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Der Spaziergänger
©: Emil Gruber

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Glosse
Sommerreprise. Der Spaziergänger. Be wie bereit

Der Spaziergänger braucht im Februar den Norden. Wenn es düster und trüb ist und er sein Antlitz in Regenpfützen spiegeln sieht, dann wird es warm um Seele und Lebendigkeit kriecht in die Haut. Ja liebe erlesene Mitleser, von Filmen, der Stadt und ihren Objekten erzählt dieser Blog gerne. Diesmal wieder offenherzig vom zweitbesten Lieblingsort Berlin. Wir werden also ins Kino gehen, uns neuer Architektur zuwenden, durch die Straßen promenieren und Augenfälliges in die Bildermacherapparatur eindringen lassen. Freut euch darüber und teilt diese Freude mit mir oder sagt mir das Gegenteil ohne Scheu. Wir werden verlässich vom Weg abkommen und uns gezielt verirren und verlaufen.
Den cineastischen Anfang wird am Freitag ein aufwändig restaurierter Filmklassiker machen. Das Wachsfigurenkabinett von Paul Leni aus 1924, mit Musikbegleitung durch das Ensemble Musikfabrik im Friedrichstadt-Palast, besser kann Schauen nicht ausschauen und Hören sich nicht anhören. Zuvor aber werden wir uns am selben Tag in der Kinemathek umschauen und lauschen, was die Restaurateurin Julia Wallmüller so alles zur Wiederbelebung von altem Zelluloid-Gut zu sagen hat.
Weitere Filme werden in den nächsten Tagen schon fix auf Sehstärketest geprüft. Der geschätzte Lars Eidinger wird in Persian Lessions zu sehen sein, kontrapunktorisch konfrontieren wir uns danach mit Frauenarbeit am Fließband der Autoindustrie. Und ja, sitzen wir nicht im Kino, gibt es viel frische Architektur von Museumsinsel bis Bundesnachrichtendienst.
Fad ist anders.

+1 – Alles Mies
Mies ist das Wetter in Berlin. Mies ist auch der erste Beitrag aus Berlin 2020. 1968 wurde ein flacher Vierkanter von van der Rohe eröffnet. Die Neue Nationalgalerie gilt im Umfeld von Kulturforum, Philharmonie und Staatsbibliothek als fesche Lola der klassischen Moderne. Nach fast einem halben Jahrhundert in die Jahre gekommen, wird seit 2015 der Bau saniert. Über hundert Millionen Euro stellte der Bund Chipperfield Architects dafür zur Verfügung. 2021 soll die Nationalgalerie wieder eröffnen. Aber „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn der böse Nachbar nicht gefällt“, um ein wenig frei Schillers Zeilen aus Wilhelm Tell umzumodeln. Auf einer freien Brache in unmittelbarer Nähe ist ein Neubau geplant, der unterirdisch mit der Nationalgalerie verbunden ist. Die Kunst des 20. Jahrhunderts braucht Raum. Neben den Beständen warten schon länger im Standby-Modus Schenkungen der Kunstsammler Heiner und Ulla Pietzsch, Erich Marx und Egidio Marzona auf ein repräsentatives Ambiente. Es gab im ersten Durchgang 600 eingereichte Vorschläge. Zehn Entwürfe davon kamen ins Finale. Den eigentlichen Wettbewerb gewannen Herzog & de Meuron mit einer ausladenden Satteldach-Halle. Sie stößt natürlich auf Kritik. Keine Einbindung der Umgebung, lauten die Argumente. Sie nimmt der Nationalgalerie jede Freiheit, sagen die einen. Besser irgendein Bau für die Kunst als gar keiner, meinen die anderen. „Ich weiß, ich werde ein neues Museum nicht mehr erleben“, gibt sich einer der Gönner, der mittlerweile 89-jährige im Kunststoffgeschäft reich gewordene Kunstsammler Heiner Pietzsch recht gelassen. Der Berliner muss raunzen, sonst geht es ihm nicht gut.

