Tiefenbohrungen zu den Fundamenten der Republik | www.gat.st
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Arbeiterheim, Laxenburgerstraße, Wien-Favoriten von Hubert Gessner, 1902
©: Haller & Haller

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Rezension
Tiefenbohrungen zu den Fundamenten der Republik

Aber wenn auch ob´n schon alles kracht
Herunt´ is was, was mir noch Hoffnung macht.
(Johann Nestroy, Der böse Geist Lumpacivagabundus)

Wien, anno 1901. Ein blutjunger Architekt gewinnt den Wettbewerb für den Bau des Arbeiterheims im Stadtteil Favoriten. In der Jury sitzen sich gegenüber: Otto Wagner und Victor Adler.

Hubert Gessner, der Sieger, ist zu diesem Zeitpunkt erst dreißig (!) Jahre alt. Beim Zeichnen hilft ihm der um neun Jahre jüngere Franz Gessner, der später – wie der ältere Bruder – bei Otto Wagner studieren wird. Bereits ein Jahr später steht das Rote Haus, das neben 40 Kleinwohnungen, Unterrichtsräume, ein Restaurant sowie zwei Veranstaltungssäle beherbergt. Im großen Saal, der mehr als 600 m2 fasst, finden unter einem stützenfreien, feingliedrigen, leicht gewölbten, mit Glaseinsätzen akzentuierten Dach Lesungen, Rezitationen, Vorträge, Kongresse und später auch Filmvorführungen statt. Mit dem Arbeiterheim, dessen Vorbild die drei Jahre zuvor errichtete Maison du Peuple in Brüssel von Victor Horta ist, entsteht ein Ort an dem technische Innovation und soziales Engagement Hand in Hand gehen. Victor Adler soll sich um jedes Detail gekümmert haben, keine Mauer wurde ohne ihn angetragen.
Das weitere Schicksal des Arbeiterheims, das die hiesigen Arbeiter einst mit Hausherrenstolz erfüllte, liest sich, im Zeitraffer abgespielt, exemplarisch. Auf schrittweise Funktionslosigkeit während der siebziger Jahre folgt der rapide Verfall im Laufe der achtziger Jahre, der mit der Zerstörung des großen Saals seinen tragischen Höhepunkt fand. Auch die Initiative "Rettet das Arbeiterheim Favoriten" konnte daran nichts mehr ändern. Zivilgesellschaftliches Engagement für historisch bedeutsame Gebäude wird damals wie heute mancherorts unterlaufen. An aktuellen Beispielen mangelt es bekanntlich nicht! Aber zurück zum Arbeiterheim. In dessen Überresten befand sich zuletzt eine Flüchtlingsunterkunft, die mittlerweile geschlossen wurde.

Der legendäre Bau an der Laxenburgerstraße ist nur eines von neun herausragenden Beispielen, die Otto Kapfinger und Adolph Stiller bei ihren Grabungsarbeiten zu den Fundamenten der Demokratie zutage gefördert haben und die zurzeit im Wiener Ringturm präsentiert werden. Es gehe um die Architektur vor der Architektur, um die Wegbereiter der Republik, so Kapfinger. Also konkret um das, was vor 1918 passiert ist und in Bauten seinen Ausdruck fand. Die Erkenntnis, dass Institutionen wie Büchereien, Bäder, Schulen oder die Großprojekte des Roten Wien nicht kometenhaft gelandet sind, zieht sich wie ein roter Faden durch die neun Stationen. Von großzügigen Modellen bis zu Büchern hinter Glasvitrinen ist alles dabei, was man sich von einer ernsthaften Architekturschau erwartet. Anhand der Leitbauten werden die Themen Sozialer Wandel, Volksbildung, Massenmedien, Kirchliche Reform, Neue Schulen, Sozialer Wohnbau, Theater im Aufbruch, Neue Pädagogik und Badekultur behandelt. Ausgehend davon illustrieren 100 bis in die Gegenwart reichende Beispiele das Weiterbauen an diesen Ideen. Die Rückwand ist formatfüllend mit einer Straßenszene aus der Stadt überzogen, in der all das – innerhalb kürzester Zeit – möglich wurde. Bei ihren Tiefenbohrungen stoßen Kapfinger und Stiller nicht nur auf längst unterspülte und von Setzungen heimgesuchte Fundamente. Fünf der neun ausgewählten Bauten haben es nahezu unbeschadet bis ins 21. Jahrhundert hinübergeschafft. Die Geschichten, die sich hinter den Fassaden verbergen, haben eine bestechende Aktualität. Sie erinnern uns an die eigentlich drängenden Fragen, vor denen wir heute stehen.
Zusammengefasst: In Zeiten von Klimawandel, wachsender Ungleichheit und Fremdenfeindlichkeit, von Entsolidarisierung und De-Demokratisierung und von egozentrisch gesteuerter Ausbeutung aller Ressourcen gehe es, so die Kuratoren, um die Wiedergewinnung von sozialen, ökologischen, gemeinwohl-orientierten und offenen Strukturen auf allen Ebenen.
Ein Besuch der Ausstellung, als Sommerexkursion im Fach Architektur als soziales Gerät, lohnt sich. Auch oder gerade in der prüfungs- und schulfreien Zeit. Fundamente der Demokratie läuft noch bis 14. September 2018.

Literatur

Otto Kapfinger, Hg. Adolph Stiller
Fundamente der Demokratie
Architektur in Österreich - neu gesehen
Architektur im Ringturm LI
Müry Salzmann Verlag
deutsch / englisch
240 S., zahlr. Farb- und SW-Abb.
20,5 x 21,5 cm, franz. Broschur
ISBN 978-3-99014-171-7

Robert Misik
Ein seltsamer Held
Der grandiose, unbekannte Victor Adler
120 Seiten, gebunden
Picus Verlag
ISBN: 978-3-7117-2044-3

Verfasser / in:

Lukas Vejnik

Datum:

Fri 27/07/2018

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Infobox

Tiefenbohrungen zu den Fundamenten der Republik

Lukas Vejnik zur aktuellen und sehenswerten Ausstellung Fundamente der Demokratie von Otto Kapfinger und Adolph Stiller im Wiener Ringturm.

Zu sehen bis 14.09.2018

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