaltigkeit. Aber in einer verdichteten Siedlungsstruktur mit gemeinsamer Aufschließung, Heizung etc. gibt es durchaus Möglichkeiten, nachhaltig, intelligent und ressourcenschonend zu planen und zu bauen, auch wenn ein Geschosswohnbau unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit vielleicht die bessere Variante wäre.

Was sind diese Möglichkeiten?

Zum einen bestehen hinsichtlich der Materialwahl, der Nutzung von Sonnenenergie, der hochwertigen Dämmung etc. die gleichen Möglichkeiten wie bei jedem anderen Bau. In der Gruppe gibt es aber z.B. großes Potenzial hinsichtlich der Vorfertigung von Bauteilen. Wir haben beide Projekte in Holzbauweise errichtet und vieles konnte seriell im Werk vorgefertigt werden. Bei der Wohnanlage Kalköfen haben wir eine Modulbauweise entwickelt, auf deren Grundlage die individuellen Wünsche umgesetzt wurden. Prinzipiell bauen wir mindestens in Niedrigenergiestandard.

Es gibt auch eine Form der sozialen Nachhaltigkeit ...

Ja, und gerade hier sehen wir einen großen Vorteil des Bauens für Baugruppen. Die Nutzer sind von vornherein bekannt und in den Planungsprozess integriert. Sie wollen gemeinsam leben und haben ähnliche Vorstellungen, wie das funktionieren könnte. Es gibt also ein soziales Netzwerk, das auf gemeinsamen Grundlagen basiert. Damit ist auch die Identifikation mit dem Haus größer als in einem herkömmlichen Geschosswohnbau oder in einem Einfamilienhaus "von der Stange". Die Lösungen sind maßgeschneidert, den Bedürfnissen der BewohnerInnen wird genau entsprochen, die Zufriedenheit ist groß und damit existiert auch eine übergeordnete Art von Nachhaltigkeit. Zugleich ist es extrem wichtig, dass rechtlich klare Verhältnisse herrschen und auch Ausstiegsszenarien existieren, für den Fall, dass jemand abspringen will oder muss.

Ich nehme an, dass Baugruppen-Bauherren sich besonders intensiv mit den Themen Bauen und Wohnen auseinandersetzen und konkrete Vorstellungen sowie hohe Ansprüche haben.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass einerseits ökologische Aspekte, Raumklima und Bauphysik eine große Rolle spielen, andererseits der Wunsch nach Außenbezug und gut und vielfältig gestaltetem Außenraum, der gemeinschaftlich genutzt werden kann und den Kindern als wertvoller Aufenthaltsort zur Verfügung steht. Diesbezüglich sind die Vorstellungen recht konkret und im besten Sinn anspruchsvoll.

Denken Sie, dass Baugruppen-Projekte einen Innovationsschub am Wohnungssektor auslösen?

Projekte wie die Sargfabrik in Wien weisen eindeutig in die Zukunft. Sowohl gestalterisch, als auch unter sozialen, kulturellen und energetischen Gesichtspunkten. Ob und wie weit sich das im Bereich des geförderten Wohnbaus niederschlagen kann ist schwer zu sagen. Derzeit fließt hier sehr viel Geld in die Bauphysik und in die energetische Optimierung. Andere Aspekte, Kleinigkeiten, die das Leben ausmachen, wie ein funktionierender Außenraum oder soziale Vernetzung kommen zu kurz. Wir spüren aber sehr wohl einen Trend zum Bauen in Baugruppen und mittel- oder langfristig wird sich das hoffentlich in irgendeiner Form allgemein auswirken. Wir halten diese Art von nutzerorientierter Planung jedenfalls nicht für ein Randgruppenphänomen.

Um auf Ihre Projekte zurück zu kommen: Ist das Bauen in der Baugruppe finanziell konkurrenzfähig?

Im Vergleich zu "herkömmlichen" Einfamilienhäusern auf jeden Fall. Einerseits durch die Einsparungen, die dadurch möglich sind, dass sich mehrere Bauherren zusammen tun, andererseits – und das betrifft natürlich nicht nur Baugruppen – durch die Einsparungen die sich im Betrieb durch den Niedrigenergiestandard ergeben. Damit sind die Betriebskosten extrem gering und Investitionen in einen niedrigeren Energiebedarf amortisieren sich bald.

Sollte das Baugruppen-Bauen in Siedlungsverbänden aus Ihrer Sicht forciert werden?

Dieses Modell sollte unbedingt forciert werden. Erstens ist es ein Weg, relativ ressourcenschonend zu bauen, ohne die Einfamilienhausidee ganz aufgeben zu müssen. Zweitens entsteht durch die Zusammenarbeit von Bauherren und Planern eine ganz neue Qualität von Architektur – sowohl hinsichtlich des Eingehens auf individuelle Wünsche als auch hinsichtlich einer Aufklärungsarbeit, die von uns Planern geleistet werden kann. Dadurch kann Baukultur einen anderen, besseren Stellenwert bekommen. Drittens weil das Aufbauen eines sozialen Gefüges etwas ist, das oft vernachlässigt wird, jedoch besonders zur Lebensqualität der Menschen beiträgt. Natürlich können solche Unternehmen auch scheitern, aber davon muss man nicht ausgehen.

Eva Guttmann ist Architekturjournalistin und Lektorin. Sie lebt und arbeitet in Graz und Wien.

PROJEKTDATEN:

4 Einfamilienhäuser in der Gruppe Kalkofenweg
Adresse: Kalkofenweg 2,4,6,8, A-8046 Stattegg
Bauherr: Familien Sauer, Münch, Leitner, Trummer
Architekt: Schwarz-Platzer Architekten, Kastellfeldgasse 34/II, A-8010 Graz, www.sp-arch.at
Ausführung: 2006

3 Einfamilienhäuser in der Gruppe Messendorfberg
Adresse: Messendorfberg 17, A-8042 Graz
Bauherr: Platzer, Urlesberger, Schwarz
Architekt: Schwarz-Platzer Architekten, Kastellfeldgasse 34/II, A-8010 Graz, www.sp-arch.at
Statik: Kulmer Holz-Leimbau
Planungsbeginn: 2001
Ausführung: 2002-2003

Verfasser / in:

Eva Guttmann

Datum:

Thu 04/06/2009

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