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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

In Hamburg lebten zwei Ameisen,

die wollten nach Australien reisen.

Bei Altona, auf der Chaussee,

da taten ihnen die Beine weh,

und da verzichteten sie weise

dann auf den letzten Teil der Reise.
Joachim Ringelnatz

Architektin und typisches Hendl

Jetzt will man die Mädchen unbedingt lehren, dass sie ja nicht „typische Frauenberufe“ ausüben sollten, wie etwa Friseurin, sondern „etwas Technisches“. Wozu? Ich hoffe, dass alle werden, was sie werden wollen, und dann damit glücklich sind. Das wär´s.
Meine kleinste Tochter ist zwar nicht Traktorfahrerin geworden, die sie einst werden wollte, aber dafür ist sie Architektin. Im Studium hat sie Pizzen zugestellt, von typisch italienischen Männern in den Ofen geschoben, und hat dann bei Kunden so einiges an typischen Männern und typischen Frauen getroffen. Dabei hat sie für das Leben gelernt: „Wo du hinschaust, so viel traurige Existenzen. Und unendliche Einsamkeit.“
Diese Architektin war schon von klein auf auf Gestaltung der Räume aus. So hat sie, sobald sie eine Schere halten konnte – jedem Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht zum Trotz – die Gardinen zerschnitten und war fasziniert vom Geflatter der Fransen im Wind. Was für ein Mirakel!
Zudem hat sie gern – der Raum will ja mit allen Sinnen erlebt werden – in irgendeinem Eck, hinter dem Schreibtisch oder unter der Couch ihre Losung hinterlassen und geschmunzelt, wenn die Alten geschnüffelt haben, wo es denn diesmal gewesen sein könnte. Manchmal hat sie auch ein dickes Buch darauf gelegt. Zum Beispiel Bazon Brocks Ästhetik als Vermittlung. Das hab ich ihr dann zur Matura geschenkt, genau jenes Exemplar.
Kurzum: sie hat ständig unser Leben gestaltet, die kreative Maus, und dabei viel gelacht.
Also, Mädchen, wenn Ihr unbedingt Architektur studieren wollt, das waren schon drei Tipps für den Anfang. Fransen, Losung, Lachen.
Aber sie ist auch typisch Frau und kann es einfach nicht lassen: „Papa, morgen komme ich vorbei und schneide dir die Haare.“

PS: Der kleinere Bruder der Kleinsten wollte damals ein Hendl werden, weil ihm der Schlager Ich wollt´, ich wär ein Huhn ausnehmend gut gefallen hat. Den hat er die ganze Zeit gekräht. Am Vormittag legt´ ich ein Ei, am Nachmittag, da hätt´ ich frei... Und was hat er dann gemacht? Architektur? Nein, Chemie. Und ist nach Stanford gereist. Typisch Huhn.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 17/05/2016

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Kommentare

lieber Herr Grilj,

ich hab auch so ein Exemplar, das unseren Alltag gestaltet, zuhause, allerdings in der männlichen Version, 5 Jahre alt: durch ihn haben wir mit Leuchtstift bemalte Wände, wunderschöne Gravuren im Holzboden, im Esstisch, auf Sitzflächen, geschnitzte Ornamente in den Stämmen unserer Zimmerpflanzen (die das leider meist nicht verkraften), mit Haarfarbe verzierte Klodeckel und Badezimmerschränke.....zurechtgeschneiderte Vorhänge, damit ihn die aufgehende Sonne weckt, um sein täglich Handwerk zu beginnen, wenn die Oma, noch schlaftrunke, komplett wehrlos ist. Schlimm ist keinepassende
Kategorie, (verhaltens)kreativ trifft es wohl eher. Und das muss man als künftiger Architekt wohl sein, wenn man es zu etwas bringen möchte. Für einen aufrechten Polizisten - sein derzeitiger Traumberuf - wird es wohl nicht reichen.
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Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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