LAMA Cover 4 2021
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Zweifelsohne soll das Thema Architekturkommunikation in Zukunft auch in der Lehre eine größere Rolle spielen, denn die Vermittlung von Architekturentscheidungen trägt wesentlich zu ihrer gelingenden Nutzung bei. Insbesondere im Hinblick auf die derzeitige Novellierung des Universitätsgesetzes besteht heute die Chance, wertvolle Impulse für eine zeitgemäße Ausbildungsgestaltung zu geben. LAMA widmete sich im Online-Talk am 23. März 2021 der Erneuerung der Architekturlehre und setzte damit ein politisches Zeichen. Gibt es Best-Practice-Beispiele für eine Architekturlehre von morgen? Wie präsentiert man als Architekt*in Laien seine Entwürfe? Wie diskutiert man mit Nutzer*innen über die geplante Architektur? Lassen sich komplexe Erkenntnisse und Ideen in eine verständliche Sprache übersetzen? Könnte es Fächer geben, die bereits während des Studiums dafür sensibilisieren?

Mit BASEhabitat wurde in der Architekturabteilung der Kunstuniversität Linz ein Studio eingerichtet, das im Bereich nachhaltiger, sozial verantwortlicher Architektur forscht, plant und Projekte in verschiedenen Ländern der Welt realisiert. Der Master handelt vom „Bauen in Entwicklung“ und setzt auf partizipative Prozesse. Im Studium wird auch die Lehrveranstaltung „Sozialraumanalyse“ angeboten, in der Theorie vermittelt wird, wie der Sozialraum definiert werden kann. Im Anschluss wird das Theoriewissen in praktischen Übungen in und mit der Stadt Linz angewandt. Dabei suchen sich die Studierenden je einen Ort aus, der genauer erforscht wird. Wie wird dieser Raum von den Menschen genutzt und was bedeutet die Art der Nutzung für den Entwurfsprozess? Es wäre durchaus sinnvoll, eine solche Lehrveranstaltung nicht nur in einem spezifischen Studienzweig anzubieten, sondern diese generell für alle Architekturstudierenden zugänglich zu machen.

Der Architekturfakultät an der FH Kärnten ist es ein besonderes Anliegen, so oft wie möglich mit Studierenden draußen unterwegs zu sein. Ländliches und soziales Bauen sind die beiden thematischen Schwerpunkte, denn Architektur ist eigentlich nichts wert, wenn man nicht an die Nutzer*innen denkt. Alles, was geplant, entworfen und gebaut wird, macht ohne Menschen absolut keinen Sinn. Es ist unerlässlich, das mitzubedenken! Und es gibt viel zu wenige Fächer, die diesen Aspekt betonen wie beispielsweise „beobachtende Fächer“ – dafür reicht oftmals nicht die Zeit. Doch wenn man sich in einen Raum begibt, sich mit diesem auseinandersetzt, an einer Stelle verweilt und beobachtet, was passiert und warum, lassen sich daraus viele wichtige Erkenntnisse filtern. Es gleicht einem „Spurenlesen“, wobei man sein eigenes Sensorium nutzt, um Materialien und Wissen zu sammeln. Beim Beobachten wird vor allem die Fähigkeit geschult, einen kritischen Blick zu entwickeln. Meist sind neben der Zeit auch die Kapazitäten knapp, um die „beobachtenden Fächer“ in den Lehrplan aufzunehmen. Aber: Angebote gibt es bereits, auch anderswo, und sie ließen sich nutzen, sofern eine vernünftige Vernetzung gewährleistet wird. Die Pandemie hat gezeigt, dass eine „ortlose Kommunikation“ in einem größeren Umfang (als gedacht) möglich ist. Das setzt jedoch voraus, dass um die Ecke gedacht wird und die Lehrveranstaltungen gemäß Bologna auch gleich gewertet werden, damit man sie an allen Universitäten anrechnen lassen kann. Das würde gleichzeitig einzelne Institute entlasten, da sie Angebote interuniversitär teilen. Die Online-Vorlesung als hybride Form böte (nach COVID-19) die Chance, das eigene Studium frei(er) zu gestalten. Kooperationen untereinander – innerhalb des universitären Systems – wären dafür wesentlich.

In der Architekturlehre wird sich vermutlich vieles ändern. Die technologischen Möglichkeiten verändern unsere Wahrnehmung. Wir haben in den vergangenen Monaten erfahren, wie örtliche Barrieren (temporär) überwunden werden können. Das ließe sich auch für das Bildungswesen nutzbar machen. Nicht an jeder Universität können beispielsweise Architekturvermittlungs- oder Kommunikationsworkshops angeboten werden. Doch ließen sich Expert*innen anfragen, um ihr Wissen – ohne eigenen Lehrstuhl – hochschulübergreifend zu teilen. Eine Wissensverteilung ohne Grenzen wäre umsetzbar. Das Modulare, Fluide wurde mit Bologna bereits organisatorisch vorausgedacht. Noch scheitert es an der Bürokratie, aber auch diese sollte sich in absehbarer Zeit überwinden lassen, um den Bologna-Prozess neu und konsequenter umzusetzen. 