+2 – As-best as it is
Er war Bestandteil von Zahnpasten. Eingepuderte Babys trugen etwas davon auf der Haut. Das unvergängliche Element war beliebt in der Mitte des 20. Jahrhunderts.  Es dämmte, schützte vor Feuer oder polierte. Asbest, das „unvergängliche“ Element, erlebte eine kurze Euphorie ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Auch der Bierpinsel in Berlin-Steglitz soll gut damit gefüllt sein.1976 setzten das Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte ein brutalistisches Objekt als Stadtautobahnteiler in den Berliner Randbezirk. Das Architektenpaar konnte private Investoren überzeugen, das Monster zu finanzieren. Die Idee, damit an einem Verkehrsknoten in Steglitz weiterbauen zu können, blieb in Entwürfen stecken. Mit dem Gewinn des Wettbewerbs für das Internationale Kongresszentrum in Berlin Westend konnte sich das Architektenpaar an einem anderen Ort weiter verwirklichen. Der Bierpinsel erhielt wegen seiner Form und der gastronomischen Bespielung bald von der Bevölkerung seinen markanten Namen. Trotz – oder vielleicht auch wegen – der spektakulären Erscheinungsform kam der Bierpinselökonomisch nie in der realen Welt an. Nach mehreren Wirtspleiten und jahrelangen Leerständen scheiterte auch der Versuch der privaten Eigentümer,  das Objekt international zu verkaufen. Heute gibt es für den Bau gelegentlich Nebenjobs als Filmkulisse. Ganzjährig hat dafür die Graffiti-Szene Berlins mit Sprühdosen und Schablonen den Bierpinsel im Visier.

+3 – Dunkle Zeiten
Bedingt konnte sich der Spaziergänger heute der Architektur hingeben. Es waren zwei Filme, die ihn heute nur fragmentarisch ins Freie ließen. Persian Lesson hatte seine Weltpremiere im Berlinale-Palast. Ein Film, der den Holocaust wieder zum Thema hatte. Nach Hanau ist „wieder“ die einzig richtige Richtung: Erzählungen über unsere dunkelste Geschichte, egal ob in den Augen der Kritik gelungen oder gescheitert, haben wieder und wieder stattzufinden, dürfen nie enden. Der Film hat den Spaziergänger tief berührt. Er oszilliert zwischen Grausamkeit und grimmigem Humor und umschifft viele Klischees und Lars Eidinger und Nahuel Pérez Biscayart bewegen mit ihrem intensiven Spiel. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt der Film, wie die Erfindung einer Sprache ein Leben rettet. Nein, mehr Spoiler gibt es nicht. Hingehen und Anschauen.
Auch Öconomia am späten Abend überzeugte. Carmen Losmann stellte in ihrem Dokumentarfilm diverser Finanzprominenz simple Fragen zu Wirtschaftskreislauf, Wachstum, Gewinn und Verlust. Je einfacher die Fragen, desto ratloser die Gesichter der Macht. Wir werden von Menschen gelenkt, die selbst nicht wissen, wohin der Kurs geht, obwohl sie die Hand am Ruder haben. Wenn wir alle den Kopf permanent in den Sand stecken, beißt uns die nächste Krise nur den Arsch weg. Das beruhigt und wir können den nächsten Kredit für den SUV aufnehmen. Aber Achtung PS-Baby! Die Friedrichstraße soll 2020 im Rahmen eines Verkehrsversuchs für voraussichtlich drei Monate autofrei werden. Die Luftgüte sei da mies; die Straße nicht breit genug für motorisierten Verkehr; für Touristen ist es keine entspannte Flaniermeile; Geschäfte beginnen nach und nach leer zu stehen. Ja der Bezirksbürgermeister selbst fühlt sich nicht wohl auf dieser Straße. Ab Juni 2020 möchte er nun das Herzstück von Berlin-Mitte besenrein für den Spaziergänger und seinesgleichen machen. Das ist ein Service. Einstweilen behilft sich der Spaziergänger mit Routen entlang der Spree – heute standesgemäß wieder im Regen.

