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Glosse
Privatissimum vom Grilj

Meine geahnte Verwandte, die Bettlerin

Wir sind ein Gespräch.
(Hölderlin)

Carmen!
(Prosper Mérimée)

Dort, wo ich aufgewachsen bin, in einer Kleinstadt, sind sommers immer Zigeuner gekommen und haben unten am Fluss campiert, an meinem Lieblingsplatz, wo ich sonst Mühlräder gebaut oder in die Wellen geschaut habe. Es waren ungefähr zwei Dutzend, die da angekommen sind, jedes Jahr andere Leute, bis auf die hagere und große Frau in Schwarz, die war immer dabei. Sie haben - soviel zur Architektur - Fetzen zwischen die Bäume gespannt und darunter gewohnt, sie haben Feuer gemacht und - soviel zur Kulinarik - frisch gefangenen Fisch gebraten.
Ich war im Gebüsch versteckt und habe sie beobachtet. Als meine Mutter einmal zornig auf mich war, hat sie gesagt, ich sei gar nicht ihr Kind. Die Zigeuner hätten mich auf die Schwelle gelegt. Es stimmt also nicht, dass die Zigeuner Kinder stehlen - die schenken sie eher her, wie zum Beispiel mich. Soviel zum Vorurteil.
Ich wollte dann in meinem Versteck draufkommen, wer meine wahren Eltern sind. Soviel zur Ahnenforschung. Das waren ziemlich verwegene Gestalten, da unten am Fluss, sie haben gefährlich ausgeschaut und sie haben mir gut gefallen, nur hätte ich mich kaum getraut, ihnen diretissima vorzuwerfen, dass sie ausgerechnet diese Schwelle ausgesucht hatten. Aber ich wäre nachher, als es soweit war, gern mit ihnen gezogen. Soviel zum Wünschen, das nicht hilft.
Nachts hat man sie manchmal schreien und schnaufen und um das Haus rennen hören, im besoffenen Streit, und Vater - Vater? Pater incertus. Mein wahrer Vater ist Zigeuner - hat dann beim Frühstück gesagt, sie hätten wieder ihre Messerstechereien absolviert. Soviel zur Soziologie und der Kunst des Kämpfens. Ich sah morgens im Garten, dass die Kamillen, meine zarten und duftenden weißgelben Kamillen, soviel zur Botanik, voller Blut waren, ganz verklebt.
Soviel zum Kolorismus und wo er herkommt.
Manchmal ist jene Frau im grindigen Pelzmantel - ich habe sie stets für die Herrin der Truppe gehalten - zu uns in die Wohnung gekommen. Ich habe da gedacht, sie käme mich holen. Und meine Mutter oder das Kindermädchen haben ihr Briefe vorgelesen, die sie ihnen hingehalten hat, und dann welche geschrieben, die sie diktiert hat. Soviel zum Alphabetismus. Sie bestand aus stolzem Blick, langsamen Gesten und irgendeinem Rattenmantel. Soviel zum Styling und zur Souveränität.
Neulich und Jahrzehnte später sehe ich aus dem Fenster eine Zigeunerin an der Hauswand hocken - soviel zu Graz - und betteln. Sie heißt heute nicht mehr Zigeunerin - soviel zur politischen Korrektheit. Heute heißen sie Sinti oder Roma, das klingt unbedenklich, aber in Frankreich und Italien werden sie trotzdem immer wieder verjagt. Wir haben sie zwar Zigeuner genannt - sie sich selber übrigens auch -, aber wie haben sie nach ihrer Fasson leben lassen, unten am Fluss, an meinem Lieblingsplatz.
Und weil ich gerade ein wehes Knie hab und nicht hinunter zur Bettlerin gehen kann, aber weiß, dass Wenzel gleich zu mir kommt, rufe ich ihn am Handy an: "Bitte, Wenzel, vis a vis hockt eine Zigeunerin. Der schmeißt niemand was in den Becher." Wenzel hat ihr - soviel zum Teilen - Geld in den Becher getan und dann auch zu meinem Fenster hinaufgewiesen.
Seither winkt sie mir jeden Tag herauf und lächelt heiter, und ich winke zurück. Vielleicht ist sie meine Cousine, wer weiß. Irgendwie sind wir alle verwandt.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 18/03/2014

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Kommentare

Schöne Geschichte, schöne Glosse.

Danke dafür, Mathias Grilj. Bei mir zuhaus gabs auch immer wiederkehrende Zigeuner, sie durften ihr temporäres Quartier in einem schäbigen Wald nahe dem Thalerhof aufschlagen, genau dort, wo heute der südliche Teil des Skulpturengartens ist. Oder wurde er ihnen von der Gemeinde zugewiesen? Keine Ahnung. Ich war neugierig auf das Geschehen dort, nur darauf, und fuhr heimlich mit dem Rad dorthin, immer allein, damit mich niemand verraten könne. Das war für eine 6-jährige, 7-jährige und maximal 8-jährige (danach kamen zwei Jahre Klostervolksschule und Klosterinternat) weit, aber es war die weite Welt. Zelte und Campingsessel, diese zinnernen Waschschüsseln, einzelne Wohnwagenanhänger zwischen den Riesenkübeln von tiefliegenden Mercedes, die sonst nur ein paar Bauern im Dorf hatten. Wir nicht. Ich hab mich auch versteckt und geschaut und gelauscht, einer Sprache, die mir fremd war und fremd blieb. Für mich als bis dahin frei und wild aufwachsendes Kind von immer arbeitenden Geschäftsleuten, ein Kind mit einer einzigen Regel (im Sommer), die hieß, wenn es Siebene läutet, kommst du heim, für mich war das Leben der Zigeuner die Vorstellung von großer Freiheit, einer noch größeren als die, die ich damals hatte und deren Wert ich noch nicht benennen konnte.

Infobox

Privatissimum vom Grilj

Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person:

Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz

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