Einerseits fördern digitale Anwendungen flache(re) Hierarchien, andererseits bildet sich ein neues und gänzlich ungewohntes Spezialist*innentum heraus, das nicht mehr an bestimmte Standorte gebunden, sondern vielmehr rhizomatisch strukturiert sein wird. Alles, was man lernen möchte, ließe sich mithilfe der bereits angesprochenen schrankenlosen Vernetzung lernen. Als Student*in könnte man sich hochgradig spezialisieren und sein Studium durch die freie Gestaltung personalisieren bzw. individualisieren. Das Physische, der Zufall, reale Räume sind nach wie vor nötig. Dazu sind allerdings Überlegungen zum Wert bzw. zu einer Neubewertung eines Standorts notwendig. Braucht es lokale Standorte wie die TU Graz noch? Wird die Gesellschaft in Zukunft tatsächlich weniger ortsgebunden sein?

Ein Referenzmodell für die unerlässliche Selbstermächtigung stellt weiterhin das Zeichensaal-System dar, das als Grazer Sonderfall gesehen werden kann. Ein solches wäre eine ideale Ergänzung zu einem internationalen virtuellen Angebot. Selbstunterricht als Herausforderung auf der einen Seite könnte im Zusammenspiel mit einem Kollektiv, in das man integriert ist, auf der anderen Seite für den wichtigen Austausch sorgen. Kommunikation und ein Miteinander, ein Voneinander-Lernen, würden als oberste Prioritäten gelten. Der sogenannte Hands-On-Approach dürfte wahrscheinlich weiterhin nur lokal funktionieren. Diversität, kleine eigenständige Lehren und Schulen müssen bewahrt, Gleichschaltung und Architekturkolonialismus (Stichwort Neoliberalismus) entschieden vermieden werden. Angesichts eines so verlockenden Gedankens, überall Angebote wahrnehmen zu können, ist eine umfassende Neuorientierung und Umstrukturierung nötig. Dazu hieße es auch: Raus aus der Blase! Zusammenhänge verstehen lernen, eine kritische (Architekt*innen-) Generation herausbilden!

Es bedarf eines Verständnisses für die eigene Einbettung (Kontextualisierung) und dafür, was das raumbildende Moment eigentlich ausmacht. Vom Universellen in der Architektur bis hin zu ihrem Spezialist*innentum ist die Bandbreite vielfältig. Ein Aufzeigen der praxisrelevanten Möglichkeiten ist wichtig (Stichwort Wettbewerbe): Informationen vermitteln, Beteiligung(en) anstreben, Praxiserfahrung(en) sammeln, sich vernetzen und die Gelegenheit, Architekturexperimente durchzuführen, nutzen. Das Studium sollte durch eine intensivere Praxiserfahrung ergänzt werden, die auch essenziell für den Arbeitsmarkt ist. Dabei wesentlich: Praktika müssen bezahlt werden, um vor allem sich selbst erhaltende Studierende nicht weiter zu benachteiligen. Verpflichtend ist ein Mindestgehalt, um für einen Ausgleich zu sorgen. Privilegiertheit ist entschlossen abzubauen! Durch Erfahrungen in authentischen Arbeitsumgebungen wird auch der Einstieg in Projekte bzw. in Büros nach dem Studium einfacher. Es sollten auch Plattformen, Orte, Foren eingerichtet werden, um über Erfahrungen berichten zu können und so für andere Orientierungshilfe zu leisten. Selbstständigkeit ist wichtig, Selbstverantwortung und Persönlichkeitsentwicklung ebenso, aber für faire Bedingungen müssen die Strukturverantwortlichen sorgen. Die Rolle des Dienstleistenden ist ebenso strikt zu hinterfragen, denn Architekt*innen sind mehr als das! Dafür ist Haltung nötig, soziale Kompetenz und kritische Reflexion. Um eine solche herauszubilden, braucht es eine ernst gemeinte Interdisziplinarität und ein ebenso offenes Sprechen über Architektur(lehre).

Verfasser / in:

Bettina Landl

Datum:

Thu 28/04/2022

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Dieser Text ist ausgewählt aus dem Architekturmagazins LAMA #4/9 und ist Teil der Kooperation zwischen LAMA und gat.st.

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