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Kolumne
Vom Besseren Leben, 03
Moose und Sehnsucht

Der Jahreswechsel. Für viele der Versuch eines Abschlusses und einer Neuordnung gleichermaßen. Der Versuch, Dinge hinter sich zu lassen, sie von nun an anders, besser zu machen. Es ist meist ein Versprechen an und für sich selbst, eines, das in vielen Fällen auch dort endet, trotz der Möglichkeit*en, die ein Versprechen, ein Wunsch stets mit sich führen.

can you decide to be more kind and then learn to be more kind (1), fragt Cody- Rose Clevidence, nicht ohne die Frage nach einer Forderung klingen zu lassen. Eine Forderung, die ich genauso weitergeben wollen würde an all die ständig Ankommenden und Abfahrenden in den Bergen, genauso, wie vielen aus den Regionen selbst, die die Angebote erst ermöglichen. Es ist eine Grundsatzfrage, die den Tourismus generell und speziell in den Alpen betrifft – wie lässt sich ein Bewusstsein schaffen für die Landschaften und die eigenen Handlungen darin, ein Bewusstsein, das sich stark vom gegenwärtigen unterscheidet, indem es nämlich auf Verständnis, auf Vorsicht, auf Sanftheit, auf Neugierde basiert. Kaum eine andere Landschaft ist so stark mit einzigartigen Bildern, Vorstellungen und Empfindungen besetzt wie die Alpen (2), heißt es bereits zu Beginn von Werner Bätzings' Standardwerk Die Alpen. Eine Tatsache, die sich auch an der Entwicklung des (Alpen)Tourismus ablesen lässt. Aus den montes horribiles wird mit dem Aufkommen der Romantik und des Alpinismus im 18. und 19. Jahrhundert eine Sehnsuchtslandschaft, die mehrere Gesellschaftsordnungen überdauert, immer wieder neu besetzt wird, die dabei jedoch nie aufhört, vor allem Sehnsucht zu sein.

Was sich ändert, sind die Wege, um die Sehnsüchte zu erfüllen, die Funktion der Berge und der Landschaften, in die sie eingebettet sind. Mit ihrer touristischen Erschließung werden die Alpen zur Kulisse, zur Staffage, die jeweils immer anders ausgemalt wir. Die postmoderne Freizeitgesellschaft sieht (...) die Alpen nicht mehr nur einfach als Freizeitarena, (...) wie noch die Industriegesellschaft, sondern als spezielles Sportgerät zur Auslösung von körperlichen Erlebnissen, das allerdings immer und überall technisch verbessert werden muss (…) (3) konstatiert Bätzing in seiner kurzen kulturgeschichtlichen Genese der Alpenbilder über den gegenwärtigen Status quo.

Speaking of images – festgehalten werden die Erlebnisse in Bildern auf den Smartphones, Tablets, Devices – instant gratifcation – die Berge gemessen an den Klickzahlen auf Instagram. Seit mehreren Jahren führt der Dachstein diese Liste in Österreich mit großem Abstand vor dem Arlberg und dem Großglockner an (4). Was längst verloren gegangen ist, jedoch so notwendig wäre für ein gesellschaftliches Umdenken, für ein Neudenken, vor allem in den Alpen – ein Ökosystem, das 35 000 Tier- und Pflanzenarten beherbergt und in dem sich der Temperaturanstieg doppelt so schnell vollzieht, wie im globalen Mittel (5) – vor allem im Tourismus, wäre, um an den Anfang zurückzukehren, ein Bewusstsein zu schaffen, ein Bewusstsein für die Landschaft*en und die eigene Rolle darin, für Handlung und Effekt auf Umgebung und Umwelt. Ein Bewusstsein, das auf Verständnis, auf Vorsicht, auf Sanftheit, auf Neugierde basiert. Ein Bewusstsein, das sich am Zerbrechlichsten, Zierlichsten, Zärtlichsten orientiert. I've found mosses to be a vehicle for intimacy with the landscape, like a secret knowledge of the forest (6), schreibt Robin Wall Kimmerer in ihrer Ode an das Moos. Dies als Wunsch.

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1  Cody-Rose Clevidence. Listen My Friend, This Is the Dream I Dreamed Last Night. Brooklyn/NY: The Song Cave 2021, S. 114.
2  Werner Bätzing. Die Alpen. München: C.H. Beck 2015, S. 13.
3  Ebda, S. 19.
https://salzburg.orf.at/stories/3168128/
https://www.nationalgeographic.de/umwelt/2021/09/kippen-die-alpen
6 Robin Wall Kimmerer: Gathering Moss. A Natural and Cultural History of Mosses. Dublin: Penguin Random House Ireland 2003, S. ix.

Verfasser / in:

Christoph Szalay

Datum:

Thu 19/01/2023

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