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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Landschaft. Umkreisung eine Begriffs

"Meine Versuche sind nach Maßgabe dessen vollendet,
was mir zu erreichen möglich war."
Frederic Chopin

Landschaft ist manchmal wie Kindheit - so schön, wie man sie in Wahrheit nie gehabt hat.
Landschaft aus dem Flugzeug ist etwas anderes als Landschaft zu Fuß. Sie wird abstrakt wie ein Grashalm, sobald er unter dem Mikroskop liegt. Im ganz Großen und ganz Kleinen arbeitet dasselbe Muster.
Landschaft ist: so viele Grüntöne, dass man begeistert ausrufen möchte: „So viele Grüntöne!“
Landschaft ist jene Selbstverständlichkeit, vor der man gelegentlich zusammenzuckt: So fremd! So überwältigend! So bedrohlich! So offensichtlich, dass man es meist übersieht. Es wäre sonst vielleicht nicht auszuhalten.
Landschaft ist also diese Fülle der Rufzeichen, die in jeder Kleinigkeit vibrieren, selbstverständlich und sensationell, eine Gelassenheit wie sonst nur im Wahnsinn oder im Tod.
Landschaft ist Wirkung. Nach einem dramatischen Morgenrot wird der Tag allemal besser, dichter, reicher. Als hätte man eine Andachts- und Kraftübung der besonderen Art hinter sich. Doch in der Gruppe erlebt, verpufft der Effekt. Landschaft ist eher für Einzelgeher, was nicht Einzelgänger heißen muss.
Landschaft: als trüge jedes Ding ein Etikett, das man nicht entziffern kann. Macht nichts. Sobald sie benannt ist und entschlüsselt, verliert sie an Magie und wird Statistik. Die muss man teilweise kennen und wieder vergessen und dann einfach durch die Landschaft gehen.
Landschaft ist ein oft ratloser und heilvoller Bildtitel.
Landschaft ist Form, wie sie seit jeher auch in dir angelegt ist. Manchmal, selten, gibt es diese Momente, da man die Übereinstimmung spürt, ohne sie behaupten zu müssen. Diese Linie des Horizonts – und ich. Dieses Glitzern des Tautropfens – und ich. Diese Form der Rispe – und ich. Diese Gesteinsschicht – und ich. Dieses Saftige aus der geschälten Rinde – und ich. Als hätte man auf den Gleichklang gewartet, um sich seiner zu vergewissern, ganz leise. Das beruhigt einerseits, weil man schließlich wo dazugehört. Andererseits bereitet es einen kreatürlichen Schock: Die Erde einen Meter unter mir – und bald ich. Heimat hat mehr mit Sterben zu tun, als dir bewusst ist.
Landschaft ist, was mich braucht. Haha! Ohne mich und meine Worte gibt es schließlich keine Landschaft. Und wenn ich tot und endlich ihr Bestandteil bin, hat sie zu existieren aufgehört. Ach, was für Unsinn mein Solipsismus sein kann! Jede primitive Deutung eines Dschungelstammes erscheint plausibler und vernünftiger.
Landschaft ist mit Worten nicht beizukommen. Endlich eine Handvoll kluger Worte...
Landschaft ist, und deshalb denunziert man sie manchmal empört, manchmal so verdammt versöhnlich, süßlich, lieblich, lullt dich ein. Man wünscht ihr dann Vulkanausbrüche und Lawinen an den Hals, bis man begreift, dass sie auch dann gewonnen hat. Wie immer.
Landschaft ist Droge.
Landschaft ist, wovor der Städter steht wie der Ochs vorm neuen Tor, wie das Landei vor der ersten Rolltreppe seines Lebens. Und in ihrem Angesicht, ob du willst oder nicht, atmet man ganz anders als zum Beispiel im Büro.
Landschaft ist die Scheu vor ihrer Macht. Du kannst sie mit Baggern und Bomben zerfetzen und planieren, doch bleibt sie stärker: Sie hat Macht über dich, weil du ihr egal bist. Sie braucht dich nicht einmal als Zeugen. Sie ist nicht einmal auf deine Verwesung angewiesen. Hast du dir den Butterfly-Effekt, wonach der Flügelschlag eines australischen Schmetterlings einen Orkan über Mexiko auslösen kann, aus Einsicht in Zusammenhänge ausgedacht oder aus reinem Trotz? Schließlich kannst auch du ein bisschen flattern...
Landschaft: ist sie Ursache oder Wirkung? Was immer es sei – es wird eine weitere Behauptung.
Landschaft ist der Jubel einer Farbe unter vielen. Sonnenblume zwischen Grün, das ihr den Hintergrundprospekt aufrollt. Landschaft selbst ist Jubel. Glaubte man an Götter, und manchmal muss man das, möchte man ihnen all dies unterjubeln: diese sanfte Ungeheuerlichkeit, diese leise Pracht, diese schreckliche Schönheit, dieses bizarre Vertraute, das ganze Unaufhörliche halt. 
Landschaft ist, wenn ein Blatt im Notizblock vor Luftfeuchtigkeit Wellen wirft.
Landschaft ist Umstand und Geschichte: Die erhabene Stille nach der folgenschweren Überschwemmung.
Oder: Wir freuten uns aneinander, damals, und die Moskitos freuten sich über meinen nackten Hintern.
Oder: Eine Chiffre im Versteigerungsedikt. Und das Gesicht des Bauers, dem nun nichts mehr gehört.
Oder: Unter dieser behaglich hingestreckten Wiese, von Buchen eingerahmt und umarmt, liegt ein Massengrab. Die Anrainer schweigen verbissen.
Landschaft ist Frauenkörper. Frauenkörper ist Pilgerstätte, Wallfahrtsort. Und sonst: Der Mensch ist, je älter, desto mehr Landschaft. Je näher dem Verfall und der Verwandlung in Erde, desto eher Landschaft.
Landschaft ist Verwandlung, permanente Travestie von früh bis früh, von Frühling bis Frühling. Auch der Betrachter, der einen Sonnenaufgang nie satt bekommt, ist von mal zu mal ein andrer geworden. Landschaft also ist Augenblick und die Dauer des Schauens. Ist die Stimmung, in der man grad ist. Ist die Summe der Vergleiche. Ist das Wissen. Wissen vor allem um die Unendlichkeit des Nichtwissens.
Landschaft: Unter dem Mikroskop wird alles Landschaft. Sie ist, was das Auge erschafft. Blinde haben keine andere Landschaft als Konzert und Stimmen – und das Echo von so nah, daß man es greifen kann.
Landschaft ist Verwandtschaft. 

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 15/07/2014

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Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person:
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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