Transformationen: Vom Heimatschutz zur Baukultur

Vor hundert Jahren wurde der Steirische Heimatschutzverein von prominenten Vertretern des Bürgertums gegründet, um den identitätsgefährdenden Tendenzen einer als bedrohlich empfundenen Moderne entgegenzuwirken. Der Verein Baukultur Steiermark – seit einigen Jahren der Nachfolger des Heimatschutzvereins – nahm das 100-Jahr-Jubiläum zum Anlass, im Rahmen eines von Günter Koberg in Kooperation mit Antje Senarclens de Grancy konzipierten interdisziplinären Symposiums an der Technischen Universität Graz eine historische Spurensuche und zugleich Standortbestimmung für Gegenwart und Zukunft anzustellen. Überfrachtete und historisch bedenkliche Begriffe wie „Heimat“ und „Schutz“ wurden in den Beiträgen der ReferentInnen auf ihre historischen Bedeutungsebenen hin sondiert; parallel dazu sollte der heutige Beitrag von „Baukultur“ zu qualitätvoller Architektur in einer globalisierten Welt diskutiert werden.

Bürgerliche Wurzeln und janusköpfige Moderne
Der Kulturwissenschaftler Bernhard Tschofen (Tübingen) eröffnete die Veranstaltung mit einem Überblick über die sozialen Kontexte am Ursprung der konservativ-konservatorischen Bewegungen in der Zeit um 1900. Die Industrialisierung mit ihren tiefgreifenden sozialen Veränderungen erzeugte im Bürgertum das immer stärkere Bedürfnis nach der Bewahrung einer heilen Welt, die vor dem verderblichen Einfluss der Metropolen (neben moderner Architektur verderbliche Entwicklungen wie Kino, Autoverkehr und offenherzige Damenmode) bewahrt werden sollte. Für die Steiermark skizzierte die Kunsthistorikerin Antje Senarclens de Grancy die Frühzeit des Vereins für Heimatschutz, die zunehmend von deutschnationalen Tendenzen bzw. einer Abwehr des „Slawentums“ geprägt war. Zugleich zeigen sich in der „bodenständigen“ Bauweise in ihrer Einfachheit durchaus auch moderne Elemente, die sich wie bei den Vertretern der Moderne (Loos etc.) der Ablehnung eines die Fassaden überwuchernden Historismus verdanken.

Heimat und Heim als Spiegel der Seele
In der Zwischenkriegszeit war es, so der Grazer Volkskundler Helmut Eberhardt, vor allem Viktor Geramb, der mittels verschiedener Einrichtungen (Volksbildung etc.) eine gesamtgesellschaftliche Durchdringung mit den Ideen des Heimatschutzes anstrebte und dabei auch in das Fahrwasser der „Blut-und-Boden“-NS-Ideologie geriet. Zugleich äußerste sich in den immer fanatischeren Angriffen gegen jede Überfremdung der regionalen Eigenart eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber dem Eindringen der „Moderne“ und ihrer zunehmenden gesellschaftlichen Auswirkungen auch in der Provinz. Über die psychoanalytische Konnotation des Hauses als „Heim“ reflektierte Rainer Danzinger: „Es bietet auf der einen Seite Schutz in Reminiszenz an die Geborgenheit des Mutterleibes, auf der anderen Seite repräsentiert es nach außen hin Status und Macht, bis hin zur faschistischen Architektur mit ihren imperialen Protzbauten.“

Der Blick über die Grenzen
Im zweiten Teil des Symposiums ging es um die vergleichende Betrachtung der verschiedenen Traditionen in Mitteleuropa. Monika Suter referierte über die Neupositionierung des „Vereins für Heimatschutz“ in der Schweiz, der sich von einer rein konservierenden Haltung mit der Zeit der Weiterentwicklung von Architektur im ländlichen Raum gegenüber geöffnet hat und sich etwa auch dem Schutz der früher verpönten 50er-Jahre Bauwerke widmet. Der Publizist und Leiter des Architekturforums Tirol, Arno Ritter, zeigte die Chancen einer breiten Einbindung von engagierten Laien für wertvolle Impulse auf eine lebendige Baukultur, während der deutsche Kunsthistoriker Andreas Ruby den Begriff der „Transformation“ hervorhob, mit dessen Hilfe er der „künstlichen“ Rekonstruktion von historischen Monumenten, wie dem Berliner Stadtschloss, eine strikte Absage erteilt.

Die Zukunft der Baukultur
Die Rolle der „modernen“ Vermittlungsinstitutionen stand im Mittelpunkt des Beitrags von Barbara Feller (Wien), die den Umgang mit Baukultur in einer Kategorie des Alltags, v.a. in der Arbeit mit Jugendlichen, verankern möchte. In der abschließenden Diskussion stand einmal mehr der Begriff einer „qualitätvollen Architektur“ im Zentrum der Betrachtung. Tschofen mahnte die ArchitektInnen in Bezug auf Baukultur „vom normativen Ross herunterzukommen“, um eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen (Sozialwissenschaften, Kulturanthropologie etc.) zu ermöglichen. Ritter bedauerte den allgemein fühlbaren Mangel an einer Kultur der Qualität, „in einer Zeit, in der rechtliche Normen den künstlerischen Anspruch zunehmend verdrängen“. Die große Chance eines lebendigen Umgangs mit dem historischen Erbe, darin waren sich die DiskutantInnen einig, liegt für die Zukunft in einem internationalen Zugang zu den Herausforderungen des Bewahrens und zugleich kreativen Umgang mit dem kulturellen Erbe, wie er in den Grundsätzen der UNESCO niedergelegt ist.

Das Exkursionsprogramm am folgenden Tag führte die TeilnehmerInnen der Tagung zum Erleben von „klassischen“ Beispielen, wie der Grazer Schneiderei Bernschütz, hinaus aufs Land zu gelungenen Beispielen qualitätvoller Lösungen regionaler Architektur in der Südsteiermark, wie dem Naturparkzentrum Grottenhof, dem Kongresszentrum im Schloss Seggauberg und zur Weinidylle Dreisiebner.

Verfasser/in:
Josef Schiffer, Bericht

Datum:

Tue 10/11/2009

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