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Everyone´s London 2012
Ein Lokalaugenschein im Lower Lea Valley

von Judith Laister

Von Beijing nach London
London, so hört man nach den Olympischen Spielen in China wiederholt, wird es 2012 schwer haben. Beijing 2008, das war Perfektion pur. Vor allem ästhetisch und architektonisch liegt die Latte hoch. Trotz Diskussionen um Menschenrechtsverletzungen, die zweifelhafte Bedeutung von Masseninszenierungen in totalitären Staaten und die Errichtung monumentaler Repräsentationsbauten durch westliche ArchitektInnen überwog am Ende das Lob. Die entscheidenden Fragen blieben jedoch unbeantwortet: Ob etwa Olympische Spiele tatsächlich als Katalysator für demokratiepolitische Reformen in Diktaturen dienen können und ob Architektur einen symbolischen Beitrag dazu leisten kann - oder ob die Frage nach der ethischen Verantwortung der bauenden Zunft nicht ohnehin die falsche Frage ist - “anmaßend”, wie es etwa Albert Speer formuliert hat.

Wie dem auch sei, als skulpturale Kulisse haben die Bauten in Bejing prächtig funktioniert. Vor allem Herzog & De Meurons “Vogelnest” ist seiner Aufgabe als signifikante, atmosphärische Bildmarke mehr als gerecht geworden. Die Londoner Entwürfe erweisen sich im Vergleich dazu als lau und überzeugen - abgesehen von Zaha Hadids wellenförmigem Aquatics Centre - auch kaum als bildtaugliche Markenzeichen. Wenn nicht noch nachgelegt wird, so schreibt London 2012 zumindest nicht Architekturgeschichte. Die Gestaltung des Olympic Parks “lacks joy and imagination”, so etwa Architekt David Mackay, der unter anderem das Baugeschehen der Olympischen Spiele in Barcelona 1992 mit verantwortet hat. Und Tom Dyckhoff, Architekturkritiker der Times, sieht im Vergleich London 2012 / Beijing 2008 gar einen Indikator für den Niedergang des Westens und den Aufstieg des Ostens. Mit Blick auf Chinas Olympia-Bauten spricht er von pharaonischen Ikonen, streicht jedoch klar die unterschiedlichen Voraussetzungen der beiden Schauplätze hervor: dort, ein Heer billigster Arbeitskräfte, Planwirtschaft und unermesslicher Reichtum, dessen Investition keiner demokratischen Legitimation bedarf. Hier: Leere Kassen und von Beginn an scharfe Beobachter, die soziale und städtebauliche Nachhaltigkeit, detaillierte Budgetpläne und öffentliche Transparenz einfordern.

Ob PR-Propaganda oder nicht: “everyone´s 2012” und “sustainable legacy” sind die beiden meist gebrauchten Schlagworte im Vorfeld der Olympischen Spiele. In der britischen Hauptstadt muss öffentlicher Konsens hart erarbeitet werden. Hier lässt sich nicht einfach repressiv gegen Kritik vorgehen, vielmehr muss permanent verhandelt, öffentlich gerechtfertigt, überzeugt, verführt und geschickt manipuliert werden. Die Public Relations Maschine läuft bereits Jahre vor den Spielen auf Hochtouren, um vor allem die skeptischen Londoner bei Laune zu halten und bereits im Vorfeld “everyone” einzubinden - zumindest symbolisch. Einen ersten Höhepunkt der prä-olympischen Öffentlichkeitsarbeit bildete das Open Weekend Ende September 2008, an dem mit über 500 kulturellen Veranstaltungen in ganz Großbritannien gleichzeitig der Beginn der “Cultural Olympiad” gefeiert wurde. Unter dem Motto “Get involved!” soll die Identifikation mit dem Großereignis während der nächsten vier Jahre landesweit gestärkt werden: “New opportunities are being created to inspire young people and encourage participation from communities across the UK and around the world.” (www.london2012.com/culture). Vor allem in jenen Londoner Bezirken, denen als Austragungsorte der Wettkämpfe großräumige Transformationen bevorstehen, fanden am Open Weekend zahlreiche Festivals, Veranstaltungen und Besichtigungstouren statt. So auch im Gebiet um den River Lea im Osten Londons, das den Großteil der Spiele und Sportler beherbergen wird.

