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"Zur Eröffnung des Kunsthauses in Graz" - von Peter Hellweger / Teil 1

Zur Eröffnung des Kunsthauses in Graz

Zweifellos gibt es was zu sehen.

Noch sind Forschungen im Gange, die nachzutragen haben wie geistvoll diese Architektur erarbeitet ist – bestürzend ist sie ja – man lasse erste Wahrnehmungen gelten, eine wahrgenommene Architektur.

Ein ziemlich normaler Stützen und Plattenbau über mehrere Geschosse mit Kernen für Lifte und Stiegen in Stahlbeton und einer ungewöhnlichen äußeren Hüllenform. Diese ohne Rücksicht auf jene Gestaltungsregeln, die seit der Baumoderne zwingend sind: die Gliederung in Flachdach, vorgehängte Fassade usw.

Bestimmt Konservativ ist der Umgang mit dem Funktionsprogramm, der Nucleus modernen Bauens.

Um1964 arbeiten die Architekten 4 + P in Düsseldorf an einem Entwurf eines Großraumbüros. Die Größe und die Dichte des Verkehrs unter den Büros zwingen an Rolltreppen zu denken, die sind Liften weit überlegen. Das Verbindende der Funktionen A und A´ ( im Funktionsprogramm gewöhnlich durch eine Linie dargestellt) wird als A-A´ zugeordnetes festgehalten und durch eine Maschine besetzt.

Anders denkt Architekt Shi Takamatsu (Japan). Um1990 verwirklicht er die Kunibiki – Messe (das Industriezentrum der Provinzen Shimane). Er hat für einen Modernen den eigenartigen Einfall, alle Linien, die die A und A ´verbinden, hierarchisch und nach einem genau vorgegebenen Funktionsprogramm, all diese Linienbündel sich ausdehnen, anschwellen zu sehen; sie selbst Raum werden zu sehen, den Funktionen A und A´ gleich gehalten ; wie diese “Randzone des Programms “ dies “nicht programmierte Territorium “ , dieser “unbestimmte Raum “ die Funktionen A und A´ verschluckt. Randzone in einer Architektur wird wichtig, die “Randzone “ also fördern.

Die Baumoderne will das nicht.

Mies Van der Rohes Architekturauffassung kennt die Störung im Sprachspiel „Funktionsprogramm„ nicht, er entzieht sich ihm, wiewohl bejahend: auf die Frage, wie nun Funktionsprogramm und Architektur in Deckung zu bringen wären, weiß er wie: machen Sie das Ganze nur größer, der Nutzer wird sich darauf schon einzurichten wissen.

Shin Takamatsu denkt nicht “größer“ “Leistungsbezogenes Programm“ worin Linien Bündelung motorische Verbinder bedeutet – er denkt wechselbezogen paradox: die eine Seite ist das Unbestimmte , außerhalb des Programms, das Form werden will, das Bestimmte kontrolliert. Inzwischen arbeitete Takamatsu an einem Städtebauauftrag: ein Entwurf ohne Programm.....

Kunsthaus denkt Rollrampen zwischen A und A´ .

Das Sprachspiel “Funktionsprogramm“ der Baumoderne hat keine Kritik. Motore wie Rollrampen gehören heute zu einer Auffassung von Ausstellung von Kunst – man denke an die neue Albertina. Im Grazer Kunsthaus stehen sie frei mitten im Saal. Sie zeigen sich, das Befördern und das Beförderte. Sie tun es in Masse und rasch.

Das Rollband der Industrie wird Ausstellungs- Theater.

Das Funktionelle muss Stil werden: der Geschwindigkeit.
Anders die am Saalrand gelegenen Stiegentürme: den Saal langsam entleerend, Verschwinden ermöglichen, das Weggehen verbergen. Wir bemerken eine Unsymmetrie in Geschwindigkeitsakten durch die und der Architektur.

Nicht so in Theater und Opernhäusern, ihre Stiegen zeigen Symmetrie der Akte. Geschwindigkeitsakte sind unerwünscht. Zugegeben, Geschwindigkeitsakte, Geschwindigkeitssymbole durchziehen die moderne und ihre Kunst. Aber was Rahmen zu ihr, wie Ausstellungsinteressen, hat sich emanzipiert, sie dominieren. Sie sind Programm: anstrengungsloses Fördern von Publikum, das sich gratuliert eingetreten zu sein, sich in der Spiegelung feiert sich zur Kunstbeschau zu erheben einerseits – zögerliches, verborgenes Weggehen andererseits. Steht hier die rasche Erfüllung einer Gier, der Neugier, dem sich verlierenddem Interesse gegenüber?

Neben Neugier auf Kunst gibt es eine auf sich selbst (das Kunstpublikum) gerichtete und eine aufs Haus auch noch. Versagt erstere, erschöpfen sich schnell die letzteren. Diese Möglichkeit heischt nach Umkehrung im Programm: motorische Abförderung durch Rampen....?

Nun, eine Hausarchitektur, denn wir sprechen vom Gestalten, kann mehr als Neugierde produzieren und schwindendes Interesse wird durch die Permanenz des Hauses bekämpft. Das nicht mehr bemerken desselben ist nicht Resignation negativ besetztes Wahrnehmungsprodukt; die Dauer eines Nicht- Verhältnisses bedeutet keine Auslöschung, sondern das Einrichten einer neuen, weil gestörten, Ordnung; Moderne Architektur, dieses Haus besonders setzt sich immer als “autonome“. Sie sieht ihr Risiko und wendet sich an ein alles umfassendes Phänomen: das riesenhafte Heraufkommen der Geschwindigkeit. In diesem glaubt sie ihr Wahrsein gefunden zu haben und zu finden.

An ihm hat sie ihre Ideen. Sie beantwortet in der Beachtung von Akten, zeichenhafter Umsetzungen und in Symbolen. Einen Wiederstand münzt sie um in Fernbleiben und verwirft ihn ins nicht Zeitgemäße, das vergeblich anzeigend. Die Bearbeitung des Phänomens durch Kunst und Architektur ( und ihre Verallgemeinerung, dem Städtebau) im Kopf stellte noch immer “Ideen“ an die Spitze einer Hierarchie von Verhältnissen im Bauen, d.i. im Entwerfen von Baugebilden (nur im engeren, im konstruktiven Sinn sprechen wir vom Verhältnis von Geometrie, Statik und Technik, dass 3- Bein der Baumoderne, umschwärmt von weniger wissenschaftlichen Sprachspielen wie dem “Funktionsprogramm“.)

Die Baumoderne hat darin eine Mehrzahl. Hier ist nur von denen zu sprechen, die für das Gebilde Kunsthaus denkbar sind. Das Ziel aller ist es, das Einrichten einer neuen Ordnung herzustellen, zu beschleunigen unter Anerkenntnis eines weltweiten Phänomens unter seinem Druck. Aber Scheitern oder Gelingen bleibt offen.

Welche Ideen sind denkbar ?

...wird fortgesetzt

(Kunsthaus Graz / Teil 1

P.Hellweger / 8010 Graz / Parkstrasse 17 / 0316/679440)
Transkription DM

Datum:

Sun 30/11/2003

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