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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Vom Gehen in Hitze und Kälte

"Den Kopf entspannt aufrichten."
Erste der zehn Tai-Chi-Regeln

In der Sommerhitze fällt mir ein, was für eine Wohltat es war, damals, barfuß durch eine schattige Senke am Stadtrand zu gehen, links Haselnussstauden und im Wind das Geflimmer von Grün, rechts die Wiesen in ihrem Gewoge und unter den Sohlen diese kühle Erde, ein bisschen feucht. Ich blieb stehen, schloss die Augen, das war´s. Das war, kommt mir jetzt beim Tippen in den Sinn, tatsächlich Mutter Erde. Sie roch auch irgendwie danach. Jahre später werde ich in einem Film im Grazer Augartenkino sehen, wie sich ein adoptiertes Flüchtlingskind mitten in seinem geordneten Wohlstand die Schuhe und die Socken auszieht und ins Gras tritt, ehrfürchtig und erinnerungsselig und plötzlich wieder in einem Daheim.

In der Sommerhitze, wenn der Asphalt kochte, war ich dankbar für die plattgefahreren Pferdeäpfel auf der Straße. Sie waren trocken und etwas borstig, zwar nicht kühl, aber nicht so brennend und klebrig wie der Asphalt. Auf diesen guten Inseln bewegte man sich als Bloßfüßiger weiter und kam dann irgendwie ins Heute. Einmal habe ich es - den Pferden sei gedankt! - geschafft, auf ihrem Mist bis zum Kino zu kommen. Wir Kinder haben uns dort im ersten Stock hingestellt und dackelhaft zum mürrischen Cerberus hinaufgeblickt, bis der gesagt hat: "Äch!" Dann hat er uns hineingelassen, gratis. Dann war John Wayne und schöne Frauen und Pferde.

Wenn die Kinder zahnten, habe ich sie nächtelang durch das Zimmer getragen und ihnen vorgesummt und vorgebrummt. Bald kannte ich jede Stelle im Raum, wo der Parkettboden knarrt. Dreißig Jahre später ergibt es sich, dass ich wieder ein kleines Kind durch die Gegend schaukeln darf, im selben Raum. Und? Die Parketten knarren jetzt an anderen Stellen. Holz lebt und bewegt sich. Ich begrüße es mit einem alten Lied, das kann ich noch, und bilde mir ein, dass die Parketten lächeln. Etwas spöttisch, aber es ist auch ein Gruß.

Einmal war da ein Seeigel unter der Sohle, das war in Dalmatien, und das Meer, mit Morgenstern gesagt, "glänzt voller Glück". Der letzte Stachel der Kanaille kam übrigens erst ein Jahr später aus dem Fuß. Das war dann am Neusiedlersee. Auch ein schöner Tag. Unweit davon, in Kumpitz, bin ich einmal Kunstflug geflogen, mit allen Schikanen. Der Pilot hat zu den ungarischen Grenzern gewiesen und gemeint: "Wenn´s denen langweilig ist, schießen sie manchmal auf uns, aber das darf man nicht persönlich nehmen." Übrigens empfehle ich allen Architekturstudenten Kunstflug. Kopfunter ist das Leben anders. Und im Sturzflug, wenn der Motor schweigt, erst recht. Da bekommt die Landschaft, die sonst nur irgendwie herumliegt, Zukunft.

Wenn ich als Rettungsfahrer Frühdienst hatte und in der Finsternis zu Fuß zur Rot-Kreuz-Dienststelle zog, habe ich im Winter bald begriffen, wo auf dieser Strecke die warme Luft aus den Kellern steigt und mir gut tun wird. Dieses Wissen bestimmte meine tägliche Route. So kann man eine Stadt auch kennenlernen und wird sie an bestimmten Stellen mögen, man phantasiert sich in die Wärme der Umarmung. Ich dachte bei meinem Zick-Zack durch die Gassen natürlich an Marilyn Monroe, an jene Szene mit der heißen Luft von unten und mit dem Rock. Und mit ihrem wunderbar unverschämten Lachen. Somit dürfte ich damals im Frühdienst ein ziemlich heiterer und gut durchbluteter Sanitäter gewesen sein. Ja, die Stadt mag ich auch.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 17/06/2014

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Privatissimum vom Grilj
Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person:
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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