+4 – Anschlussfehler
Charlize Theron und Jennifer Lawrence haben hier gedreht. Für Special Effects Orgien wie The Bourne Supremacy oder Captain America: Civil War gab sie eine gute Grundkulisse ab: Die ehemalige U-Bahn-Station Messe-Nord. An den Dreharbeiten zum patriotischen Amerika Kapitän hat übrigens der Spaziergänger auch partizipiert. Ein befreundeter Ausstatter aus Babelsberg rief eines Sonntag morgens hilfesuchend den Spaziergänger an, der gerade im niederösterreichischen Outback weilte. Man brauche für eine Szene, die in einem Wiener Kaffeehaus spiele, originale österreichische Zeitungen. Wenn möglich binnen 48 Stunden, weil schon zwei Tage später der Dreh sei. Sonntag 11 Uhr am Land bedeutet: weit verteilte Zeitungsständer mit maximal 2-3 Zeitungen in der Tasche und viele Taschen natürlich schon leer. Es begann eine einstündige Kreuz- und Querfahrt durch Mikro-Orte im nordöstlichsten Zipfel von Österreich, bis die gewünschte Zahl – rund 30 Sonntagszeitungen, im gemischten Satz von Krone/Kurier/Österreich – zusammen kamen. Ob der Spaziergänger genügend Kleingeld für die Selbstbedienungsständer hatte, bleibt unbeantwortet. Mit Overnight-Express jedenfalls gingen die Zeitungen nach Berlin, kamen rechtzeitig an, um am Set platziert werden zu können. Die gedrehte Szene fiel später dem Schnitt zum Opfer. Heute ist die U-Bahn-Station geschlossen und gibt Obdachlosen vorübergehend ein trockenes Quartier. Auch der dazugehörige Bau an der Oberfläche – das ICC, das Internationale Kongress Centrum Berlin, 1979 nach Plänen von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte eröffnet – siehe auch Blog Bier-Pinsel – steht seit 2014 leer. Von 2015 bis 2017 waren hier Flüchtlinge einquartiert. Mittlerweile steht das Objekt unter Denkmalschutz. (Adresse: Messedamm 22, 14057 Berlin, Charlottenburg-Wilmersdorf)

+5 – Ein Saurier und andere kleine Fische
Das Ying und Yang in der Tageszeitungswelt lautet seit Jahren: BILD versus taz. Der gegentaktige Anti-Paarlauf ließ die beiden ziemlich besten Gegner auch fast gleichzeitig zum Häuslbauer werden. Der Springer Verlag hat genügend Mittel, um eine Festung der gedruckten Volks-Motipulation zu errichten. („Man muss die Menschen im richtigen Verhältnis moti- und manipulieren zugleich, dann stimmt das Ergebnis“, flüsterte dem Spaziergänger einst der Generaldirektor eines internationalen Konzerns ins Ort – zu einer Zeit als der Turbokapitalismus noch mit dem Moped unterwegs war).
Deutlich schwerer hatte es die taz, statt weiterhin Miete in beengten Redaktionsräumen in der Rudi-Dutschke-Straße zu bezahlen, Eigentum ein paar Blocks weiter in der Friedrichstraße zu finanzieren. Aber das Vorhaben gelang. Neben Erspartem und Bankfinanziertem trugen Unterstützer, die taz-Genossenschaft, mit knapp 7 Millionen Euro über ein Drittel zu Grundstückskauf und Redaktionsneubau unweit des Mehringparks bei. Mehr als 300 Architekturbüros weltweit wollten das neue taz-Bürohaus planen. E2A architects aus Zürich gewannen am Ende mit einem Entwurf aus Stahlbetonkern, umrahmt von einer Glasfassade und beschützt von einer Gitterstruktur. Die Umgebung, die gerade einer starken Gentrifizierung ausgesetzt ist, erhält somit nicht nur Investitionsobjekte aus der Immo-Bad-Guy-Geldvermehrungs-Maschine. Seit 2019 ist das Haus nun in Betrieb. In der Polierphase befindet sich der neue Architektur-Tanker des Springer Konzerns. 13 Geschoße mit über 50.000 m2 Verwendungsfläche sollen im Rem-Koolhaas-Bau ab heuer mehr Platz für die Verbreitung von Wahrheit und für die Hingabe an seriöse Berichterstattung bieten. Aus einer Perspektive schaut das Trumm irgendwie nach T-Rex aus, der den Altbestand attackiert. (Das war jetzt nicht seriöse Architekturkritik, ich weiß).