Brache oder Vielfalt?
Hauptschauplatz der Olympischen Spiele ist das “Lower Lea Valley” im Osten Londons. Im April 2007 haben auf einer Fläche von 2.5 Quadratkilometern die Bauarbeiten für den Olympischen Park begonnen. Das bislang vor allem industriell genutzte Areal, das sich über Teile der gerne als “socially deprived” apostrophierten Bezirke Hackney, Newham und Tower Hamlets erstreckt, soll zentrale Veranstaltungsorte wie das Olympische Dorf, die von Zaha Hadid geplante Schwimmhalle, das Olympische Stadium oder das Internationale Medienzentrum beherbergen. Nach dem Großereignis, so das Versprechen von “sustainable legacy”, ist die Transformation des Gebietes in einen riesigen städtischen Grünraum mit öffentlich nutzbaren Sport- und Freizeitangeboten vorgesehen. Aus dem großteils kontaminierten Land im “Wilden Osten” Londons, geprägt von brachliegenden Industriearealen, verlassenen Fabriksgebäuden und dem vernachlässigten River Lea, soll ein blühender, belebter Garten werden. Darüber hinaus erfolgt eine verkehrstechnische Aufwertung der östlichen Stadtteile (Hackney wird bis 2010 als letzter Londoner Bezirk an das öffentliche U-Bahnnetz angeschlossen), und auch in soziale, infrastrukturelle und symbolische Stadterneuerung wird kräftig investiert. Die geplanten Veränderungen betreffen somit nicht nur das eigentliche Olympische Areal, sondern die drei Olympic Boroughs und ihre BewohnerInnen sollen auf verschiedenen Ebenen nachhaltig von den Investitionen profitieren, so das Versprechen. In offiziellen Presseaussendungen ist von bis zu 50.000 neuen Jobs und 40.000 neuen Wohnungen für eine der ärmsten Regionen Großbritanniens die Rede. “It´s an unparalleled opportunity for city-making”, betont Tom Russel, Leiter des Olympic Legacy Directorate. Im dezidierten Einsatz des Großevents als Motor für Stadterneuerung, so Russel, liege auch der Erfolg der Bewerbung Londons für das sportliche Event begründet: “The London Olympics will be spectacular, but the truth is, Paris or any of the other competitors could have done the same. What marked London´s bid out was our notion of a long-term legacy.”

“Urban regeneration” in derartigen Dimensionen ruft stets Kritiker auf den Plan. Seit erfolgreicher Bewerbung und veröffentlichten Planungsvorhaben wurden zahlreiche zivilgesellschaftliche Gruppen aktiv, Bürger-Initiativen gegründet und Protest-Aktionen gestartet. “Debunking Olympics Myths” lautet etwa die Devise von “Games Monitors” (http://www.gamesmonitor.org.uk/), deren Ziel es ist, PR-Märchen und Kehrseiten des Mega-Events publik zu machen. Auch das Planners Network UK (PNUK, www.pnuk.org.uk) versteht sich als kritische Gegenöffentlichkeit, die lokale Anliegen bündeln, vertreten und sichtbar machen will. Prominente ExpertInnen, wie etwa der renommierte Autor und Stadthistoriker Ian Sinclair, erheben ihre Stimmen gegen die Denunzierung des Areals als kontaminierte Brache und die darauf begründete großflächige Erneuerung. Das Lower Lea Valley sei alles andere als verbrannte Erde, vielmehr herrsche soziale, kulturelle, architektonische und ökologische Vielfalt vor, deren Wert in den Augen offizieller Politik, Wirtschaft und Stadtplanung einfach nicht wahrgenommen wurde. So sollen laut Plan über 220 Liegenschaften abgerissen werden, bauhistorisch wertvolle Industriegebäude müssen ebenso weichen wie zahlreiche KünstlerInnen und Squatter, die diese zu Atelier- und Wohnräumen umfunktioniert hatten. Über 1000 Menschen mussten ihre Häuser räumen, seit langem angesiedelte Zigeuner-Camps wurden ausgelagert und ökologische Biotope zerstört. Vor allem die Schleifung einer traditionsreichen, soziokulturell wie mikro-architektonisch einzigartigen Kleingartenanlage (Manor Allotments, vgl. http://www.lifeisland.org) war begleitet von londonweiten Protestaktionen. Doch was die einen als lebenswerte Nische und kaum regulierten Rückzugsort in der großstädtischen Ordnung schätzten oder nutzten, war den anderen nicht weiter schützenswert. So schreiten die Bauarbeiten im Lower Lea Valley mittlerweile ungehindert voran, umgrenzt und gesichert vom berühmtesten Bauzaun Großbritanniens: “The blue fence”.

