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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Nachruf auf ein totes Haus

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Genesis 1,1

Lustig in die Welt hinein
Gegen Wind und Wetter!
Will kein Gott auf Erden sein,
Sind wir selber Götter!

Wilhelm Müller

Das Beste ist noch nicht vorbei
Fiva

Mitten im Gehen innehalten: da war was! Vielmehr... da war was nicht. Als man zuletzt über den Lendplatz zog, stand da ein altes Gebäude am Eck. Vor solchen Baulücken merkt man meist die eigenen Gedächtnislücken, diesmal aber sehe ich das Haus, dessen Begräbnis ich versäumt habe, vor mir: Das Dach war ihm schon schwer geworden, drückte an den Schultern, und die Fenster schielten matt und müd. Zu ebener Erd lag Fastneu Hasiba, die Altwarenhandlung.
Fotokameras, Porzellanfiguren, Schi- und Eislaufschuhe, muschelbeklebte Schmuckschatullen, Silberbesteck, Querflöten in samtenen Bettchen, viel Ramsch und Zeug, das ungemein praktisch aussah, nur wusste man nicht, wofür. Auch fabriksneues Konkursgut, made in Taiwan.
Vor mehr als dreißig Jahren – wir hatten kein Geld und waren reich, habe ich hier ein Xylophon gekauft für meine Tochter. Bemalte metallene Plättchen, und im beigelegten Heft bunte Knöpfe als Noten: Rot-blau-blau war Hänschen klein. Heute spielt sie Klavier und war schon in die weite Welt hinein gegangen. Dann kehrte sie zurück und hat Kinder geboren.
Draußen, am Lendplatz, roch es aus dem Nachbargeschäft nach Fisch, drinnen nach gastfreundlicher Verwesung. Der geduckte Raum war ein schummriger Theaterfundus. Die eigentliche Handelsware war die Aura des Abgegriffenen. Man kaufte den Charakter der Dinge, ihre Geschichte und die Gedanken, die sie auslösten: War dem Vorbesitzer diese Gitarre nur lästig oder zwang ihn die Not zum Verkauf?
Der bärtige Chef passte nicht recht hierher und gehörte mit seiner Energie eher in eine Nordpolexpedition. Er schien mit den Gedanken immer woanders.
Wie auch immer: eine Altwarenhandlung darf nicht sterben. Der Verwalter des Absterbenden ist ja ein Garant der Dauer. Nun ist er selber weg. Zwölf Schritte weiter könnte man im alten Wirtshaus fragen, was der bärtige Fastneu-Hasiba jetzt macht. Ob er schon am Nordpol ist. Aber das Vorstadtwirtshaus gibt es auch nicht mehr. Dort ist jetzt ein Puff, auch so ein Geschäft für abgegriffene Illusionen.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 21/04/2015

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Privatissimum vom Grilj

Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person:

Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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