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Bericht
Sind urbane Utopien heute reine Utopie?

Stadt ist nicht mehr gleich Stadt: Die neuen, rasant wachsenden, großen Städte – Megalopoli – haben nur wenig mit der mitteleuropäisch geprägten Großstadt zu tun, wie wir sie kennen. Riesige Metropolregionen, die, im Gegensatz zu den bisherigen Großstädten, fast alle auf der Südhalbkugel liegen, sind die Brennpunkte der aktuell stattfindenden, großmaßstäblichen Urbanisierung. Die umwelt- und soziologisch bedingten urbanen Transformationsprozesse finden vor allem in den Metropolen der Dritten Welt wie Dhaka in Bangladesch oder Lagos in Nigeria statt. Gemeinsam mit dem, ebenfalls an einer Küste liegenden Großraum Rotterdam sind sie die Orte, mit denen sich die Studierenden von Joost Meuwissen und Martin Zettel in der Projektübung „Scenarios On The Megalopolitan Future: The Recreated Utopia“, am Institut für Städtebau der TU Graz, ein Semester lang auseinandersetzten. Ausgehend von intensiven Recherchen zu den Themenkomplexen Economy, Disaster und Hinterland wurden Konzepte und Strategien entwickelt, die noch bis 13. Februar 2011 im Grazer Haus der Architektur mittels Darstellungen in Modellen und Projektionen bis hin zum Medium Film zu sehen sind.

Zur Eröffnung der Ausstellung wurde in einer, von Martin Zettel moderierten Podiumsdiskussion, ausgehend von den Projekten der Studierenden, über urbanistische Utopien gesprochen. Teilnehmer waren Eilfried Huth, emeritierter Professor an der UdK Berlin, Hannes Mayer, Architekt und Redakteur der Zeitschrift archithese sowie Lehrender an der University of Westminster in London sowie Joost Meuwissen, Professor für Städtebau an der TU Graz und davor an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Die zentrale Frage war, ob Utopien an solch komplexen Orten, deren Funktionsweise trotz aller Forschung noch nicht endgültig verstanden werden kann, überhaupt möglich sind, wer sie erschaffen könnte und welche Relevanz sie in ihrer weiteren Folge überhaupt haben.

Utopien streben meist einem egalitären Ideal nach, stellen die Frage, wie man für Toleranz planen kann und müssen dabei stets darauf achten, durch das Fällen von Entscheidungen während der Planung nicht selbst in autoritäre Strukturen abzugleiten. Die Aufgabenstellung des Seminars – ein ferner Ort, den keiner der Studierenden selbst besucht hat und ein Katastrophenszenario, das eine tabula rasa ähnliche Ausgangssituation schafft – ermöglichte es, Entwürfe losgelöst von kulturellem Ballast und früheren Utopien zu entwickeln. So entstanden sehr unterschiedliche Projekte, die nicht versuchen, Bekanntes zu kopieren, sondern mit Fokus auf einzelne Aspekte der Stadt neue, eigene Utopien zu schaffen. Durch die Verlagerung an einen Ort in der Ferne (gewissermaßen einen Nicht-Ort für die Studierenden) und die damit einhergehende Entfernung von der eigenen Realität, werde das Denken einer Utopie vielleicht erst möglich, kommentierte Mayer die Aufgabenstellung.

Die Diskussion führte weit über die landläufig eng verstandene Vorstellung von Architektur hinaus und verdeutlichte, welche Themenfelder in zeitgemäßen Städtebau einfließen: Medialisierung und Globalisierung, Klimawandel, Armut und Ökonomie: Alle vorgestellten Projekte beschäftigen sich mit der sozialen Dimension im Zusammenspiel von Wirtschaft und Stadt, anstatt sich in stilistischen Diskussionen zu verlieren. Durch die Konzentration auf einzelne Faktoren, wie etwa die Müllentsorgung in der 15-Millionen-Metropole Lagos, wird ein individueller Zugang zu einem, in seiner Gesamtheit unplanbaren, sich selbstregulierenden urbanen System gefunden. Ein solcher Blick ist notwendig, da in den heutigen Dimensionen „geplanter Städtebau eine Utopie ist“, wie es Huth, selbst unter anderem für seine utopischen Stadtentwicklungen bekannt, formulierte. Eine Utopie müsse bei den Menschen beginnen, bei einem konkreten Thema, das sie betrifft, ergänzte Meuwissen. „Indem man über ein Detail spricht, redet man auch über die ganze Stadt“.

Die Ausstellung und das spannende Gespräch geben einen Einblick, was alles hinter den Entwürfen der Studierenden steht, wie sehr sich die Architektur (und besonders der Städtebau) zu einer immer komplexer vernetzten Disziplin entwickelt und dabei soziale Ideale vertritt. Die öffentliche Präsentation und Diskussion der Arbeit an der Architekturfakultät ist zugleich Ansporn für die Studierenden und eine Bereicherung der Grazer Architekturszene, wie das große Interesse an der Veranstaltung zeigte.

Ausstellung
Scenarios On The Megalopolitan Future: The Recreated Utopia
HDA Graz, Mariahilferstraße 2, 8020 Graz
Di-So 10.00-18.00 Uhr, bis 13.02.2011

Verfasser / in:

Martin Grabner

Datum:

Tue 08/02/2011

Infobox

Zur Ausstellung Scenarios On The Megalopolitan Future: The Recreated Utopia

bis 13.02.2011 im HDA Graz

Es diskutierten unter anderem über Utopien: Eilfried Huth, Architekt und bis 2002 Professor an der UdK in Berlin, Hannes Mayer, Architekt und Redakteur der Zeitschrift archithese, Lehrender an der Bartlett School of Architecture und an der University of Westminster, Joost Meuwissen, war Professor für Städtebau an der Akademie der bildenden Künste in Wien und ist zurzeit Leiter des Instituts für Städtebau an der TU Graz sowie Martin Zettel, Architekt, Stadtplaner und Lehrender am Institut für Städtebau an der TU Graz.

Bericht von Martin Grabner

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