sonnTAG 199

ENTWÜRFE ZU EINEM ORT DER ERINNERUNG AN KARDINAL KÖNIG IN DER BASILIKA VON MARIAZELL IM JUBILÄUMSJAHR 2007

VON PETER HELLWEGER

kollege wolfgang feyferlik hatte mich gebeten, einen versuch zu machen. es hatte schon was. keine gemeinschaftsarbeit, wo einer dem anderen was aufpfropft. wie gut SIE werden kann, haben zum beispiel günter brus und arnulf rainer für die malerei im aufgriff einer älteren tradition der werke bewiesen mit der bilderreihe "vertiefung und bewölkung" (ritter verlag, klagenfurt, 1986). soweit ist ein zusammenklang in unserer kunst nicht. und beides noch entwicklungsbedürftig, weil entwicklungsfähig.

wenigen persönlichen dingen des kardinals und seinen Ideen einer(!) kirche einen würdigen rahmen zu geben, lautete die aufgabe. nach den ersten skizzen kam mir wieder otto niedermosers aufsatz über oskar strnads entwürfe von 1915 "soldatengräber und kriegsdenkmale" in die hände. ohne zögern muss der leser, der für einen unvergleichlichen gegenstand denkt, alles was sich auf den anlass des krieges bezieht beiseite tun, ihm bleibt nur das bedenken niedermosers um die stichworte "grabmal" und "denkmal" herum gemeinte, und welche er zu beleben weiß durch betonung ihrer je anderen stiftung-: verstorbene und geopferte; BEFOHLEN ZU LEBEN; BEFOHLEN ZU STERBEN. ist die kriegsherrliche entscheidung eine probe des letzten gerichts? identität von befehl und idee ist das das ziel? dagegen denkt das kritische denken an. abschweifung, weitschweifiges, rhetorisches schmücken von ideen finden sich bei
niedermoser nicht. dagegen die unpathetischen sätze: "grabmale sollen HINUNTER WIRKEN ... zur erde; mit der erde verbunde; das vergehen ". und "denkmale sollen hinaufwirken... ;

hochstrebend, befreiend, zum himmel ragend. grabmale sind erinnerungen an menschen, denkmale erinnerungen an ideen". das ist der kern des aufsatzes, den wir beachten mögen.

was ist der ort der erinnerung?
kein grabmal - der kardinal ist woanders bestattet worden- wiewohl an den menschen erinnernd, wenn persönliche dinge gezeigt werden. kein denkmal - der kardinal war schlicht gesagt ein mann des glaubens und nicht künstler, wissenschafter, politiker oder was - wie wohl an ideen erinnernd träger er war. zeugnisse der ideen sind auch die authentischen dinge und als solche müssen sie unpersönliche sein bzw. werden. es geht um ein anderes, das seine wurzeln in grabmal und denkmal hat, aber auf verschlungene weise:

im ort der basilika erinnert es an den menschen, der hier nicht ruht, aber dessen anwesenheit seine habseligkeiten repräsentieren. es erinnert an Ideen, die nicht mehr ihm eigen sind - Ideen wollen angenommen werden und sind daher nicht zum eigentum bestimmt - ,deren anwesenheit durch seine abwesenheit jedoch noch befördert wird und wofür die zu symbolen gewordenen habseligkeiten einstehen. merkwürdig: was zu fassen ist, ist ein erinnerliches, das im austausch bestand hat, was erinnerlich ist, ist ein tauschbares. es entgleitet uns, trotzdem ist es im ort der kirche ein ort des repräsentierens (stellvertretens) und wo die orte als stellvertretende einander spiegeln, inniger als eine ineinanderschachtelung in der art der russischen puppen: sodass die innerste, die kleinste von ihnen nicht geringer, entfernter erscheint. ideen des glaubens, dinge die ihn symbolisieren, kennen keine grenzen. verführerischer einfall kam: gespiegelte spiegel spiegeln nicht bloß die dinge, sondern zeigen dem betrachter ein bis ins unendliche vervielfachtes spiegelbild. der vorgang der spiegelung ist es, der zeichen setzt: die brückenfunktion und das entgrenzende an ihr - gemäß dem wunsche des kardinals, er wolle von wien aus eine brücke nach dem osten bauen. der betrachtende sieht sich im spiegel in der bildmitte, d. h. jeder ist aufgefordert, die idee der brückenfunktion zu übernehmen. von der bildmitte strahlen nach links und rechts die spiegelreihen der symbole aus.