+6 – Schen und Schiach
Im Blog Österreichisch für Anfänger der DAZ (Deutsche Allgemeine Zeitung) ist zu lesen: „Das eigentlich Allerschönste an dem Wort schiach ist, dass man es sogar mit seinem Gegenteil schön (schen) verbinden kann. 'Bah, der is schen schiach!' Was wiederum bedeutet, dass jemand nicht nur hässlich ist, sondern beeindruckend hässlich. Man stelle sich das einmal vor…“ . Das Online Medium wendet sich in erster Linie an Auslands-Kasachstaner, erkennt aber messerscharf für manche Beschreibungen ist das deutsche Deutsch zu wenig aussagekräftig. Heuer soll noch das Humboldt Forum im reanimierten Stadtschloss seine Wiederauferstehung erleben. Zeitangaben sind zwar bei Berliner Projekten mit Vorsicht zu deuten, aber zumindest steht viel Baukörper herum, inklusive rekonstruierter historischer Kuppel. Auch ein vergoldetes Kreuz wie ehedem ist finanziert und soll im Frühjahr drauf gesetzt werden. Das Kreuz löste im Vorfeld heftige Diskussionen aus. Der Berliner Bischof Stäblein glättete die Wogen der inhomogenen Reliogionssymbolikverteilung. Das Kreuz sei kein „Symbol des Triumphs“. Dieser Aussage will der Spaziergänger Glauben schenken. Wehmütig erinnert er sich noch, als der alte Palast der Republik dort noch stand. Ausgehöhlt und von Asbest und anderen DDR-Heiligtümern befreit, gab es wirkmächtiges und volksverbundenes Nachnutzungsprogramm. Mit Wasser befüllt, konnte man mit der Liebsten / dem Liebsten wie zu Fin-de-Siecle-Zeiten auf einem Inhaussee rudern. Ein anderes Mal bestiegen großstädtische Messners einen Berg, der bis zur Decke reichte. Aber Sentimentalität hilft nix. Das Rad der Geschichte ging nach hinten los. Das Stadtschloss steht nun fast fertig da. Es ist wahrhaftig schen; schen schiach.

+7 – Tief unten, draußen und viel Grau
Als die Bombenangriffe der Alliierten auf Deutschland begannen, wurde das Reichsfilmarchiv der Nationalsozialisten in einem Salzbergwerk in Grasleben eingelagert. Nachdem das Lager von amerikanischen Soldaten 1945 gefunden wurde, kam es unter Tage zu einem mysteriösen Brand. Praktisch der gesamte Bestand an dort befindlichen Unterlagen, Filmrollen, Bildern und Plakaten ging damit verloren. Vor kurzer Zeit begutachteten Experten der Deutschen Kinemathek die Brandüberbleibsel vor Ort. Jedes noch so kleine vorhandene historische Schnipsel wurde geborgen. In  detektivischer Kleinarbeit konnte historisches Material fragmentarisch wiederhergestellt werden. Die beeindruckenden Ergebnisse des akribischen Restaurierungspuzzle sind aktuell in der Ausstellung Brandspuren – Filmplakate aus dem Salzstock in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in der Potsdamer Straße zu sehen. Einen zeitverzögerten Brand dürften auch die meisten – realen – Darsteller des Dokumentarfilms Bloody Nose, empty pockets gehabt haben. Irgendwo in einem Kaff in Nevada muss eine Bar schließen. Eine Kamera hält die letzten 24 Stunden in der Kneipe fest. Ein Film mit zahlreichen Kippeffekten. Nüchtern bleibt nur die Barkeeperin. Egal ob der Film, auf den des Spaziergängers Wahl fiel, nun mundet oder nicht, die lebenden Mobile-Leucht-Installationen im Zuschauerraum, bevor alles leinwand wird, erfreuen allemal. Ansonsten wird es Zeit für eine kleine Hommage an Berlin, stilgerecht in der Farbe, die im Februar die einzige wahre Leuchtkraft für die Stadt liefert: Grau. Das gilt natürlich nicht nur fürs Innenleben. Und nein, der Spaziergänger findet sie nicht depressiv oder gar "schen schiach“ wie er vorblogig ein Bauobjekt degradiert hat. Nein, Grau steht Berlin. Auch oben. Weiter oben. Ganz oben. Ob hart oder weich. Ob gestern oder morgen. Um Herrn Hellers Altweisheit fürs 21. Jahrhundert  zu erweitern: Die wahren Farben sind ohnehin im Kopf (bzw.im Kino).

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Fri 13/08/2021

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Sommerreprise.
Der Spaziergänger.
Be wie bereit

Ein Bericht in sieben Teilen
von Emil Gruber,
Februar 2020

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In Memoriam Emil Gruber
1959 – 2021

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