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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Absenz des Außen oder Das ruhige Bleiben im Zimmer. Eine Bagatelle

Das ganze Unglück der Menschen
rührt allein daher, daß sie nicht ruhig
in einem Zimmer zu bleiben vermögen.
Blaise Pascal

Dann meldet sich einer, ein Aber-Sager, und widerspricht dem französischen Denker wie folgt: „Monsieur Pascal, ich habe mein Zimmer seit dem 23. Oktober 2018 nicht verlassen. Aber seither habe ich beim Anhören der Nachrichten im Radio oder beim Klicken durch Online-Zeitungen kaum den Eindruck, die Menschen seien glücklicher geworden. Und ich bin es auch nicht.“

Vielleicht weil der Aber-Sager streng genommen nicht im Zimmer bleibt, sondern gelegentlich ins Bad und in die Küche schlurft, kurzatmig, kraftlos und auf dünn gewordenen Greisenbeinen, samt ihrem Brennen vor Polyneuropathie. Er ist ja nicht krank und bettlägerig, ihm fällt nur nebenbei eine Zeile von Emily Dickinson ein: „Das gab mir jenen schwanken Gang, den man Erfahrung nennt.“

Und dann noch Judith Schalansky. In ihrem schönen Buch Verzeichnis einiger Verluste schreibt sie: „An meinem Zimmer erkennt man mein Wesen besser als an meiner Lunge oder meinem Herzen.“ Dagegen kann jener, der vorhin seinen Widerspruch angemeldet hat, nichts sagen – er ist ja weder Pneumo- noch Cardiologe und kann folglich nicht vergleichen. Doch wenn er sich im Zimmer umsieht, bekommt er trübe Augen und Herzstechen.

Der Raum ist keine zugemüllte Messie-Höhle, das nicht, aber er atmet bleierne Mattigkeit und wirkt nichts als sinnenentleert. Dieser Raum – die Bücher, die Bilder, das Klavier, die Teppiche und Tische – war ja ein strahlendes „Willkommen!“. Jetzt erzählt er von „Aufgabe“. Jedoch nicht im Sinn von Ziel und Absicht oder Plan, sondern nur, dass sich da einer aufgegeben hat.

Zum Gedanken Pascals wendet er ein, man müsse bei Aphorismen bedenken, dass sie in einer spezifischen Situation entstehen und überzeugen. Ferner, dass es zu so gut wie jeder Volksweisheit – die man Erfahrung nennt – eine andere gibt, die das Gegenteil sagt und genauso schlüssig ist. Freilich weiß er, es ginge ihm besser, wenn er aus dem Zimmer ginge, in einen Garten oder seinen ersten Sonnenaufgang seit 23.10. Das täte auch dem Raum gut, wegen der  Wechselwirkungen zwischen Zimmer und Ich. Die tun beiden Beteiligten nicht immer gut. Dann zuckt er mit den Schultern. Was hilft schon Wissen!

Um diese Geschichte doch einer Prise Schönheit auszusetzen, entsinnt sich der Aber-Sager Schuberts Wegweiser. Mit jener Schlusszeile von Wilhelm Müller: „Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück.“.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 19/02/2019

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GAT veröffentlicht in der Kolumne Privatissimum vom Grilj jeden dritten Dienstag im Monat Texte zum Nachdenken.

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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