auch hilft es, an heideggers brückenerklärung in manier der ontologie zu erinnern (im aufsatz "bauen und wohnen"?). in diesen orten, der kirche, der erinnerungen, kann jedes Bild, jedes wort bedeuten. wieweit können sie einander fördern, so, dass das eine dem anderen nicht zum hindernis wird dem künstler im ausdenken des werks? womit er das erreicht ist nachrangig. das spiegelkabinett kann nobilitiert werden. die reinheit des spiegels immer schon eine reinheit in der form des "nicht selbst", schon lange im brauch bei dingen des kults. oder anderes: initialen, wortabkürzungen. kardinal königs KK kommt leider einem entwerteten staatsattribut gleich - nur hat das K seit karl dem großen in der hierarchie der heiligen und kirchlichen würdenträger besondere tradition. es gab schon viele große K. es ist daher kardinal königs doppeltem K' geziemend, es zu verwenden. aber nicht als attribut einer form. das K und sein gespiegeltes machen sich bemerkbar als gestufte rahmung, die die glasspiegel der vitrinen einfasst. in der variante 4a sieht man es deutlich, weil nicht eingemauert oder umbaut. die stufenkonstruktion ist wie im schnitt sichtbar, sie verengt sich wie ein K zum spiegelglas der vitrine. dieses bild bewahrt im christologischen sinn einen besonderen inhalt, den die ostkirche pflegt: den des weges, der zum himmel aufsteigenden seelen und den der vom himmel absteigenden engel, aktives und passives retten sinnbildlich. mit dem durchdenken des stoffs entwickelten sich die entwürfe. niedermosers aufsatz hat geholfen , die auswahl unter den varianten für mich zu entscheiden. immer verbietet sich die ahnung, oder gar annäherung eines "gestells" (fluch der modernen architektur; vor allem heideggers warnung). durch einnischen in die stärke der außenwand wäre die nähe zum grabmal gegeben (es gibt wandgräber - niedermosers wort "zur erde" ist spürbar), die freie aufstellung eines denkmals läge der absicht näher ("befreiend"). nur, dass das "hochstrebend", "in den himmel ragend", in einer seitenkapelle der basilika schwer möglich wäre. daher umzuleiten, umzulenken ins horizontale: die aufmerksamkeit gerichtet auf den erdkreis (orbis) und ohne grenzen... die brückenfunktion bedenkend. die freie, etwas zum wandeck geschobene variante 4a hätte die größten vorzüge. die ausführung wäre in metall und glas. die variante 4b firmiert den "schrein", ein betretbares 3 seiten auf mächtigen stützenfüßen und mit schwebedeckel, dem kubus angenähert. wie eine altehrwürdige form, auch ohne sockel monumental genug - bei sonst bescheidenen ausmaßen- um nicht als schatzkiste oder als bloßes traggestell zu gelten. die ausführung wäre in holz und glas.

alle vorschläge sollten farbig sein. eine künstlerisch fein abgewogene farbgestaltung von teilen der wände in der ecke der seitenkapelle würde unterstützend wirken. die wand könnte harmonisch einen größeren gemalten schriftzug aufnehmen.

meine absicht ist es, keine fotos beizugeben. diese kleinen, schlecht lesbaren "hundemarken" dienen nicht einmal einem wiedererkennen und sind unnütze platzvernichter. jeder soll sich am text ein bild machen können - wertvoll ist die textanregung, nicht das vollfressen mit bildern. wenn´s auch bessere als hundemarken wären. wirklich interessant wäre ein vergleich von einfällen, wenn das möglich wäre. die gehassten computerprofessoren haben seitenweise internationale publikationen unter ihrer redaktion, wo sie dem publikum so mathematische und computerknobeleien vorlegen. die ganze welt trainiert hier mit. denen geht´s nur um gehirnschmalzsport, preise gibt´s, wenn überhaupt, nur ganz kleine. dagegen unsere eifersüchtig bewahrten lächerlichkeiten, nicht selten woanders schlecht abgeguckt - nicht beim orginal (das wäre zu schwierig oder zu verräterisch) , sondern in journalen, bei jenen die das orginal auch schon missbraucht haben. rüber, unsere wiener feuilletonisten sorgen schon dafür , dass diese speziellen, verborgenen myzele der kulturgesellschaft erhalten bleiben, damit diese vergiftende faulfrüchte als delikatesse genießt.

ich meine damit, dass das bild des stadiums der spätmoderne schon länger nicht mehr endemisch sondern epidemisch eingeschätzt werden muss. dazu ein hinweis auf einen bekannten "zoologischen" film aus der NW kalahari : das reifen von unmengen von süßen feigenbaumfrüchten einer art, und in einem augenblick, lockt alle tiere an, die sich, hungrig und durstig, gierig damit vollfressen. einmal vereinnahmt, beginnen die früchte augenblicklich im tierleib zu gären. es ist klar: was da kreucht und fleucht, ob elefant, affe, oder storch, ist schwer betrunken, knickt ein oder wälzt sich, nur die affen halten sich vor grausen den schädel. die zoologische gemeinschaft unter der fuchtel eines verhängnisvollen interesses. unsere bäume wachsen wann wir wollen. wer rettet uns? eine diät, gut. aber was stopfen wir nach? wir müssen essen.

PETER HELLWEGER, D.I. architekt. 8010 graz, parkstraße 17
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Verfasser/in:
Peter Hellweger

Datum:

Sun 04/11/2007

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