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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Angebot, gesehen vor dem Cafe "Neandertaler" zu Wien:
AMS-Spezial: 1 Bier, 3 Schnäpse - bis 11 Uhr 5 Euro

Arbeitslose jammern nicht und demonstrieren nicht. Das tun Beamte. Und wenn ein Arbeitsloser auf Arbeitssuche z.B. in Wien ist und am Bacherplatz vor einer grindigen Winde so eine Aufschrift entdeckt, fühlt er sich verdammt verstanden. Verstanden und verdammt.

Wenn aus der Sache in Wien dann auch nichts geworden ist, nimmt er das nicht persönlich, er fährt wieder heim. Dort liegt ein Brief vom Arbeitsmarktservice. In diesem steht, er möge innerhalb einer Woche seine Liste mit den erfolgten Eigenbewerbungen ausfüllen: Datum... Firmenname... Adresse... vorgestellt als... Kontaktperson (Telefonnummer)... die Vorstellung erfolgte (ankreuzen): telefonisch, schriftlich, persönlich.

Dann wird es für ihn persönlich etwas heikel. Es geht bei ihm mit der Suche nach Jobs nämlich nicht nach einem Muster, das sich korrekt in solche Listen füllen ließe. Also nichts mit Personalchef und Anklopfen bei der Sekretärin und "Bitte, warten Sie ein paar Minuten!" Auch wenn er - und das ist das Eigentliche, um das es hier in diesen Zeilen geht - auch wenn er inzwischen bereit sich, sich devot jedem Schema, jedem Muster, jeder Schablone zu fügen. Soweit hat es ihn schon zermürbt, das Schicksal, und er will ja den Leuten vom Arbeitsamt nicht die Nerven gehen, die haben ja auch ihre Schemen, Muster und Schablonen. Sie sind Nummern, er ist auch eine Nummer, er rangiert nur unter einem Daumen tiefer. So was wie "Person" gibt es schon lang nicht mehr. Höchstens auf Twitter, aber das ist ja auch eine Täuschung.

Was der Arbeitslose jetzt nach bestem Wissen und Gewissen anführen könnte, ist beschämend - auch wegen der Fallhöhe zwischen Hoffnung und Heute. Er hat halt für einen Film, der "angedacht" und bereits terminlich fixiert war, eine Sache geschrieben, die gut angekommen ist - aber der Filmemacher ist erkrankt, und das wird länger brauchen. Eine Institution, bei der er Kunstprojekte machen soll und will, hat innere Verwicklungen oder was auch immer, und er weiß nicht, woran er derzeit ist. Das Nachfragen ergibt, wenn es gut geht, Vertröstung. Und für eine Lesung, die er machen sollte, hat ein anonymer Einflussreicher seinen Protege placiert. Und die gut ausgedachte und raffiniert zu schaffende Sache mit der geplanten Anthologie haben die Gesprächspartner vom Verlag neulich auf das nächste Jahr verschoben, zuviel Stress im Moment. Und das mit der Übersetzung der Sauflieder von Carl Michael Bellmann, die er zwecks CD-Aufnahme machen sollte und will und über die mit soviel Eifer und Liebe gesprochen worden war, ist grad auf "naja". Und, naja, reich wäre man damit eh nicht geworden.

Wie schreibt man so etwas in so eine AMS-Schablone? Man will ja die beteiligten - oder inzwischen unbeteiligten - Leute nicht, wie es derzeit hieß, kompromittieren. Vielleicht wird ja doch was draus. Opponiert man also gegen das aufgezwungene Schablonen-Leben und geht auf die Straße? Oder verkriecht man sich stumm? Die Schablone wurde ja bestimmt und garantiert und sicher eingeführt, um die "Kreativität" und die "Eigeninitiative" zu fördern und Depressionen zu verhindern. Was soll also die ungebührliche Depression jetzt, wie sie aus den Seelenporen kriecht? Die passt in eine andere Schablone. Und die ist auch gut gemeint.

Weil kommende Woche Weihnachten ist und die Augen der Depressiven da besonders glänzen, hat wahrscheinlich nicht einmal der "Neandertaler" offen. Er wäre der Seele ein Freund gewesen, zumindest bis elf.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 17/12/2013

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Privatissimum vom Grilj
Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person:
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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