Klare Grenzen: Blauer Zaun und Blick-Kontrollen
Wie diffizil die offizielle PR-, Design- und Imagepolitik rund um den künftigen Olympic Park angelegt ist und wie streng die Vorgänge um das Areal kontrolliert werden, lässt sich vor Ort eindrucksvoll erfahren. Seit Sommer 2007 ist das gesamte Areal von einem knapp 18 Kilometer langen, drei Meter hohen blauen, blickdichten Bretterzaun umgeben, der bereits weit über London hinaus als “The blue fence” Berühmtheit erlangt hat. Laut Presseinformation der Olympic Delivery Authority (ODA) wurde er errichtet “for health and safety reasons, primarily ... With demolition work on the Olympic Park acceleration it is essential we install hoardings around the site to protect the safety of local residents and our workforce.” Darüber hinaus wird die Oberfläche teils als offizielle Informations- und Werbefläche verwendet, mit den Logos der Hauptsponsoren versehen oder für PR-Bilder gezielt in Szene gesetzt. Neben diesen offiziellen Funktionen bietet sich “the blue fence” als ideale Projektionsfläche für individuelle Imaginationen an. Diese reichen von Interpretationen des Zauns als Zeichen für die mehr trennende als verbindende Wirkung der Olympischen Spiele, bis hin zu angriffigen Graffiti-Botschaften wie “Fuck the Olympics” oder anitkapitalistischen Parolen wie “Fact: This wall costs 450 thousands pounds to build” oder “Needless consumption causes climate changes”.

Doch man braucht viel Glück, um solch anonyme Markierungen zu entdecken, denn der Zaun wird unablässig von Arbeitern gestrichen, die eigens dafür angestellt sind, das Blau der Mauer - und somit auch das Image des Mega-Events - strahlend sauber zu halten. Zudem patrollieren private Sicherheitsdienste, die regelwidriges Verhalten verhindern sollen, wobei auch das Fotografieren von Mauer und Baustelle als verdächtig angesehen und mitunter verboten wird. Wer und was immer suspekt erscheint, muss an der blauen Grenze zum Olympischen Sperrgebiet damit rechnen, von Polizei oder Security aufgehalten und durchsucht zu werden. Trotz dieser erhöhten Sicherheitskontrollen ist der blaue Zaun magnetischer Anziehungspunkt nicht nur für neugierige BaustellentouristInnen, sondern auch für FotografInnen, KünstlerInnen, ArchitektInnen und AktivistInnen, denen die ostentative Grenz- und Kontrollzone als Herausforderung für stadträumliche Interventionen erscheint. Wohl ungewollt provoziert die designte Sicherheitsarchitektur, hinter der das technische Spektakel gigantischer Erd- und Baubewegungen stattfindet, illegale Raum-Aktionen, subversive Eingriffe oder ironische Statements. So hat etwa ein ortskundiges ArchitektInnenkollektiv in einer Nacht- und Nebelaktion eine illegale Aussichtsplattform vor dem blauen Zaun installiert, das bereits wenige Stunden später von eifrigen Ordnungshütern wieder entfernt wurde. Und der Kanadische Architekt Jean-Francois Prost machte mit seinem Projekt “Adaptive Actions” am blauen Zaun im Londoner Osten Station. In öffentlichen Workshops, Perimeter-Walks und durch subtile Interventionen vor Ort testete und verhandelte er verbliebene Spielräume am streng überwachten Olympia-Park. Bis heute trifft man vereinzelt auf Spuren seiner “space-activating micro acts”: blau bemalte Plastiksessel, Schaukelpferde oder Schirlingspalmen, die als “tiny revolutions” poetisch auf die rigorose Sicherheitsarchitektur reagieren.

Fotos: wenn nicht anders angegeben, von Judith Laister und Jean-François Prost

Fortsetzung nächste Woche:
Blue Fence Actions. Tiny Revolutions am berühmtesten Bauzaun Londons

Judith Laister, Kulturanthropologin und Kunsthistorikerin, lehrt und forscht an der TU Graz und an der Uni Graz; Visiting Research Fellow am Goldsmiths College, London; Forschungsprojekt zum Thema Kunst und Stadtentwicklung; kontinuierliche Feldforschungen in Hackney.

Verfasser/in:
Judith Laister

Datum:

Sun 26/10/2008
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